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- Wir reden keiner Resignation
das Wort
- Die eigene Haltung ist das Entscheidende
- Gegen die vorschnelle Agitation
Wir reden keiner Resignation das Wort
Auf internationaler Ebene ist der Zusammenbruch des
sozialistischen Staatensystems festzustellen. Dieses
historische Ereignis setzt grundsätzlich andere
Ausgangsbedingungen für unseren Kampf. Ganz unabhängig
davon, inwieweit es einen Bezug auf die staatssozialistischen
Bürokratien Osteuropas gegeben hat. Die bipolare
Machtkonstellation ist unwiderruflich vorbei. Mehr denn
je setzt das Kapital auf globale Expansion. Eine "Neue
Weltordnung" ist ausgerufen worden: westliche Demokratie
und Menschenrechte auf den alten Bajonetten der Macht.
Alle Versuche revolutionärer Emanzipation müssen
von dieser Bedingung ausgehen. Es ist eine Situation
der großen politischen Umbrüche und der Akkumulation
der Auswirkungen des ungebrochenen kapitalistischen
Systems. Die Befreiungskämpfe, die aus dem Aufbruch
und in dem Kräfteverhältnis Ende der sechziger
Jahre, Anfang der siebziger Jahre entstanden, sind davon
substantiell berührt.
In der Bundesrepublik sind wir mit einer gesamtgesellschaftlichen
Bewegung nach rechts konfrontiert. Das faschistische
Potential wächst. Das ist nicht nur eine deutsche
Spezialität. Die Tendenz ist überall in Westeuropa
unübersehbar: Die Festung Europa schottet sich
ab - gegen die Migrationsbewegungen aus den vom westeuropäischen
Imperialismus ausgebeuteten Ländern.
Gegen diese Realität fehlt nahezu jeglicher Widerstand.
Wir kennzeichnen die Situation auf unserer Seite, auf
der Seite der radikalen und emanzipatorischen Linken
mit der Einschätzung, daß es eine Gegenmacht
nicht gibt. Libertad! geht von der Tatsache des weitgehenden
Zerfalls aller politischen Organismen aus, die die Entwicklung
radikaler und revolutionärer Politik in den Deutschland
in den letzten 20 Jahren maßgeblich prägte
- von RAF bis zu den ML-Gruppen, von den antiimperialistischen
bis zu sozialrevolutionären Gruppen. Alles, was
es an Ansätzen, an Organisationen, an Bewegungen
gegeben hat, ist im Kampf an Grenzen gestoßen.
Und es sind nicht nur die Grenzen, die die gesamtgesellschaftliche
Entwicklung uns setzte, sondern es betrifft ebenso den
inneren Prozeß der kämpfenden Gruppen selbst.
Kein organisatorischer Ansatz war in der Lage eine adäquate
Antwort auf die neuen Herausforderungen zu geben und
sie begrifflich für die Herausbildung einer neuen
Fundamentalopposition und einer Politik der sozialen
Umwälzung der Machtverhältnisse zu entwickeln.
Wir reden von uns.
Für uns ist die Geschichte noch lange nicht zu
Ende. Es gibt ein reichhaltiges Erfahrungspotential
aus den Kämpfen der letzten 20 Jahre. Das liegt
brach. isher wurde es in keiner Weise organisatorisch
gefaßt und darin produktiv gewendet. Die Erfahrung
ist nur in Einzelnen präsent, als Erinnerung, als
Wissen. Wir sehen die absolute Notwendigkeit diese Erfahrungen
wieder wirksam zu machen. Wir reden keinen schnellen
Hoffnungen das Wort. Unsere Vorstellung und Einschätzung
der heutigen Situation ist ohne Illusionen. Auch Libertad!
wird das nicht verändern. Wir behaupten nicht Kristallisationspunkt
einer neuen revolutionären Linken zu sein.
In Deutschland sind nicht nur die revolutionären
Genossinnen und Genossen aus der RAF in den Gefängnissen.
Die politischen Gefangenen kommen mehr und mehr aus
anderen Bewegungen, als aus denen der vergangenen 10
oder 20 Jahre. Es sind die Gefangenen aus antifaschistischen
Aktionen, es sind die Genossinnen und Genossen aus revolutionären
Organisationen anderer Länder: kurdische, palästinensische
oder irische Gefangene und sich selbst organisierende
MigrantInnen. Diese Auseinandersetzungen und Kämpfe
werden zunehmen. Die weltweite Unterdrückung hat
hier ihre Rückwirkung. Schon jetzt gibt es in unserem
Land mehr ausländische als deutsche politische
Gefangene.
