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Dokumentation: Flugblatt nach der Erschießung
des Richter Drenkmann
Solidarität und Lernprozess
Die Erschießung des Richters Drenkmann ist
ein Teil der Solidarität mit dem Hungerstreik der
RAF!
1. Der Tod von Holger Meins auf der einen, die Erschießung
des Westberliner Richters Drenkmann auf der anderen
Seite haben erneut einen Widerspruch aufgeworfen, von
der die Linke sich spätestens seit dem Zeitpunkt
befreit zu haben glaubte, als die Mehrzahl der Genossen
der RAF im Knast saß - die Halbherzigkeit der
beschränkten Solidarität, die nur dann gilt,
wenn Justiz- und Polizeiapparat einen von uns auf dem
Gewissen haben, jedoch in dem Moment in offene Ablehnung,
politische Verteufelung und hysterische Verdrängung
umschlägt, in denn die RAF oder andere Gruppen
die politische Initiative ergreifen.
Am Samstagabend mobilisierte die Nachricht vom Tod
unseres Genossen die gesamte Linke, alle fühlten
oder forderten, daß es eine "Rache für
Holger Meins" geben müsse; 24 Stunden später
wurden die, mit denen Holger Meins in einer Front gekämpft
hat und die diesen Kampf fortsetzen, von derselben Linken
zu "Desperados", "politischen Abenteurern"
und "konterrevolutionären Provokateuren"
abgestempelt.
Solidarität mit dem taten Guerillero - aber Verketzerung
der kämpfenden Guerilla; Solidarität mit Opfern
und Leichen - aber nicht mit einer handelnden Gruppe.
Diese Solidarität ist nicht politisch, sie wird
von einer Sozialarbeiterhaltung, einer Caritasmentalität
gespeist, die zur Voraussetzung hat, daß die Genossen
der RAF selbst nicht handeln oder aber daß ihre
Kampfformen, ihr Widerstand innerhalb und außerhalb
des Knastes unterschlagen, totgeschwiegen wird. Diese
Solidarität ist spalterisch, weil sie nur den Teil
des Kampfes akzeptiert und unterstützt, der ins
eigene politische Konzept paßt, und dadurch ihren
Beitrag zur Isolation der RAF und aller anderen Versuche
des gewaltsamen Kampfes leistet.
So war bei der Solidarität mit den RAF Genossen
immer schon das Hauptproblem, daß sie nicht aufgehört
haben zu kämpfen, daß sie ihrer revolutionären
Perspektive und Überzeugung nicht abgeschworen
haben.
Der Hungerstreik der RAF und anderer Gefangener, ein
Kampf um Leben und Tod im Gefängnis, wurde erst
in dem Augenblick zur Kenntnis genommen, als Holger
Meins tot war. Und selbst dem toten Holger Meins verweigerten
die Linken die letzte Ehre: auch er ist für sie
zu allererst ein Opfer. Holger Meins ist im Kampf gefallen,
trotz unmenschlicher Erpressungsversuche, obwohl man
ihn verhungern, verrecken ließ wie ein Stück
Vieh, ist er nicht gebrochen worden, ist er nicht umgefallen,
hat gekämpft bis zuletzt!
Der Kampf, den die RAF-Genossen jetzt im Knast führen,
ist nicht Abkehr vom Konzept der Guerilla, sondern ein
Teil dieses Kampfes, den andere wieder aufgenommen haben
und weiterführen. Eben deshalb ist es unglaubwürdig,
wenn die Linken in einem Atemzug Solidarität mit
dem Hungerstreik rufen und die Erschießung Drenkmanns
verurteilen, ist es notwendig die Erschießung
Drenkmanns als Teil der Solidarität mit den Gefangenen
zu verstehen. Diesen Zusammenhang zwischen der Politik
der RAF, dem Hungerstreik und der Vergeltungsaktion
gegen Drenkmann, verstehen die Arbeiter und Jugendlichen
besser als die Linke - auch wenn sie dies nicht gutheißen,
ist es ein Fortschritt gegenüber den krampfhaften
Differenzierungsversuchen der Linken.
