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Die grünen Krieger bespitzelt

 

Ausgabe Nr. 49/00, 7.12.2000

Die grünen Krieger bespitzelt

Neue Dokumente zeigen, dass die Erdölindustrie nach der Kampagne gegen Shell 1995/96 Greenpeace in den Konkurs treiben wollte


Von Res Strehle


Das Video einer Münchner Filmproduktionsgruppe mit dem Titel «Business as usual» fand 1997 in verschiedenen deutschen Städten vorab bei der grünen Opposition grossen Anklang. Es dokumentierte die «Arroganz der Macht» (Untertitel) des britisch-niederländischen Erdölkonzerns Shell ein Jahr nach der Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers Ken Saro-Wiwa sowie von acht Mitstreitern aus dem Volk der Ogoni. Mit den neun Aktivisten waren führende Kronzeugen der Umweltzerstörung von Shell im Rahmen der Ölförderung im Niger-Delta eliminiert worden.
Was die Arroganz der Macht so richtig auf die Spitze trieb, dem Publikum aber nicht bewusst war: Manfred S., Autor und Sprecher des besagten Dokumentarfilms, stand zu jener Zeit als verdeckt tätiger Agent mit dem Tarnnamen «Camus» im Solde der Erdölindustrie. Er hatte den Auftrag, die grüne Opposition gegen Shell zu bespitzeln. Das Filmprojekt gab ihm die Möglichkeit zur vertieften Recherche in den Reihen der Gegnerschaft, die 1995 im Zusammenhang mit der Hinrichtung von Saro-Wiwa und der zuvor geplanten Versenkung der Bohrinsel «Brent-Spar» in der Nordsee zum Boykott gegen den Ölmulti aufgerufen hatte.
Manfred S. interviewte während der Dreharbeiten die damalige Speerspitze der Opposition, unter ihnen Christa Nickels von den Grünen, Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker, und Holger Ehling von der Frankfurter Buchmesse. Bereits im Zusammenhang mit den Protesten gegen Brent-Spar hatte Manfred S. in engem Kontakt mit Greenpeace gestanden.

Neuer Boykott befürchtet

Von besonderem Interesse war für die Erdölindustrie auch die Naturmittelfirma Body Shop. Die grüne Ladenkette dokumentierte den Widerstand der Ogoni gegen die Zerstörung ihres Lebensraums seit 1993 in den Schaufenstern, unterstützte die Opposition finanziell und verhalf Owens Wiwa, dem Bruder des hingerichteten Schriftstellers, zur Flucht aus Nigeria. Mit der Unterstützung durch Body Shop hatte der Shell-Widerstand eine neue Dimension erhalten.
Der Auftrag von Manfred S. war, wie Dokumente heute zeigen, im Interesse der Erdölindustrie mit verdeckten Ermittlungen abzuklären, ob sich ein Boykott wie 1995 gegen Shell wiederholen könnte. Die Tatsache, dass achtzig Prozent der deutschen Bevölkerung während der Auseinandersetzung um die Bohrinsel Brent-Spar den Boykott unterstützt hatten, hatte Shell völlig unerwartet getroffen. Die Branche war geschockt. Agent Manfred S. sollte herausfinden, ob neue Aktionen anstanden und anlässlich des Jahrestags der Hinrichtung von Ken Saro-Wiwa gar eine Wiederholung des Boykotts denkbar war.
Auftraggeberin der Ermittlungen war die Londoner Firma Hakluyt & Co. Sie war Mitte der neunziger Jahre von ehemaligen Mitgliedern des britischen Auslandgeheimdienstes MI6 als privater Informationsdienst gegründet worden. Die verschwiegene Stiftung verfügt seit ihrer Gründung über gute Kontakte zum ehemaligen Na-to-Generalsekretär Lord Carrington, der auch eine Partnerschaft mit Henry Kissinger vermittelte. Der einstige amerikanische Aussenminister bürgte erst kürzlich in der «Financial Times» für die Qualität des privaten britischen Informationsdienstes:«Hak-luyt ist stark in der Analyse und Informationsbeschaffung.»
Wie wahr. Manfred S. erhielt 1996 von Hakluyt-Geschäftsführer Mike Reynolds den Auftrag, die Anti-Shell-Opposition zu bespitzeln. Im Juni 1997 stellt er Rechnung in Höhe von 20000 Mark. Hakluyt rühmt sich, als privater Nachrichtendienst mit denselben Mitteln zu arbeiten wie zuvor im verdeckten Staatsdienst. In der Tat gelingt es der Firma im Mai 1997, den Bericht des britischen Greenpeace-Kampagnenleiters Chris Rose über Klimaschutz und neu geplante Kampagnen «noch nass» ab Druckerei zu beschaffen und direkt an den Kunden weiterzuleiten.
Wer dieser Kunde ist, wird von den ehemaligen Nachrichtenagenten verschwiegen. Naheliegend wäre Shell, dessen Hauptsitz in London liegt, umso mehr als mit Sir Peter Holmes ein früherer Chairman von Shell im Stiftungspräsidium von Hakluyt sitzt. Und wer, wenn nicht Shell, hatte die Möglichkeit, Greenpeace wegen Produktionsausfall mit einer Schadenersatzklage in den Konkurs zu treiben? Exakt dieses Szenario sollte Manfred S. Mitte 1997 «mit höchster Bedeutung» im Interesse des geheimnisvollen Kunden abklären.
«Die Stimmung der grünen Krieger ist nicht gut», berichtet Manfred S. nach einem Besuch bei einem oppositionellen Netzwerk in Magdeburg und bei Greenpeace in Hamburg, «die kampagnenbezogene Öffentlichkeitsarbeit hat nicht den Erwartungen entsprechende Ergebnisse gebracht. Kritik gab es dem Verlauten nach auch an dem mangelnden Einbinden der örtlichen Kontaktgruppen.»
Shell London mochte sich bis Redaktionsschluss nicht zu einer möglichen Zusammenarbeit mit Hakluyt äussern. Dafür dementierte Hakluyt-Geschäftsführer Reynolds: «Unser Kunde war hundertprozentig nicht Shell.» Man habe diese Expertise vielmehr im Auftrag eines firmenunabhängigen Kunden erstellt. Auf den Münchner Manfred S. sei man durch Empfehlung gestossen. Der Auftrag an ihn hätte gelautet, «gewisse Aspekte» der Umweltopposition abzuklären. Später hätte man diesem Mann keine Aufträge mehr erteilt.
Dieser Aussage widersprechen drei Schecks über 9000 Mark, die Manfred S. noch dieses Jahr von Hakluyt erhielt. Der Münchner Agent hatte weitere Berichte für Hakluyt verfasst – unter anderem auch über die Zuger Rohstoffhändler Marc Rich und Glencore sowie Martin Ebner.
Manfred S. war als verdeckter Ermittler ausserdem auch gegen die linksradikale Szene Deutschlands, Italiens und der Schweiz tätig. Hier wurde er enttarnt. Seine Aufträge werden zumindest in Deutschland aller Voraussicht nach ein politisches Nachspiel haben. Die bespitzelte Christa Nickels, inzwischen Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, will die Sache nicht auf sich beruhen lassen.


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