Die eigene Haltung ist das Entscheidende
Die Tendenz des Zerfalls berührt uns alle. Sie
geht bis zur letzten Entwicklung: Der Bruch im politischen
Kollektiv RAF, die Spaltung der revolutionären
Gefangenen aus der Guerilla untereinander und im Verhältnis
zum bewaffneten Kommando.
Wir verfallen darüber nicht in einen Katzenjammer.
Es ist ein Schlag, aber es ist auch keine Besonderheit
der revolutionären Linken in Deutschland. Das ist
uns wichtig festuzhalten. Nahezu überall gibt es
ähnliche Tendenzen. Ob in der offenen Spaltung
oder in anderen Formen. Es ist ein Ausdruck dafür,
die Situation insgesamt nicht produktiv wenden zu können
- nicht nur in unserem Land.
Eine produktive Auflösung der Probleme und Fragestellungen
die sich aus den Umbrüchen Mitte und Ende der achtziger
Jahre stellen, ist in den wenigsten Fällen gelungen.
Im Gegenteil. Die kämpfenden Organisationen, Gruppen
und ihre militanten Kader sind von dem Zerstörungsprozeß
emanzipatorischer Politik eingeholt worden. Die Auflösung
von substantiellen antagonistischen Inhalten und Kriterien
lief überall. Wir müssen es offen und unumwunden
feststellen: Es gibt die Unfähigkeit die veränderte
politische und soziale Situation in einem neuen Kampfprozeß
zu fassen, ohne die einmal erkämpften Kriterien
dabei über Bord zu werfen.
Die Versäumnisse müssen im Verhältnis
zu den neu zu bewältigenden Herausforderungen analysiert
und ausgewertet werden. Die Initiative kann diesen Prozeß
nicht organisieren, aber bestimmte Kriterien werden
in ihn einfließen. Das bedeutet z.B. auch, mit
der Individualisierung internationalistischer Kontakte
zu brechen.
Unsere Entscheidung für diese Initiative trafen
wir vor dem Bruch zwischen der Mehrheit der Gefangenen
aus der RAF und den Genossinnen und Genossen der bewaffneten
Kommandos. Natürlich diskutierten wir, welchen
Einfluß das auf unsere Initiative hat. Das Entscheidende
ist für uns die eigene Haltung. Sonst endet unsere
Politik in einem scheinbaren Für und Wider. Für
Libertad! haben wir im Aufruf Kriterien genannt: etwa
die Definition des Begriffes politischer Gefangener:
"Es sind die Gefangenen aus den Widerstands-, Befreiungs-
und Basisprozessen in aller Welt, es sind die Gefangenen
aus den Klassenkämpfen für die Abschaffung
der Klassengesellschaft. Und natürlich kann eine
internationale Kampagne für die Freiheit der Gefangenen
nur greifen, wenn sie auch das Ziel hat, das Unterdrückungs-
und Knastsystem insgesamt zu brechen".
Libertad! sortiert Solidarität nicht nach Partei-
oder Gruppenzugehörigkeit.
Die objektive Situation der Gefangenschaft verlangt
überall ganz direkte Lösungen. Immer noch
und mehr denn je wird gefoltert. Sei es blutig oder
weiß, wie in den deutschen Knästen. Es gibt
den Widerspruch zwischen den perspektivischen, politischen
Vorstellungen und der unmittelbaren Notwendigkeit gemeinsam
zu handeln. Wir werden das nicht auflösen können.
Wir erhoffen uns aber, daß die Initiatve langfristig
einen Rahmen schafft, in dem unterschiedliche Interessen
und Notwendigkeiten nicht als Gegensätze gedacht
werden.
Die Münchner Erklärung ist ein erstes kleines
Dokument der Gemeinsamkeit in der Frage der Freiheit
für die politischen Gefangenen. Aber die Bedeutung
dieser Erklärung hat sicherlich in den verschiedenen
Ländern unterschiedliches Gewicht. Wir haben da
keine Illusionen über schnelle Entwicklungen. In
El Salvador ist die politische Situation eine gänzlich
andere, als wie für die MLN/Puerto Rico in den
USA. Man darf nicht auf eine schematische Gleichzeitigkeit
der Kampagne hoffen. Initiativen mit dieser Bestimmung
haben ihre eigene Zeitrechnung. In El Salvador haben
wir mit Vertretern einer Organisation geredet, die diese
Erklärung bzw. ihre Beteiligung daran verabschiedet
hat. Aber gerade in der aktuellen Situation in El Salvador
hat für sie die Initiative nicht so eine unmittelbare
Bedeutung.
