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So oder So - Die Libertad!-Zeitung-
Nr. 7 - Herbst 2000 - Seite 9
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"Wenn
die Menschen Tauben wären, so wären die
Verschwundenen 'Boran'"
Der kurdische Regisseur Hüseyin Karabey im Interview
Boran
ist der Titel Ihres Films, in dem das Schicksal der
Verschwundenen in der Türkei gezeigt wird. Sie
haben diesen Film im vergangenen Jahr produziert.
Was bedeutet Boran und warum haben Sie
diesen Titel gewählt?
Boran
ist der Name einer wilden Taubenart in der Türkei.
Die Mutter eines der Verschwundenen glaubt, dass ihr
Sohn zu einer Taube geworden ist. Darum geht sie jeden
Tag in die Stadt und füttert die Tauben. Auf
diese Weise versucht sie, den Kampf ihres Sohnes fortzusetzen.
Darum habe ich die Taube, Boran, als Symbol
für meinen Film gewählt. Boran
hat eine Eigenart. Nimmt man sie gefangen, verweigert
sie die Nahrung. Sie macht auf diese Weise Selbstmord.
Normalerweise versuchen Vögel, Tauben, wenn man
sie gefangen nimmt, zu fliehen. Mit dem Titel möchte
ich sagen, die Menschen sind Tauben, doch die Verschwundenen
sind Boran.
Boran
ist auch der Name eine Sturms in Anatolien ...
Ja,
die Menschen in der Türkei lieben es, ihren Kindern
diesen Namen zu geben, Boran. Aber ich
habe den Titel gewählt, um an Boran,
die wilde Taube zu erinnern. Grup Yorum, die die Filmmusik
schrieben, haben auch ein Lied komponiert, das den
Titel Boran trägt. Es handelt vom
Hungerstreik politischer Gefangener. Eine Zeitlang
war es sogar gefährlich, die Taube als Symbol
zu erwähnen, denn natürlich symbolisiert
sie die Freiheit.
Grup
Yorum ist eine bekannte Gruppe in der Türkei.
Haben Sie speziell für diesen Film mit ihnen
zusammengearbeitet?
Wir
arbeiten häufig zusammen, wir kennen uns schon
lange. Ich hätte auch mit anderen Musikern arbeiten
können. Alle haben großen Respekt vor den
Samstagsmüttern und würden gern etwas für
sie tun. Aber für Boran wollte ich
mit Leuten arbeiten, die die emotionale Erfahrung
hatten. Wenn man sich den Film genau ansieht stellt
man fest, dass außer zwei Polizisten alle Leute
sich selber spielen. Auch Grup Yorum war mehrere Male
in Haft. Vielleicht sind sie keine perfekten Musiker,
aber sie verstehen es sehr gut, die Emotionen der
Menschen in Musik umzusetzen.
Sie
haben in ihrem Film überhaupt nicht mit professionellen
Schauspielern gearbeitet, sondern mit den Samstagsmüttern....
Boran
ist kein Spielfilm, sondern ein Film, der über
das wirkliche Leben berichtet. Früher habe ich
Dokumentarfilme gemacht. Aber ich konnte nicht den
richtigen Effekt erzielen. Ich kannte die Realität
von dem, was ich zeigen wollte und fand, es fehlte
etwas. Es fehlten die Emotionen. Ich fragte die Samstagsmütter,
ob sie mitarbeiten wollten. Jeder wartet irgendwann
einmal auf jemanden. Diese Menschen aber warten ihr
Leben lang, und die Erwarteten werden niemals zurückkehren.
Für die Samstagsmütter war es nicht schwer,
sie spielten ihr tägliches Leben: jeden Tag sitzen
sie am Fenster und warten. Jeden Tag unternehmen sie
irgend etwas, um ihre Kinder wieder zu finden. Ich
hatte Angst, die Teilnahme an dem Film würde
ihre Erinnerungen wieder wach rufen. Aber sie sagten
nur: Lieber Sohn, wir können das Ganze
ohnehin nicht vergessen. Wir sorgen uns mit und ohne
den Film. Sie vertrauten mir und unterstützten
mich. Während wir drehten, unterlief ihnen kein
einziger Fehler. Das hat mich sehr beeindruckt, manche
von ihnen haben nie das Drehbuch gelesen, weil sie
weder lesen noch schreiben können. Sie spielten
ihr tägliches Leben perfekt und fehlerlos.
