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Die Diskussion in und um Libertad! und dem
internationalen Kampftag fängt erst an, so wie
Libertad! am Anfang einer Entwicklung steht. Das Profil
ist bis jetzt nur in einigen Grundpfeilern festgelegt.
Widersprüche und Unklarheiten werden sich erst
im Laufe des praktischen Prozesses von Libertad! lösen
lassen.
Wir antworten auf einige Fragen, die uns bei
dem Vorstellungstreffen in Köln, in anderen Gesprächen
und von der Zeitung "Politische Berichte" gestellt wurden.
Es gibt bereits einen internationalen Tag der Gefangenen
am 17. April, der von der Intifada im Zusammenhang mit
dem berüchtigten Lager Ansar III ausgerufen wurde.
Es finden zu diesem Tag auch in der BRD Aktionen statt.
Wie seht ihr euch im Verhältnis dazu - sowohl international
als auch auf die BRD bezogen?
Als wir mit den Genossinnen und Genossen aus Uruguay,
der Türkei, den Philippinen usw in den München
während des Gegenkongresses zusammensaßen,
diskutierten wir auch die verschiedensten möglichen
Termine für so einen internationalen Tag. Genannt
wurden z.B. der Tag, an dem Nelson Mandela frei kam
und mit tausende andere in Südafrika, der 14. März,
weil dort die gefangenen Tupamaros frei kamen, der 10.
Dezember als Tag der Verabschiedung der UNO-Menschenrechtsdeklaration,
der 18. Oktober als Synonym für Folter und Mord
im Knast... und so waren noch einige andere Daten im
Gespräch.
Wir stellten bald fest, daß wir in diesem Kreis
keinen Termin festlegen können. Erst müssen
überhaupt in den einzelnen Ländern und Bewegungen
Initiativen entstehen und diese Idee aufgreifen.
Einige Anhaltspunkte konnten wir aber formulieren:
es sollte, wenn nicht willkürlich irgendein Datum
festgelegt wird, ein Tag sein, der die Befreiung von
vielen Gefangenen symbolisiert.
Wir hören zum ersten Mal, daß der 17. April
bereits ein internationaler Tag für die Gefangenen
wäre. Es ist der Tag der palästinensischen
Gefangenen. Wir haben uns gefreut, daß in Schleswig-Holstein
dieser Tag aufgegriffen und eine Verbindung zu den Gefangenen
in Deutschland hergestellt wurde. Auch das drückt
ja das Bedürfnis aus, so einen gemeinsamen internationalen
Tag zu schaffen.
Wie seht ihr eure Erfolgsaussichten? Es heißt
in eurem Aufruf ja, "konnten und können ihre Gefangenen
befreien"; worauf bezieht sich das "konnten"?
Es ist schwierig zu Beginn einer Initiative von ihren
Erfolgsaussichten zu sprechen. Wir machen erste Schritte.
Und wann dieses internationale Netzwerk, die verschiedenen
Aktionen und Mobilisierungen eine Kraft entfalten, um
Regierungen verschiedenster Länder zur Freilassung
politischer Gefangener zu zwingen, läßt sich
jetzt noch gar nicht sagen. Wir sind uns allerdings
sicher, daß überhaupt erst in der Zusammenarbeit
von Bewegungen und revolutionären Kräften
verschiedenster Länder, die Voraussetzungen geschaffen
werden können, international und gemeinsam mit
den Gefangenen um ihre Freiheit zu kämpfen.
Mißachtet ihr nicht diejenigen, die Menschenrechtsarbeit
machen, sich aber nicht als RevolutionärInnen begreifen,
wenn ihr sagt, "die Menschenrechte werden nur revolutionär
erkämpft"?
Dieser Satz ist programmatisch für Libertad!
Er bedeutet, daß wir von einer Klassengesellschaft
ausgehen. Die Verwirklichung der Menschenrechte steht
in einem unüberwindbaren Widerspruch zu den Machtverhältnissen,
zu Staat und Kapital. Es ist diesem System immanent,
daß die Menschenrechte verletzt werden. Und daher
werden Menschenrechtsgruppen immer wieder an diese Grenze
stoßen.
Mit dieser Aussage geht es uns nicht darum, ihre Arbeit
nicht ernst zu nehmen, im Gegenteil, sie ist äußerst
notwendig.