Natürlich haben uns einige gefragt, wie Libertad!
in das "Heute" paßt. Geht es nicht um andere,
wichtigere und unmittelbarere Aufgaben? Diese Fragen
werden sich auch Genossinnen und Genossen in den anderen
Ländern stellen. Und kommen zum Ergebnis, daß
es richtig ist, eine solche langfristige Kampagne anzufangen.
Diese Entscheidung haben wir in den letzten anderthalb
Jahren getroffen. Wir haben natürlich auch gezögert,
gerade auch wegen unserer Analyse des Zustands der Linken.
Diese Entscheidung ist keine Frage von momentanen Gefühlen
- trotz all dem gegenwärtigen Pessimismus.
Alle Gruppen müssen sich den neuen Herausforderungen
stellen. Da wird ziemlich schnell deutlich, daß
in keinem Land die Fragen substantiell andere sind.
In jedem Land gibt es subjektive und organisatorische
Zerfallsprozesse. Das macht die Verständigung um
so dringender. Libertad! ist kein Ersatz für eine
neue "Internationale", aber bewußt ein Strang
für eine internationale Basisbewegung. Darin geht
es auch um die Wiedereroberung von Kriterien, die verloren
wurden: Die Menschenrechte werden nur revolutionär
erkämpft - jede Hoffnung auf "Lösungen" von
oben sind vergeblich ohne tatsächlichen revolutionären
Prozeß von unten.
Gegen die vorschnelle Agitation
Libertad! kann keine kurzfristige Kampagne sein. Das
wäre Betrug an den selbstformulierten Zielen und
Absichten. Deshalb wollen wir niemanden dringend agitieren.
Wir brauchen einen Aufbau mit Zwischenschritten und
einem organisatorischen Prozeß, der tatsächlich
wächst. Es muß eine Kraft darin entstehen,
die es ohne das Bedürfnis nach schnellen Erfolgen
aushält, eine Initiative verantwortlich zu führen.
Auch wenn es vielleicht erst in ein paar Jahren Ergebnisse
geben wird. Für uns ist wichtig, daß sich
Gruppen aus ihrem eigenständigen Arbeitsprozeß
in die Initiative einbringen. Die Teilnahme an Libertad!
ist unmittelbar mit der politischen Forderung an die
jeweilige Gruppe, den Diskussionskreis oder Zusammenhang
verknüpft, eigenständig für Wege aus
der Krise der revolutionären Linken zu kämpfen.
Das Kriterium gilt auch für uns selbst.
Genausowenig kann es um eine Wiederholung der verschiedensten
Initiativen zur Zusammenlegung der politischen Gefangenen
in der Bundesrepublik gehen: Die Initiative steht in
erster Linie nicht nur im Verhältnis zu den Gefangenen
hier. Das ist kein taktischer Kniff von uns, nach dem
Motto: Auf ein anderes Pferd zu setzen, um zu unseren
gefangenen Genossinnen und Genossen was zu erreichen.
Es soll keine Illusionen darüber geben: Libertad!
ist eine Kampagne für die Freiheit der Gefangenen
weltweit.
Am Anfang können wir uns eine politische Materialität
z.B. in Form von gemeinsamen Erklärungen, Aktionstagen
von Gruppen aus einzelnen Ländern vorstellen. Das
wäre schon ein riesiger Schritt in der Verständigung.
In diesem Sinne sind unsere organisatorischen Vorschläge
auch mehr ein Gerüst, an dem der notwendige Prozeß
initiiert werden muß. Aus diffusen Strukturen
- und das wären für uns vorschnelle bundesweite
Treffen ohne Verständigung über den jeweiligen
Ausgangspunkt und Verbindlichkeit zu treffender Entscheidungen
für die anwesenden Gruppen oder Einzelpersonen
- kann kein wirklich langfristiger Prozeß aufgebaut
werden.
Wir sehen Libertad! auch in keinster Weise als Konkurrenz
zu anderen Initiativen oder Kampagnen. Jede Aktion zum
Schutz unserer gefangenen Genossinnen und Genossen ist
mehr als notwendig. Aber notwendigerweise ist dies nicht
gleichbedeutend mit Libertad!. Unsere Initiative kann
und soll kein Auffangbecken für andere Aktivitäten
sein. Weder zum Schutz der Gefangenen, noch gegen die
Faschisten. Diesen Kampf müssen wir allerorts führen.
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