Wie
waren die Arbeitsbedingungen während der Dreharbeiten?
Gab es Probleme mit den Behörden, der Polizei?
Wir
haben immer Probleme mit den Behörden. Sie mögen
es nicht, wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Ich
wurde mehrere Male festgenommen, wenn ich in den Gecekondus
oder im Osten der Türkei (Kurdistan) Filmaufnahmen
machte. Aber so sind unsere Arbeitsbedingungen, das
war uns von Anfang an klar. Aus Sicherheitsgürnden
haben ich nie gesagt, was für einen Film ich
drehe, erst zum Schluss habe ich das gesagt. Wir haben
insgesamt drei Jahre an dem Film gearbeitet.
Es
ist ja fast ein Wunder, dass Ihr Film einen Preis
des Türkischen Kulturministeriums erhalten hat.
Was ist passiert?
Auch
ich war sehr überrascht, als Boran
im Oktober 1999 zum Antalya Kurzfilm-Festival eingeladen
wurde. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Normalerweise
darf so ein Film in der Türkei gar nicht gezeigt
werden und wird zensiert. Die Einladung der Jury bedeutete,
der Film ist legal. Die Jury war international zusammengesetzt
und ich bin überzeugt, dass sie Boran
für den Preis genau wegen der Situation in der
Türkei vorschlugen. Sie wollten, dass das türkische
Kulturministerium den Preis vergeben mußte.
Jetzt kann der Film nicht mehr verboten werden. Danach
wurde ich auf vier andere Filmfestivals in der Türkei
eingeladen. Der Preis war auch ein Signal in Richtung
anderer Festivals, niemand mußte mehr Angst
vor einer Aufführung haben. Dafür bin ich
der Jury wirklich sehr dankbar.
In
Deutschland zeigen Sie Ihren Film zum zweiten Mal.
Wen möchten Sie erreichen? Die Kinder der kurdischen
und türkischen Einwanderer und Flüchtlinge
oder eher die Deutschen?
Ich
möchte Boran nicht nur den Linken
zeigen, nicht nur den Kurden und Türken. Ich
möchte so viele Leute erreichen, als möglich.
Unpolitische Leute, Leute, die aus Spaß ins
Kino gehen. Ich sage ganz selbstkritisch, dass wir
dafür nicht genug getan haben in der Vergangenheit.
Ich überzeugt, dass die Menschen gut sind. Wenn
ich ihnen meine Geschichte erzählen kann, werden
sie etwas tun. Die meisten Flüchtlinge, die hier
leben, haben sicherlich noch schlimmere Geschichten
zu berichten ...
Wie
ist die wirtschaftliche Lage für Filmemacher
wie Sie? Arbeiten Sie an einer Institution, in einem
Kollektiv, einer Gesellschaft? Wie finanzieren Sie
die Arbeit?
Das
ist der schwierigste Teil unserer Arbeit, Geld zu
finden. Die türkische Filmindustrie ist sehr
schwach und für oppositionelle Filmemacher ist
es noch schwieriger. Niemand interessiert sich für
deine Arbeit, außer den Menschenrechtsorganisationen.
Aber selbst, wenn sie dich unterstützen wollten,
sie haben einfach kein Geld. Die Reaktionen der meisten
Filmemacher in der Türkei auf unsere Arbeit ist
Angst. Sie zensieren sich selber. Wenn man in die
Gefängnisse schaut, da sitzen Journalisten, Schriftsteller,
Musiker, Schauspieler, aber keine Filmemacher. Sie
haben schon ihre Gedanken zensiert, das ist eine Schande
für uns.