Viele Menschenrechtsgruppen vor allem in den Trikontländern,
sind die Machtverhältnisse in ihren Ländern
so sehr bewußt, daß sie von der Notwendigkeit
der Veränderung des ganzen Systems und des Kampfes
darum ausgehen. Aus diesem Verständnis heraus arbeiten
sie mit revolutionären Kräften zusammen und
haben sich im Laufe ihrer Arbeit mehr und mehr radikalisiert.
Uns geht es um eine solche Zusammenarbeit auch hier
im Land.
Das Problem in den Metropolen ist bekannt - wenn sich
Menschenrechtsgruppen weigern, die realen Machtverhältnisse
in Frage zu stellen, hat das oft einen politischen Grund
in der Bestimmung ihrer Arbeit. Ihr Ziel ist nicht die
Veränderung oder Umwälzung der Klassenverhältnisse.
Oft sind diese Gruppen die letzten Verfechter eines
idealen bürgerlich-demokratischen Rechtstaates,
den es in Wirklichkeit nie gab und der in den ökonomischen
und sozialen Verhältnisse keine Grundlage hat.
Die vereinfachte Unterscheidung zwischen revolutionär
und reformistisch stellen wir ohnehin in Frage. Die
Zusammenarbeit ist immer konkret; ideologische Abgrenzungen
lehnen wir ab. Gerade bei der Frage der Gefangenen gibt
es dazu viel Erfahrung.
Versteht sich Libertad! als ein "radikaleres amnesty
international" unter Einschluß von Gefangenen
aus bewaffnet und militant kämpfenden Gruppen und
Organisationen?
Nein, Libertad! setzt sich nicht in Verhältnis
zu amnesty und ähnlichen Organisationen. Wir achten
ihre Arbeit, aber Libertad! hat einen anderen Ausgangspunkt.
Libertad! versteht sich als Teil einer weltweiten Befreiungsbewegung.
In dieser Hinsicht machen wir keine Lobbyarbeit. Uns
geht es um das langfristige Ziel einer internationalen
Basisbewegung für die Freiheit aller politischen
Gefangenen. Diesen Kampf können wir nicht abtrennen
vom allgemeinen Kampf gegen die internationalen kapitalistischen
Zustände.
Neben diesem Ziel unterscheidet uns natürlich
von amnesty international, daß wir das staatliche
Gewaltmonopol nicht anerkennen. Die Unterscheidung in
gewaltlos kämpfende und militante Gefangenen machen
wir nicht.
Was meint ihr mit "internationales Machthaberkartell"?
Geht es dabei um die UNO oder eher um Mächte, die
die UNO beherrschen und instrumentalisieren? Ist dieses
internationale Machthaberkartell ja nicht nur auf dem
Vormarsch, sondern löst auch Widerstand aus. Ist
eure Initiative auch ein Versuch, den grausamen und
unmenschlichen Reaktionen der Herrschenden auf Befreiungsbewegungen
entgegenzutreten?
Die Machtverschiebung zugunsten der führenden
imperialistischen Staaten und Blöcke, wie die USA,
Westeuropa und Japan, auch in den internationalen Gremien
wie die UNO, wird keine dauerhafte Erscheinung sein.
Die Widersprüche brechen ungehemmter auf und Widerstand
gegen die "Neue Weltordnung" wird an vielen Orten geleistet.
Eine internationale Kampagne für die Freiheit der
politischen Gefangenen ist natürlich auch Schutz
und Selbsthilfe gegen die mörderische Politik der
Herrschenden, eine Verteidigung des Kampfes um gesellschaftliche
Befreiung in allen Ländern.
In welchem Verhältnis steht der Internationale
Kampftag der politischen Gefangenen zu der notwendigen
internationalen Diskussion radikaler Kräfte?
Wir denken, daß der internationale Kampftag
ein Rahmen für internationale Diskussionen sein
kann. Ausgangspunkt ist die Initiative, da geht es also
um eine konkrete Praxis und daran wird die gemeinsame
Bestimmung diskutiert, die Einschätzung der Situation,
Linien usw.