2. Es gibt kaum einen Erklärungsversuch, kaum
ein Argument, das in der letzten Zeit nicht wieder aufgewärmt
oder herbeizitiert worden wäre, um die eigene Distanzierung
von der Hinrichtung Drenkmanns zu rechtfertigen. Dies
alles gipfelte in dem Ausweg, den Heinz Brandt auf einem
Tribunal in Westberlin öffentlich vorschlagen konnte,
ohne daß ihm ernsthaft widersprochen wurde: die
Erschießung Drenkmanns sei ein Schachzug der Rechten,
eine Provokation der Konterrevolution, ein "kleiner
Reichstagsbrand", inszeniert, um die staatliche
Gewalt zu stärken und das Entstehen einer neofaschistischen
Massenbewegung zu unterstützen.
Dies, obwohl zur selben Zeit ein Flugblatt der Bewegung
2. Juni kursierte, in dem die Erschießung Drenkmanns
begründet wurde; dies, obwohl Heinz Brand selbst
weiß, daß konterrevolutionärer Terror
wie die Bomben in Mailand, wie manche Anschläge
in England und Irland oder auch die Ankündigung
von wahllosen Sprengstoffanschlägen in Stuttgart
1972 ungezielt, wahllos, gegen das Volk gerichtet ist
und nie gegen Mitglieder der eigenen Klasse, obwohl
auch ein Heinz Brand zur Kenntnis genommen haben müßte,
daß es in der BRD seit 1970 trotz der Verhaftung
der RAF-Genossen eine Realität des bewaffneten
Kampfes gibt. Unter diesen Voraussetzungen zu behaupten,
die Erschießung Drenkmanns sei ein gezielter Akt
der Konterrevolution und nicht eine Maßnahme der
revolutionären Linken, heißt nichts anderes
als: dieser Teil der Linken handelt in den Augen Brands
konterrevolutionär. Es geht nicht darum, daß
Heinz Brand die Linke zu den Waffen hätte rufen
sollen; es geht lediglich um den einen Punkt, daß
die politische Auseinandersetzung über die Grenzen
und Möglichkeiten solcher und ähnlicher Bestrafungsaktionen
ihren Ort ausschließlich innerhalb einer Front
haben, nachdem zuvor eine klare Abgrenzung gegenüber
denjenigen vorgenommen worden ist, deren Existenz und
Fortdauer auf der Gewalt gegen das Volk basiert. Wer
in das staatlich verordnete Lamento mit linkem Vokabular
einfällt, steht - gewollt oder nicht - auf der
Seite der Repression.
Heinz Brand steht dort nicht allein. Neben ihm steht
die ganze Reihe derer, die von der Linken so gerne als
"liberale Öffentlichkeit" bezeichnet
wird, die Bölls, mit denen man lange palavern muß,
ehe sie eine halbherzige Erklärung gegen die Vernichtungshaft
abgeben, die aber sofort und ungebeten zur Stelle sind,
wenn es darum geht, ins Horn der staatlichen Propaganda
zu blasen, für die der Tod eines Schreibtischmörders
schwerer wiegt als der Tod eines Revolutionärs.
Was hat Böll eigentlich mit seiner "Katharina
Blum" gemeint, wenn nicht, daß die Erschießung
eines Vertreters des herrschenden Gewaltapparates moralisch
gerechtfertigt ist. Wenn aus "literarischer Gewalt"
materielle Gewalt wird, schlägt sich derselbe Böll
vorbehaltlos auf die Seite derer, deren Moral er eben
noch als verlogen gegeißelt hat. Was ist das für
eine Moral, was für ein Humanismus, für den
zwei Tote dieselbe Bedeutung haben, was für eine
Moral, die ein Lamento über einen toten Richter
zuläßt, aber sich nicht kümmert um die
tausenden von Toten, die jeden Tag Opfer von Verkehrsunfällen
werden, die das Opfer unmenschlicher Wohnverhältnisse
werden, miserabler Krankenversorgung, der Arbeitshetze.
Diese Massaker sind kein Zufall - sie entsprechen der
Struktur unserer Gesellschaft. Es sind auch bei Böll
verschiedene Dinge, an der Moral einer "Katharina
Blum" eine halbe Million zu verdienen, oder diese
Moral zu haben.