Aber heute gibt es eine junge Generation von Filmemachern
und wir müssen auch neue Wege der Finanzierung
für unsere Arbeit finden. Für die Produktion
von Boran bekam ich natürlich kein
Geld. Ich habe woanders gearbeitet und das Geld in
den Film gesteckt. Als der Film fertig war, bin ich
zu einigen Institutionen gegangen, habe den Film gezeigt
und um Unterstützung gebeten. Auf die Weise habe
ich Prozent des Gesamtbudgets zusammengekriegt. Vom
kapitalistischen Standpunkt her kann ich die Leute
verstehen, wenn sie uns nicht unterstützen, es
ist zu gefährlich für sie. Wir machen Filme
über unsere Probleme, also werden wir auch Lösungen
für das Problem der Finanzierung finden. Wir
können doch nicht erwarten, Geld von der Regierung
zu bekommen. Wenn man Geld erhält, soll man sich
nach den Erwartungen der Geldgeber richten. Das werden
wir nicht tun.
1996,
als Sie begannen, die ersten Aufnahmen für Boran
zu filmen, war die Situation in der Türkei anders
als heute. Wie wirkt sich der Kandidatenstatus der
Türkei für die Europäische Union auf
die Arbeit eines oppositionellen Filmemachers aus?
Heute
ist es möglich, meinen Film zu zeigen, was früher
nicht ging, das ist schon eine Veränderung. Aber
ich möchte nicht sagen, dass es heute veränderte
Bedingungen in der Türkei gibt. Eher werden sie
versuchen, den Kapitalismus zu perfektionieren, darum
das Interesse an Europa. Und Europa unterstützt
die Türkei tatsächlich gegen das eigene
Volk. Ich befürchte, die Bedingungen werden sich
verschärfen. Eine Linie wird gezogen und man
sagt uns, darauf sollen wir laufen. Aber wenn wir
einen Schritt daneben gehen wollen, werden sie uns
wieder unterdrücken. Die Demokratie, die sie
aufbauen wollen, entspricht ihren Vorstellungen, nicht
denen des Volkes. Der türkische Staat will jetzt
Isolationsgefängnisse einführen, diese Idee
kommt aus Europa. Ich will nicht sagen, die jetzigen
Gefängnisse sind besser, nein, auf keinen Fall.
Aber Isolation wird für unsere Gefangenen furchtbare
Auswirkungen haben. Isolation ist das schlimmste Verbrechen,
das Menschen angetan werden kann. Die Isolation tötet
die Menschen, indem sie Schweigen über sie breitet.
Europa findet das gut; keine blutige Folter mehr.
Aber die Menschen werden trotzdem sterben, in völligem
Schweigen. Besonders für Deutschland dürfte
das klar sein, denn das geschah in deutschen Gefängnissen
1976 und 1977, in Stammheim und in anderen Gefängnissen.
Normalerweise versteht jeder, der über die Bedingungen
informiert ist, dass es eine Art von Mord war, was
geschah, kein kollektiver Selbstmord. Die Bedingungen
dafür waren vorhanden. Das kann auch in unserem
Land passieren. Ich sehe Parallelen.
In
den kommenden Wochen werden Sie zu Filmfestivals nach
Italien und in die Niederlande fahren. Danach werden
sie mit Ihrem Film Boran durch verschiedene
Städte in Deutschland touren. Welche Pläne
haben Sie für Ihren nächsten Film?
Mein
nächster Film wird über die F-Typ-Gefängnisse
in der Türkei sein. Ich habe festgestellt, dass
eine Antwort auf dieses Problem in Europa liegt. Die
Leute in der Türkei sagen, was willst du, die
neuen Gefängnisse sind Europäischer
Standard. Damit meinen sie, es ist was Gutes.
Aber dieser Standard ist nicht gut, sondern sogar
schlechter. Isolation ist ein Todesprogramm für
die Gefangenen. Darum habe ich beschlossen, einen
Film über die europäischen Knastbedingungen
zu machen, über den europäischen Standard.
Die Situation in der Türkei ist schlecht und
wird sich noch mehr verschlechtern, wenn sie einen
Standard Europas übernehmen, der schlecht ist.
Ich habe mit früheren politischen Gefangenen
gesprochen, mit Irmgard Möller, mit Günter
Sonnenberg. Ich werde andere ehemalige Gefangene und
Angehörige in Frankreich und im Baskenland treffen.
Das Filmprojekt möchte ich bis Ende des Jahres
fertigstellen, weil dann der türkische Staat
mit der Umsetzung des Isolationsprogramms beginnen
will. Wenn ich meinem Volk zeigen kann, was europäischer
Standard wirklich bedeutet, werden es die Menschen
in der Türkei besser verstehen.