Die Betonung liegt dabei auf gemeinsam im Gegensatz
zu den vielen individuellen internationalen Diskussionen
und Kontakten, in denen, jedenfalls von deutscher Seite
aus, meistens Meinungen und Ansichten von Einzelpersonen
vermittelt werden. Es geht um eine organisierte, reflektierte
und überprüfbare Diskussion mit dem von uns
formulierten Ziel: dem internationalen Kampftag. Das
wird sicherlich noch mehr Fragen beinhalten als die,
wie sich der internationale Kampftag praktisch entwickeln
kann.
In der BRD definieren die Herrschenden die sonst
verleugneten politischen Gefangenen durch Sonderverfahren,
die entweder auf dem Verwaltungsweg, z.B. per Haftstatut
oder gleich durch Spezialgesetze, z.B. §129a, Verteidigerausschluß
etc, verfestigt sind. Wie stellt ihr euch zu diesen
Sondergesetzen?
Es ist keine Frage, daß Libertad! für die
Beseitigung aller antirevolutionärer Sondergesetze
eintritt. Wir haben allerdings nicht die Illusion, daß
Kampagnen, die für Abschaffung dieser oder jener
Spezialgesetze eintreten an dem grundsätzlichen
repressiven Charakter des herrschenden Kapitalismus
etwas ändern. Es gibt sie in fast jedem Land, insbesondere
dort, wo die Linke auch bewaffnet kämpft.
Mal vorgestellt, in der BRD könnte das ganze
System der sog. "Anti-Terrorismus"-Gesetze beseitigt
werden, dann wäre der Regierung ein wichtiges Unterdrückungsinstrument
aus der Hand genommen. Allerdings schätzen wir
die Situation nicht so ein, daß dies gegenwärtig
möglich wäre. Gerade in Deutschland ist es
so, daß durch die für diesen Staat konstitutive
Verrechtlichung, und somit auch Verstaatlichung aller
sozialen und politischen Konflikte, diese Sondergesetze
kein Fremdkörper im Gesetzeswerk sind, der einfach
herauszulösen wäre.
In welchem Verhältnis steht die Initiative
Libertad! zu der aktuellen Situation der Gefangenen
aus der RAF, der Solidarität mit ihnen und dem
Kampf zur Veränderung ihrer Lage?
Libertad! ist nur ein Projekt. Es versteht sich als
internationale Kampagne für die politischen Gefangenen
weltweit. Daraus ergibt sich, daß sowohl die Zielsetzung,
als auch der dafür notwendige Aufbau langfristig
sein wird.
Libertad! kann die notwendigen tagtäglichen Initiativen
zur Veränderung der Lage der Gefangenen aus der
RAF weder ersetzen noch zusammenfassen, oder etwa ein
Dach dafür sein. Jede Initiative hat ihre Berechtigung
und es wird und muß sie auch weiterhin geben.
Libertad! strebt an sich auch zu beteiligen, Verbindungen
herzustellen - aber das geht nicht von heute auf morgen.
Die von Libertad! geplanten "Zwischenschritte" werden
sicherlich auch die Lage der politischen Gefangenen
und die Forderung nach Veränderung einbeziehen.
Uns ist bewußt, daß gerade die Situation
der Gefangenen aus der RAF, die seit langen Jahren im
Knast sind, nach unmittelbaren Lösungen schreit.
Dafür muß auch alles Menschenmögliche
in Gang gesetzt werden. Keine dieser Initiativen steht
im Widerspruch zu der Langfristigkeit von Libertad!.
Mit dem Zerfall des Realsozialismus und der Abrechnung,
die die sogenannten Reformkräfte durchziehen, mehrt
sich die Zahl der politischen Gefangenen aus dieser
Richtung. Wo steht ihr gegenüber dieser Abrechnungspolitik?
Die Initiative Libertad! benutzt eine Definition von
politischen Gefangenen, die sich aus den Zielen und
der Praxis herleitet: Es sind die Gefangenen aus Widerstands-,
Befreiungs- und Basisprozessen in aller Welt, es sind
die Gefangenen aus den Klassenkämpfen für
die Abschaffung der Klassengesellschaft. Da denken wir
nicht in erster Linie an gefangene ehemalige realsozialistische
Minister und Bürokraten oder Stasi-Kundschafter
im Westen. Wir wehren uns allerdings gegen die Abrechungspolitik.