Eben diese Liberalen sind es, auf die die Linke nach
dem Tod von Holger gesetzt hatte und die ihre Unterstützung
nach der Erschießung Drenkmanns weitgehend verweigerten.
Was sind das eigentlich für Liberale, die nichts
mehr gegen Folter und Vernichtungshaft machen, wenn
ein Richter erschossen wurde?
Wenn die Linke meint, wirkungsvolle Maßnahmen
gegen Isolationsfolter könnten nur im Bündnis
mit den Liberalen durchgeführt werden und dieses
Bündnis dürfe durch weitergehende Aktionen
nicht gefährdet werden, so sollte sich diese Linke
auch eingestehen, daß die Zugeständnisse,
die den Liberalen zunächst aus taktischen Erwägungen
gemacht wurden, mittlerweile einer faktischen Unterordnung
gleichkommen. Politik gegenüber der "liberalen
Öffentlichkeit" zu machen muß heißen,
die Liberalen politisch dazu zu zwingen, sich nicht
von der Drenkmann Erschießung zu distanzieren
und weiterhin gegen Isolationsfolter und Vernichtungshaft
einzutreten. Das Gegenteil ist Opportunismus, anbiedern
an die bürgerliche Öffentlichkeit, der Versuch,
sich zwischen revolutionärer Politik und liberaler
Meinung zu arrangieren.
3. Die kommunistischen Gruppen beziehen sich in ihrer
Argumentation nicht darauf, was die Liberalen meinen,
sondern auf das Unverständnis und die Ablehnung,
auf das jegliche gewaltsame Aktion bei der Arbeiterklasse
angeblich stoßen müsse. Die Bedingungen der
Massenarbeit würden erschwert, die Linke isoliert.
Das ist Augenwischerei, weil es so tut, als hätte
irgendeine der kommunistischen Gruppen gegenwärtig
eine politische Basis in der Arbeiterklasse. Und wenn
dem so wäre, so ist doch zu fragen, warum diese
Gruppen bisher das Problem gewaltsamer Auseinandersetzungen
nicht zum Gegenstand ihrer Massenarbeit gemacht haben.
(Eine Ausnahme bildet nur die KPD/ML, die im "Roten
Morgen" zwar die Erschießung Drenkmanns nicht
ausdrücklich gutgeheißen hat, aber richtig
davon ausgeht, daß die ausgelösten Diskussionen
und Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz gut und nicht
schlecht sind.)
Es gibt in der BRD seit 1970 Ansätze eines gewaltsamen
Kampfes. Dies ist kein gewaltsamer Kampf der Massen,
es sind erst kleine Gruppen: Rote Armee Fraktion, Bewegung
2. Juni. Revolutionäre Zelle, Rote Armee Fraktion/Aufbauorganisation
und andere. Die Linke muß sich zu diesen Gruppen
verhalten, muß es begreifen, in die Agitation
mit einbeziehen, daß diese und andere Gruppen
nach den eingeschmissenen Fensterscheiben und anderen
Pflichtübungen nicht zu ihrem Bier zurückkehren,
daß sie die gefangenen Genossen nicht verrecken
lassen wollen.
Wollen die Linken den Arbeitern weismachen, daß
es einen gewaltfreien Weg zum Sozialismus gibt? Wollen
wir das Problem gewaltsamer Kämpfe so lange unter
den Tisch lügen, bis die Kollegen selbst drauf
kommen? Wollen wir die BRD zum friedlichen Gebiet erklären
und das unfriedliche, gewaltsame Zusammenleben nach
Chile, Vietnam, Guinea-Bissao exportieren?
Das Problem ist nicht, daß die Linke durch Aktionen
wie der Erschießung Drenkmanns isoliert wird,
sondern vielmehr, daß unsere reale gesellschaftliche
Isolation, unsere objektive Schwäche uns vorgeführt
wird. Politisch-militärische Aktionen zum gegenwärtigen
Zeitpunkt sind nicht deshalb desorganisierend, weil
gekämpft wird, sondern weil die kommunistischen
Organisationen es nicht verstehen, sie in die Massenarbeit
zu integrieren. So ist letztendlich das Gejammer über
die Militanz einiger Genossen im Grunde nur ein Gejammer
über die Schwäche der eigenen Organisation.
