|
Bericht zur Zwangsernährung
Holger Meins, Wittlich 11. Oktober 1974
Seit 30. 9. (12 Tage) läuft hier die Zwangsernährung
täglich einmal. Findet im Lazarett statt (ist ein
1-stöckiger Anbau am B-Flügel wie 'n
Wurmfortsatz ich liege im A-Flügel, 1. Stock
Mitte) bis zum Behandlungszimmer gehe ich so
mit. 'Ne Eskorte von 5-6 Grünen.
Die erst Woche habe ich jeden Tag verschiedene Arten
von aktivem Widerstand gemacht. Punktuell und flexibel.
5-6 Grüne, 2-3 Sanis, 1 Arzt. Die Grünen
packen, schieben, zerren mich auf 'nen Operationsstuhl.
Ist eigentlich ein OP-Tisch mit allen Schikanen, dreh-schwenkbar
usw. und klappbar zum Sessel mit Kopf- und Fußteil
und Armlehnen.
Festschnallen: 2 Handschellen um die Fußgelenke,
1 etwa 30 cm breiter Riemen über die Hüfte,
linker Arm mit zwei breiten Lederstücken mit 4
Riemen vom Ellenbogen bis zum Handgelenk, rechter Arm
auch zwei, Handgelenk und Ellenbogen, 1 über
die Brust. Von hinten ein Grüner oder Sani, der
den Kopf mit beiden Händen um die Stirn fest an
das Kopfteil presst (beim aktiven Kopf-Widerstand
noch einer rechts und links an die Seiten, in die Haare,
Bart und um den Hals damit ist der ganze Körper
ziemlich fest fixiert, bei Bedarf hält dann noch
einer Knie oder Schultern. Bewegung ist nur muskulär
und 'innerhalb' des Körpers möglich. Die Woche
haben sie die Gurte/ Riemen sehr fest gezurrt, so dass
sich z. B. in den Händen das Blut staute, bläulich
anlief usw.)
Mund: Von rechts der Arzt auf 'm Hocker mit 'nem kleinen
'Brech-Eisen', ca. 20cm lang, eine Seite gewölbt-spitz,
andere gewölbt-pfannenartig, mit Leukoplast umwickelt.
Damit geht er zwischen die Lippen, die gleichzeitig
mit den Fingern auseinander gezogen werden und dann
zwischen die Zähne. (Geht bei mir relativ leicht,
da drei Zähne fehlen) und hebelt die auseinander,
entweder durch Drehung oder direkt und dann mit der
Pfanne unter dem Gaumen (beißt man die
Zähne zusammen, ist das trotzdem ziemlich schwierig
einer der stärksten Widerstandspunkte ,
das führt auch leicht zu Verletzungen an den Zähnen
oder am Zahnfleisch. Gegen die Kieferkraft haben sie
drei Griffe angewendet: Auseinanderdrücken mit
Fingern unterhalb der Lippen bei gleichzeitigem Zerren
an Bart oben und unten; starker Druck unterhalb des
Ohres und gegen das Kiefergelenk, was sehr schmerzhaft
ist; mit spitzen Fingern von hinten Umgreifen des Muskels,
der schräg von vorn-unten hinters Ohr verläuft,
wobei Fingerspitzen die Halsschlagader, die Drosselader
und den Vagusnerv gegen den Muskel pressen und durch
Kneten und Knudeln gegeneinander flippen lassen, was
nicht nur aktuell das Schmerzhafteste war, sondern auch
länger als den folgenden Tag anhielt). Sowie die
Kiefer weit genug auseinander sind, klemmt schiebt
drückt der Sani von links die Maulsperre
zwischen die Zähne. Das ist ein scheren-zangenartiges
Ding, 2 Finger dick, gummiert und mit 'ner Flügelschraube
im Gelenk, mit der die Kiefer auseinandergepresst werden.
Die Zunge wird mit 'ner flachen Zungen-Zange nach vorn
gezogen und runtergedrückt oder der Arzt macht
das mit einem Finger, der bis auf die Fingerkuppe 'nen
Stahlschutz trägt.
Zwangsernährung: verwendet wird ein roter Magenschlauch
(also kein Sonde) der so ca. mittelfingerdick ist. (bei
mir zwischen den Gelenken) Der ist geölt, geht
aber praktisch nie ohne automatisches Würgen rein,
da er nur 1 bis 3 mm dünner ist, als die Speiseröhre
(das lässt sich nur vermeiden, wenn man mitschluckt
oder überhaupt ganz ruhig ist). Schon bei leichter
Erregung führt das Einschieben des Schlauches sofort
zu Würgen und Brechreiz, dann zu Verkrampfen der
Brust-Magen Muskulatur, Konvulsionen, die sich fortpflanzen
in Kettenreaktionen und mit sich steigernder Heftigkeit
und Intensität den ganzen Körper erfassen,
der sich gegen den Schlauch aufbäumt, je heftiger
und je länger, je schlimmer. Ein einziges Würgen
Erbrechen, begleitet von Wellen von Verkrampfungen.