Mittels der Justiz wird durch Kriminalisierung des staatssozialistischen
Systems die politische Auseinandersetzung insgesamt
angegriffen.
Wie kann Libertad! mit aktuellen gesellschaftlichen
Prozessen verbunden werden? Wie kann Libertad! in Basisinitiativen
verankert werden?
Vor der Frage nach einer Verankerung von Libertad!
stellen wir uns die Fragen, welche Zielsetzung verfolgt
die Initiative, welche Bestimmung hat sie, welche politische
Arbeit ist dafür notwendig und wie organisiert
und strukturiert sich Libertad!?
Daraus ergibt sich für uns die Frage nach Verankerung.
Das heißt in der Entwicklung der eigenständigen
Politik für das Ziel. Für uns ist diese Reihenfolge
wichtig. Es ist oft ein Problem in der Solidarität
mit den Gefangenen, sie entweder nur als Opfer staatlicher
Vernichtung wahrzunehmen, oder in ihr allein die Verwirklichung
revolutionärer Politik zu sehen. Die Entwicklung
einer eigenen politische Praxis ist notwendig, in der
auch Solidarität ihren Ort hat. Sonst erschöpft
sie sich "Vermittlung", "Verankerung", "Mobilisierung".
So entsteht keine eigenständige Kraft. Diesen Mechanismus
zu durchbrechen, Konsequenzen aus den Erfahrungen zu
ziehen - das verstehen wir darunter, wenn wir einleitend
sagten, daß Libertad! dazu beitragen muß,
in Bestimmung und konkreter Umsetzung den Zerfallsprozeß
zu überwinden.
Die politischen Gefangenen sind in jedem Land Teil
der gesellschaftlichen Realität. Die Kämpfe,
aus denen die Gefangenen eingeknastet wurden, sind aus
gesellschaftlichen, also Klassenkonflikten hervorgegangen.
Sie haben ihren Grund in realen Antagonismen und diese
sind international. Auch durch ihre Kämpfe in den
Knästen sind die Gefangenen sind Teil der gesellschaftlichen
Realität. Der Vernichtungswille des Staates gegen
sie wirkt auf die ganze Gesellschaft.
Von dieser Tatsache gehen wir aus. Diese innergesellschaftliche
wie auch internationale Realität wird mit Methoden
wie der manipulierten Information und Hetze unterdrückt.
Überall werden auch Angehörige der Gefangenen
und von Solidaritätsgruppen mundtot gemacht, verfolgt
und kriminalisiert. Der Versuch staatlicher Vernichtung
macht die politischen Gefangenen nicht weniger zum Teil
der gesellschaftlichen Realität, stellt aber an
Libertad! auch die Aufgabe, die Negierung ihrer Existenz
zu durchbrechen. Es geht dabei auch um ein Bewußtsein
um historische Prozesse, um die Legitimität ihres
Kampfes. Es geht dabei aber nicht nur darum eine Erinnerung
wachzuhalten, sondern die mehr denn je existierende
Aktualität des Befreiungskampfes deutlich zu machen.
Das ist auch die Verbindung mit allen Basisinitiativen.
Steht der Zeitrahmen von Libertad! und die dafür
notwendige Arbeitsstruktur nicht im Widerspruch zu der
fehlenden Organisierung der deutschen Linken?
Ja, es ist wichtig, diesen Widerspruch klar vor Augen
zu haben, zu benennen und auch die Gefahr, die darin
liegt. Es könnte der Versuch gemacht werden, Libertad!
als Ersatz für fehlende Organisierung zu nehmen.
Es ist oft ein Fehler, daß der Versuch unternommen
wird, an einem Projekt alle Fragen und Probleme des
Widerstandes zu lösen. Eine solche Herangehensweise
wäre das politische Todesurteil für Libertad!.
Natürlich ist es sehr widersprüchlich, in
einer Situation dieses Projekt zu beginnen, die von
einem substantiellen Zerfallsprozess gekennzeichnet
ist. Damit müssen wir umgehen. Libertad! kann die
Lage aller, die sich in der Initiative engagieren, nicht
aus diesem Zerfallsprozeß herauszuwuchten, aber
in der aufzubauenden Struktur muß sie natürlich
Konsequenzen daraus ziehen.
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