taz Nr. 6448 vom 17.5.2001
Drahtzieher im Mittelpunkt
Revolution im türkischen Kino: Plötzlich
stehen sozialkritische und politische Themen hoch
im Kurs. Mit Hüseyin Karabeys "The Silent
Death" gibt es sogar einen Dokumentarfilm über
die Isolationshaft
von BARBARA LOREY DE LACHARRIÈRE
Die Frau rennt . . . vorbei an Luxusjachten, die
im Bosporus ankern, an massigen Bodyguards und glänzenden
Limousinen, denen finstere Gestalten mit prall gefüllten
schwarzen Aktenkoffern entsteigen; vorbei an Geheimpolizisten,
die einen schnauzbärtigen Mann abschirmen, den
wir wenig später auf dem Fernsehschirm als Minister
entdecken.
Havva ist eine international anerkannte Marathonläuferin,
die für den eurasischen Marathon trainiert in
der Hoffnung, mit dem Geldpreis die dringend notwendige
Behandlung ihres gelähmten Bruder zu verdienen,
der während seines Militärdienstes auf eine
Mine getreten ist. Sie sieht und hört nichts
von dem allem, was hier vor sich geht - bis sie eines
Tages bei ihrem täglichen Training frontal in
einen politischen Skandal hineinläuft.
"Elefanten und Gras", der Politthriller
des jungen türkischen Filmemachers Dervis Zaim,
der beim diesjährigen internationalen Filmfestival
in Istanbul mit dem Preis der internationalen Filmkritik
ausgezeichnet wurde, beruht auf Tatsachen. Er bezieht
sich offen auf den so genannten Skandal von Susurluk,
der 1996 ans Licht kam. In dem verwickelten, rastlosen
Plot über die engen Verflechtungen zwischen politischer
Macht und Mafia in der Türkei geben sich führende
türkische Politiker, Mafiosi, hohe Staatsbeamte,
Polizisten, Vertreter internationaler Geheimdienste,
Drogenhändler und Aktivisten der kurdischen Befreiungsfront
die Klinke in die Hand. Dabei zerreiben sie ebenso
beiläufig wie gnadenlos das Leben einiger Nebenfiguren,
die sich zufällig zum falschen Zeitpunkt am falschen
Platz befinden. Nicht der arme Mr. Nobody steht hier
wie bislang in den sozialkritischen Filmen der Türkei
üblich im Mittelpunkt, sondern die Drahtzieher,
die die politische Landschaft bestimmen.
Dieser explosive Cocktail aus Korruption, Drogenhandel,
militärischer Repression und kurdischem Terrorismus
spiegelt nur allzu genau die Probleme wider, in die
der türkische Staat immer tiefer zu versinken
scheint und die das Land gegenwärtig in eine
der schwersten Wirtschaftskrisen seit Jahrzehnten
gestürzt haben. Über 120.000 Zuschauer haben
den Film bereits gesehen, ein beachtlicher Erfolg
für einen engagierten Autorenfilm in der Türkei.
Fünf der insgesamt zwölf türkischen
Filme, die seit letztem Jahr in der Türkei auf
die Leinwand gekommen sind, haben mit Rekordbesucherzahlen
von über zwei Millionen sogar die amerikanischen
Produktionen überflügelt. Und selbst diese
eher nach kommerziellem Muster gestrickten Tragikomödien
mit ihren populären Stars lassen durchaus einige
sozialkritische Töne anklingen. So thematisiert
der an der Spitze der türkischen Blockbuster
stehende Film "Vizontele" von Yilmaz Erdogan,
der von der Ankunft des ersten Fernsehers in einem
kleinen anatolischen Dorf zu Beginn der Siebzigerjahre
erzählt, den Übergang der traditionellen
Gesellschaftsformen im Osten der Türkei in die
Modernität.
"Abuzer Baklava" von Tunc Bazaran, die
Geschichte vom unaufhaltsamen Aufstieg des Sängers
Baklava, dem "König der Arabeske",
ist eine glänzend gemachte, beißende Parodie
auf Showbusiness und Medienspektakel. Das Roadmovie
"Balalaika" wiederum führt den Zuschauer
mit einer Busladung russischer Frauen, die an die
türkisch-russische Mafia verscherbelt worden
sind, durch Georgien in die Türkei. Dieser Film
greift zum ersten Mal das Thema der russischen Prostituierten
auf, die zu tausenden jährlich aus der ehemaligen
Sowjetunion über die Grenze geschleust werden.
