F:
In Ihrem Film wird das Schicksal der Verschwundenen
in der Türkei gezeigt. Was bedeutet »Boran«,
und warum haben Sie diesen Titel gewählt?
Boran
ist der Name einer wilden Taubenart in der Türkei,
die in Gefangenschaft die Nahrung verweigert. In meinem
Film glaubt die Mutter eines der Verschwundenen, daß
ihr Sohn zu einer Taube geworden ist. Darum geht sie
jeden Tag in die Stadt und füttert die Tauben.
Mit dem Titel möchte ich sagen, die Menschen
sind Tauben, doch die Verschwundenen sind »Boran«.
F:
»Boran« ist auch der Name eines Sturms
in Anatolien ...
Ja,
die Menschen in der Türkei lieben es, ihren Kindern
diesen Namen zu geben. Aber ich habe den Titel gewählt,
um an die wilde Taube zu erinnern. Grup Yorum, die
die Filmmusik schrieben, haben auch ein Lied komponiert,
das den Titel »Boran« trägt. Es handelt
vom Hungerstreik politischer Gefangener. Eine Zeitlang
war es sogar gefährlich, die Taube als Symbol
zu erwähnen.
F:
Grup Yorum sind eine bekannte türkische Band.
Haben Sie nur für diesen Film mit ihnen zusammengearbeitet?
Wir
arbeiten häufig zusammen. Ich hätte auch
mit anderen Musikern arbeiten können. Aber für
»Boran« wollte ich mit Leuten arbeiten,
die die emotionale Erfahrung hatten. Auch Grup Yorum
war mehrere Male in Haft. Vielleicht sind sie keine
perfekten Musiker, aber sie verstehen es sehr gut,
die Emotionen der Menschen in Musik umzusetzen.
F:
Sie haben in Ihrem Film nicht mit professionellen
Schauspielern gearbeitet, sondern mit den »Samstagsmüttern«
...
Für
die Samstagsmütter war es nicht schwer, sie spielten
ihr tägliches Leben. Ich hatte Angst, die Teilnahme
an dem Film würde ihre Erinnerungen wieder wachrufen.
Aber sie sagten nur: »Lieber Sohn, wir können
das Ganze ohnehin nicht vergessen. Wir sorgen uns
mit und ohne den Film.« Während wir drehten,
unterlief ihnen kein einziger Fehler. Das hat mich
sehr beeindruckt. Manche von ihnen haben nie das Drehbuch
gelesen, weil sie weder lesen noch schreiben können.
F:
Es ist ja fast ein Wunder, daß Ihr Film einen
Preis des türkischen Kulturministeriums erhalten
hat...
Auch
ich war sehr überrascht, als »Boran«
im Oktober 1999 zum Antalya-Kurzfilm-Festival eingeladen
wurde. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Normalerweise
darf so ein Film in der Türkei nicht gezeigt
werden. Die Jury war international zusammengesetzt,
und ich bin überzeugt, daß sie »Boran«
für den Preis genau wegen der Situation in der
Türkei vorschlugen. Jetzt kann der Film nicht
mehr verboten werden.
F:
An welches Publikum richten Sie sich hier in Deutschland?
An die Kinder der kurdischen und türkischen Einwanderer
und Flüchtlinge oder eher an die »Deutschen«?
Ich
möchte so viele Menschen wie möglich erreichen,
auch unpolitische Leute, die aus Spaß ins Kino
gehen. Ich überzeugt, daß die Menschen
etwas tun werden, wenn ich ihnen meine Geschichte
erzählen kann. Die meisten Flüchtlinge,
die hier leben, haben sicherlich noch schlimmere Geschichten
zu berichten.
F:
1996, als Sie begannen, die ersten Aufnahmen für
Ihren Film zu drehen, war die Situation in der Türkei
anders als heute. Wie wirkt sich der Kandidatenstatus
der Türkei für die Europäische Union
auf die Arbeit eines oppositionellen Filmemachers
aus?
Heute
ist es möglich, meinen Film zu zeigen, das ist
schon eine Veränderung. Aber die Bedingungen
in der Türkei haben sich noch nicht wirklich
geändert. Man versucht, den Kapitalismus zu perfektionieren.
Die Demokratie, von der gesprochen wird, entspricht
den Vorstellungen der Eliten, nicht denen des Volkes.
Der türkische Staat will jetzt Isolationsgefängnisse
einführen, diese Idee kommt aus Europa. Isolation
ist das schlimmste Verbrechen, das Menschen angetan
werden kann. Europa findet das gut, keine blutige
Folter mehr. Aber die Menschen werden trotzdem sterben,
in völligem Schweigen.
Mein
nächster Film wird über die Isolationsgefängnisse
in der Türkei sein. Eine Antwort auf dieses Problem
liegt in Europa. In der Türkei sagt man, die
neuen Gefängnisse sind »europäischer
Standard«. Damit meint man, es ist was Gutes.
Aber dieser Standard ist schlecht. Ich habe mit früheren
politischen Gefangenen gesprochen, mit Irmgard Möller,
mit Günter Sonnenberg. Ich werde andere ehemalige
Gefangene und Angehörige in Frankreich und im
Baskenland treffen. Das Filmprojekt möchte ich
bis
Ende des Jahres fertigstellen, weil dann der türkische
Staat mit der Umsetzung des Isolationsprogramms beginnen
will. Wenn ich meinem Volk zeigen kann, was »europäischer
Standard« wirklich bedeutet, werden es die Menschen
in der Türkei besser verstehen.
Interview:
Karin Leukefeld
***
Veranstaltungen mit Aufführung des Films »Boran«
(Original mit englischen Untertiteln) am 10.11. Saarbrücken;
19.11. Berlin; 24.11. Frankfurt/Main (mit Grup Yorum);
25.11. Darmstadt; 26.11. Stuttgart; 28.11. Nürnberg;
3.12. Hamburg; 5.12. Bielefeld; 7.12. Bonn. Alle Veranstaltungen
finden im Rahmen der Libertad-Kampagne »Kein
Stammheim am Bosporus« statt. Hüseyin Karabey
ist anwesend. Weitere
Informationen: www.libertad.de