4. Beide Gruppen, die, die das Bündnis mit den
Liberalen plötzlich gefährdet sehen, wie die,
die ihre Isolierung von der Arbeiterklasse fürchten,
vereinen sich in dem Argument, daß derartige Bestrafungsaktionen
lediglich der Faschisierung des Staatsapparats und der
Entwicklung einer faschistischen Massenmobilisierung
dienten, daß die Linken gar den Vorwand für
die Zunahme staatlichen Terrors lieferten.
Beides ist Unsinn und hat mit der Wirklichkeit nichts
zu tun. Entweder sucht sich der Staatsapparat jeden
beliebigen Vorwand - also auch den Streik bei Ford -,
um seine Repressalien auszudehnen, oder aber er braucht
gar keinen Vorwand, wie bei den Notstandsgesetzen im
Jahre 1968: Die RAF hat darauf die einzig richtige Antwort
gegeben: "Marx lehrt uns, daß der revolutionäre
Fortschritt unvermeidlich die Konterrevolution erzeugt.
Wer nur darauf bedacht ist, den jämmerlichen Rest
von bürgerlichen Scheinfreiheiten zu verteidigen,
der muß allerdings den revolutionären Fortschritt
fürchten wie die Pest, denn er führt zum Widerruf
der kleinen Konzessionen des Kapitals, die ja nur gemacht
wurden, um die Revolution zu verhindern. Es ist nicht
die Stärke der proletarischen Klassenbewegung,
die den Faschismus bannt, sondern die Schwäche
der revolutionären Tendenzen, die ihn entbehrlich
macht".
Daß von der Entwicklung einer faschistischen
Massenmobilisierung trotz der totalen ideologischen
Gleichschaltung von Presse, Rundfunk und Fernsehen nicht
die Rede sein kann, hat doch die "Trauer"dernonstration
bei Drenkmanns Beerdigung gezeigt.
Trotz der Vorführung "höchster Regierungsvertreter
und Repräsentanten des Staates", trotz vorgezogenen
Betriebsschlusses in zahlreichen westberliner Fabriken,
trotz tagelanger vorbereitender Propaganda kamen nur
15.000 - das sind weniger, als CDU und FDP in Westberlin
an Parteimitgliedern haben.
Die Erschießung Drenkmanns hat nicht zu einer
faschistischer Massenmobilisierung geführt, sie
hat in den Betrieben, in den Lehrwerkstätten, in
den Schulen und Universitäten bestehende Positionen
und Meinungen deutlicher gemacht.
5. Weniger prinzipiell geben sich die Genossen, die
Aktionen dieser Art nicht generell verurteilen, sondern
sich auf "Manöverkritik" beschränken.
Daß dabei die Detailkritik z.T. dazu herhalten
muß, um prinzipielle Einwände und Ängste
zu verschleiern, sieht man an den Dutschkes, an den
Vertretern des Sozialistischen Büros, die Drenkmann
urplötzlich zum linken Sozialdemokraten und aufrechten
Antifaschisten stilisieren. Die Bewegung 2. Juni hat
darauf richtig geantwortet: Wenn er uns heute unter
anderem auch als Antifaschist verhökert werden
soll, nur weil er während der NS-Zeit nicht als
Richter tätig war, sondern als Syndikus in der
hiesigen Industrie- und Handelskammer, dann stellt sich
doch die Frage: "War diese etwa antifaschistisch?"
Welch ein Widerspruch, in anderen Zusammenhängen
von "Charaktermasken des Systems" zu sprechen,
aber in dem Moment, in dem es eine dieser "Charaktermasken"
konkret trifft, alle möglichen Entschuldigungen
herbeizuzaubern, um zu erklären, Drenkmann sei
der Falsche gewesen. Wen interessiert es denn, ob Drenkmann
konkret für die RAF-Prozesse verantwortlich war,
wenn man weiß, daß er Präsident des
Landgerichts war und sich als solcher natürlich
auch nicht selbst die Hände beschmutzt. Auch Hitler,
Goebbels, Himmler, Göring, Freisler haben den Gashahn
nicht selbst aufgedreht, eigenhändig keinen ermordet.