Das lässt sich nur vermeiden, oder wieder abmildern,
wenn man selbst sehr gelöst ist und ruhig, lang
und gleichmäßig durchatmen kann. Unter diesen
Umständen und bei Widerstand völlig unmöglich,
und auch sonst nur mit ruhiger Konzentration
und Selbstbeherrschung, was unter den Bedingungen des
unmittelbaren Zwangs immer heißt: Selbstunterdrückung
und Selbstdisziplinierung. Aber selbst dann ist
das Festschnallen BEDINGUNG dieser Art der Zwangsernährung,
weil der Körper reagiert "natürlich".
Ist der Schlauch im Magen, wird oben ein breiter Trichter
draufgesetzt und aus einer normalgroßen Schnabeltasse
(ca. ¼ Liter Inhalt) langsam in kleinen Schüben
(so 8 10 mal) die Brühe eingetrichtert.
Ist so 'ne Art Fleischbrühe, trübe, schleimig,
fett auf jeden Fall mit Vitaminen, Traubenzucker,
Ei, kleingehäckseltem Zeug und 'nem dicken,
bräunlichen, grießähnlichen Bodensatz
(so 1 bis 2 Esslöffel). Das Einflößen
dauert etwa 1½ bis 3 Minuten Die Tasse
wurde immer voll eingeflößt, auch wenn das
Würgen extrem stark wurde, bis zum Totalkrampf
des ganzen Körpers, ohne Rücksicht, was einmal
wohl mindestens 5 bis 6 Minuten dauerte. Einfüllen
ist nur möglich bei 'relativer Beruhigung', da
bei heftigem Würgen und/ oder Verkrampfen die Brühe
oben beim Trichter wieder ausspritzt aber auch
neben dem Schlauch bis in den Rachenraum aufsteigt
und damit in die Speiseröhre und zu Erstickungsanfällen
führen kann, was zweimal geschah (wurde aber nicht
ernsthaft lebensgefährlich). Das Würgen selbst
wie auch die Verkrampfung und das Schlucken sind natürlich
schmerzhaft, besonders auch am Kehlkopf, der der bei
jedem Schlucken/ Würgen gegen den Schlauch gepresst
wird.
Das hebeln mit dem Eisen hat zu 'ner kleinen Verletzung
am Zahnfleisch geführt, der Unterteil der Lippe
ist innen durch Einklemmen an einer Stelle wie 'aufgebissen'
und so weißlich leicht entzündet, der Rachenraum
hinten wie 'aufgeraut'. Der Kehlkopf schmerzt ganz leicht
ununterbrochen, und ich bin heiser.
Bis der Schlauch wieder raus gezogen wird dauert es
ganze 3 bis 5 Minuten, je nachdem. (Bei starkem Widerstand
kann man es auch 20 bis 30 Minuten bringen, aber aus
eigener Kraft ist die Zwangsernährung nicht zu
verhindern.)
Anschließend bleibe ich für mindestens 10
Minuten (manchmal war's auch länger) weiter festgeschnallt
und auch weiter mit fest gepresstem Kopf, "zur
Beruhigung".
Der Arzt hat sich bisher geweigert, seinen Namen zu
nennen (heißt Freitag) ein Grüner (er heißt
Vollmann) ist so 'n 190 cm Schrank macht
meistens das Kopf-Halten und zwar presst er den Kopf
gegen das Lederteil mit aller Kraft (bis ihm die Hände
anfingen zu zittern vor Anstrengung) na ja, ein
Sadist. Ein anderer er heißt Gomes oder
Komes schnallt zum Teil so fest, wie es geht,
was einmal zu Einschnitten in der Fußgelenke geführt
hat und zu 'nem Presszeichen am Handgelenk, das noch
über eine Stunde zu sehen war. Da ich vom ersten
Tag an punktuell/ partiell Widerstand gemacht habe,
gab es auch ein paar blaue Flecke an Beinen, Armen usw.
Das ganze wurde immer strikt durchgezogen, auch die
10 Minuten anschließen.
Seit dieser Woche (seit Dienstag 8. 10.) mache ich
fast keinen aktiven Widerstand mehr, nur noch passiven,
keine freiwillige Bewegung.
Dadurch wird es erträglicher, also ich kann mich
so beherrschen, dass es auch ohne Würgen usw. geht,
wie heute z. B., aber das liegt nur an mir, nicht an
der Art der Zwangsernährung, der Schlauch ist IN
JEDEM FALL EINE TORTUR.
Da sie ja sonst überall die Zwangsernährung
per Sonde durch die Nase machen, bin ich für eine
Anzeige gegen den Arzt (Soll P. machen, da er auch schon
den Antrag auf Verbot des Schlauches gestellt hat, da
kann ja 'ne Ultimative sein: "wenn nicht bis
dann hiermit
" Das soll auch auf der Pressekonferenz
mit rein genommen werden, aber nur kurz. Und nur Arzt,
keine gegen die Grünen.)
Scheiße: Heute hatte ich nach der Zwangsernährung
'ne kurze Kreislaufkiste, nicht wild, nur 5 Minuten,
Total-Flimmern, aber sonst volles Bewusstsein, nur die
Augen und Ohren.
|