Im gängigen Sprachgebrauch steht der Name Natascha
in der Türkei inzwischen als Synonym für
Nutte. Filmdirektor Ali Özentürks Message
soll wohl lauten: Nicht alle russischen Frauen sind
Nataschas, und viele Nataschas sind lediglich arme
Mädels, die sich aus ökonomischen Zwängen
verkaufen müssen.
Über den Impuls dieses Films möchte sich
Pervin Tan, die Besitzerin des Beyoglu Sinemasi, lieber
nicht äußern. Ihr Kino liegt wie viele
andere im Istanbulder Taksimviertel versteckt in einer
Ladenpassage, zwischen Coffeeshops und CD-Läden,
die von morgens bis in die Nacht hinein die Straße
mit ohrenbetäubender Musik beschallen. Pervin
Tans Programmkino, das von Eurimage gefördert
wird, zeigt überwiegend europäische Filme.
"Ich bringe auch regelmäßig Filme,
die zum Beispiel in Venedig oder auf der Berlinale
gelaufen sind", sagt sie, "auch wenn sie
keinen Verleiher in der Türkei gefunden haben.
Bei den jungen Leuten gibt es eine große Nachfrage
nach künstlerischem und engagiertem Kino."
Im Kino der engagierten Filmfrau wird wahrscheinlich
auch "The Silent Death" laufen, der Film
des jungen türkischen Dokumentarfilmers Hüseyin
Karabey. In dem hochaktuellen Dokumentarfilm geht
es um die so genannten F-Type-Gefängnisse und
die Einführung der Isolationshaft für politische
Gefangene in der Türkei. Das türkische Justizministerium
hat bereits drei solcher Gefängnisse gebaut und
acht weitere sind in Planung. Offiziell werden diese
Isolationszellen als "Einrichtungen nach europäischem
Standard" legitimiert. Diese "Gefängnisreform"
hat seit Oktober vergangenen Jahres eine riesige Welle
von Protesten in der Türkei ausgelöst und
bislang 22 Todesopfer gefordert. Weitere 32 Menschen
starben, als die Polizei im Dezember insgesamt 20
Gefängnisse stürmte. Ein Ende des Konflikts
ist noch nicht abzusehen.
Karabey hat für seinen Film über die umstrittenen
Gefängnisse monatelang in Europa recherchiert
und zeigt an Hand von beklemmenden Interviews mit
politischen Häftlingen und ihren Familien in
Deutschland, Italien, Spanien und den USA die realen
psychischen und physischen Auswirkungen der Isolationshaft.
Die ersten Kontakte zu den Familien hat er über
Internet geknüpft, weitere Unterstützung
erhielt er von amnesty international. Der dreißigjährige
Dokumentarfilmer, ein sanfter ehemaliger Student der
Wirtschaftswissenschaften, der sich bereits mit verschiedenen
Kurzfilmen über die Menschenrechtsverletzungen
in der Türkei einen Namen gemacht hat und sich
selbst als "voll assimilierter Kurde" bezeichnet,
weiß, wovon er redet: Er hat bereits einige
Freunde durch den Hungerstreik verloren.
"Ich wage gar nicht mehr, die Namen zu lesen",
sagt er, "aus Angst, ich kenne jemanden unter
den Opfern." Acht Monate hat er selbst vor einigen
Jahren als politischer Häftling im Gefängnis
gesessen, nachdem er mit anderen Studenten während
einer Demonstration für eine Verbesserung des
Hochschulwesens festgenommen worden war. Schließlich
musste man ihn freilassen, weil nichts gegen ihn vorlag.
Aber schlimmer noch als die staatlich kontrollierte
Zensur ist für Karabey die mangelnde Zivilcourage,
die seines Erachtens nach in der Türkei herrscht.
"Die meisten Intellektuellen und Künstler
haben eine Schere im Kopf", klagt er, "die
Zensur braucht gar nicht mehr verordnet zu werden.
Und nur wenige wollen heute ein Risiko eingehen."
So wie zum Beispiel Necati Sonmez, ein bekannter Filmkritiker
der linken Tageszeitung Radikal, immerhin eine der
Sponsoren des Festivals. Als er von der Redaktionsleitung
gebeten wurde, er möge doch bitte seinen Leitartikel
über Karabeys Film durch einen anderen Text ersetzen,
hat er umgehend gekündigt.