Andere Genossen wieder sagen, eine Entführung
wäre gut gewesen, nicht jedoch die Erschießung.
Das ist sicher richtig, aber was soll so ein Vorschlag
in einer Situation, wo jeder auf Distanzierung, nicht
auf Solidarität bedacht ist? Dann hat er nur die
Funktion, sich selbst politisch ein Hintertürchen
aufzuhalten. Was wäre denn gewesen, wenn - was
wahrscheinlich ist - Drenkmann dem Staatsapparat keinen
Heller und Pfennig, geschweige den Austausch gegen einen
oder mehrere Genossen wert gewesen. wäre?
Die gutwilligste Kritik ist sicherlich die vom falschen
Zeitpunkt. Eine Woche, zehn Tage später seien die
politischen Bedingungen besser gewesen, sei der Boden
für eine solche Aktion vorbereitet gewesen. Eine
politisch-militärische Aktion wird von anderen
Kriterien bestimmt als eine Veranstaltung, ein Teach-In,
eine Demonstration. Sie verlangt eine andere Durchführung,
eine andere Vorbereitung. Die Gruppe mußte die
Aktion durchführen, solange Drenkmann nicht unter
besonderem Polizeischutz stand, gerade auch dann, wenn
tatsächlich eigentlich eine Entführung vorgesehen
war.
Die politische Arbeit der Linken hätte 10 Tage
später auch eine solche Aktion, nicht vorbereitet.
Im Gegenteil: fast alle Flugblätter und Argumentationen
der Linken zum Tod von Holger Meins appellieren an das
Mitleid mit den armen linken Schweinen, stellen die
Linken nur als Opfer dar, beschreiben Staat und Kapital
als übermächtige und allgegenwärtige
Repressionsinstanzen. Diese Agitation schafft eine Solidarität
dafür, daß die Linken immer nur Schläge
einstecken.
6. Wir weinen dem toten Drenkmann keine Träne
nach. Wir freuen uns über seine Erschießung.
Diese Aktion war notwendig, weil sie jedem Justiz-
und Bullenschwein klargemacht hat, daß auch er
- und zwar heute schon - zur Verantwortung gezogen werden
kann. Sie war nützlich, weil der Tod von Holger
Meins nicht nur bejammert worden ist, sondern dokumentiert
wurde, daß zumindest ein Teil der Linken es nicht
länger hinnehmen wird, widerstandslos einen ihrer
Genossen nach dem anderen von der Repression vernichten
zu lassen. Sie war beispielhaft, weil sie dem dauernden
Gerede über die Übermacht des Staatsapparats,
das nur Resignation auslösen kann, entmutigend
ist, ein Ende bereitet hat.
Man braucht uns nicht zu sagen, daß hier eine
Auseinandersetzung zwischen einem winzig kleinen Teil
des Volkes und dem Staatsapparat ausgetragen wird, daß
der Kampf für die politischen Gefangenen kein Massenbedürfnis
realisiert, sondern die Massen weitgehend auf die Rolle
unbeteiligter Zuschauer zurückschraubt. Wir wissen
auch, daß die Basis der revolutionären Linken,
ihr Einfluß sich nur dann vergrößern
kann, wenn in ganz anderer Weise, auf anderen Ebenen
- aber eben auch unter Einschluß gewaltsamer,
illegaler Kampfformen - die Probleme des Lebens und
des Arbeitens aufgegriffen werden, daß deshalb
im jetzigen Stadium des revolutionären Prozesses
der Kampf um die politischen Gefangenen unter ungünstigen
Bedingungen stattfindet.
Dennoch: Zu jedem Zeitpunkt bleibt die Solidarität
mit den Gefangenen, die Selbstverteidigung ein notwendiger
Bestandteil der Politik. Aus diesem Dilemma gibt es
nur einen Ausweg, wenn man die gefangenen Revolutionäre
bedenkenlos der Repression überantwortet.
[aus: "Holger, der Kampf geht weiter!" Dokumente
und Beiträge zum Konzept Stadtguerilla. Politladen,
Juni 1975
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