Wochenzeitung
(WoZ), Schweiz, 6.12.2000
Revolutionärer Aufbau: Spitzel enttarnt
Die Legende vom Filmemacher
Zwanzig
Jahre bewegte sich ein deutscher Agent in den revolutionären
Zirkeln Europas. Jetzt brach seine Legende zusammen.
Offensichtlich
ist es den deutschen Staatsschutzbehörden gelungen,
einen Spitzel im Umfeld der linken Gruppe Revolutionärer
Aufbau RA) zu platzieren und dies schon vor einigen
Jahren. Dies geht aus Unterlagen hervor, die dem RA
zugespielt wurden und die der WoZ vorliegen. Manfred
S. bewegte sich, ausgestattet mit einer Legende als
Dokumentar- und Videofilmer, zwanzig Jahre lang in
der europäischen revolutionären Szene. Gegenüber
VertreterInnen des RA erklärte er, die von ihm
repräsentierte Produktions firma . Gruppe
2 sei ursprünglich eine klandestine Struktur
gewesen, die im Anschluss an den deutschen Herbst
1977 gegründet worden sei. Er sei der einzige
dieser Gruppe, der je öffentlich aufgetreten
sei.
Keinen
Verdacht geschöpft
Jahrelang schöpfte niemand Verdacht, weil S.
äusserst behutsam und zurückhaltend zu Werke
ging. Er war als Eigenbrötler bekannt und galt
als intelligenter Gesprächspartner. Er horchte
nie jemanden direkt aus, sondern setzte seine Informationen
immer aus verschiedenen ihm zu Ohren gekommenen Bruchstücken
zusammen. So verschaffte er sich in all den Jahren
zahlreiche Informationen über Personen, Gruppen
und internationale Kontakte, die er fein säuberlich
ordnete und weitergab. Die vorliegenden Dokumente
gehen bis ins Jahr 1986 zurück und beschäftigen
sich in den ersten Jahren vor allem mit den politischen
Bewegungen in Frankreich und Italien. Sie stammen
nicht von S. selber, sondern vermutlich von seiner
Dienststelle, die bis zur Stunde unbekannt ist. Dieser
Stelle muss S. aber einiges wert gewesen sein. Zumindest
für die letzten Jahre sollen die monatlichen
Ausgaben von S. gemäss Recherchen des RA pro
Monat 10000 Mark betragen haben. In den Unterlagen
finden sich auch zahlreiche Listen und Karteikarten.
Ob diese alle auch von S. selber angelegt worden sind,
lässt sich nicht immer mit Bestimmtheit sagen.
So existieren zum Beispiel eine lange Liste von «Aktivisten
in den Komitees für Solidarität mit den
politischen Gefangenen» und Karteikarten mit
einzelnen Mitgliedern der revolutionären italienischen
Linken. Oft sind die Daten unvollständig, so
fehlt zum Beispiel bei einigen Personen der Nachname.
Sicher von S. der einige seiner Berichte mit
Camus unterzeichnete stammt eine vierzig Blatt
umfassende K artei über die VertreterInnen des
RA inklusive Bild der entsprechenden Personen
von vorne und von der Seite. Auch der Verteiler eines
Mails landete mit einigen erläuternden Bemerkungen
in den Unterlagen von S. In einem Strategiepapier
von 1994 verfasste er eine umfangreiche Analyse über
verschiedene linksradikale Gruppen und machte Vorschläge
für kurz- und mittelfristige Schwerpunkte seines
eigenen Einsatzes. So schlug er vor, das innerhalb
des RA verfolgte Projekt einer deutschen Ausgabe der
italienisc hen Zeit schrift Rapporti Sociali
zu unterstützen: Die eigene Beteiligung
daran würde eingehende Diskussionen und Erörterungen
der politischen Standpunkte der Schweizer möglich
und erforderlich machen und darüber hinaus personelle
Erkenntnisse über N./N. hinaus erbringen.
Klassisches Aushorchen also, aber nicht nur das: Darüber
hinaus handelt es sich bei den Rapporti Sociali
um das ... zentrale gemeinsame Projekt der vorgenannten
Gruppen/Organisationen. Für Italien schlug
S. im gleichen Bericht vor, das ni e fertig gestellte
Projekt eines Films zum bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen.
Da sehr umfangreiches Material über die
gesamte Periode der BR (Brigate Rosse) von 1970 bis
1987 vorliegt, könnte bei Wiederaufnahme des
Projekts sofort mit einer sog. Aktualisierung
begonnen werden, das heisst über die Ergänzung
durch Interviews und Gespräche könnten beliebig
und unmittelbar direkte Kontakte in nahezu alle Bereiche
aufgenommen werden.
Auch
bei Greenpeace
Immerhin: Eine Ausgabe der Rapporti Sociali
erschien in der Folge tatsächlich. In deutscher
Übersetzung - finanziert mit einem nicht unerheblichen
Beitrag von S. beziehungsweise des ihn führenden
Dienstes.
Die von S. verfassten, aber nur teilweise gezeichneten
zusammenfassenden Kontakt- und Reiseberichte
machen auch deutlich, dass er wenig Skrupel bei der
Beschaffung von Informationen hatte. So traf er sich
im April 1994 mit einem potentiellen Waffenkäufer
und erklärte diesem, er sei in der Lage, eine
begrenzte Anzahl Faustfeuerwaffen zu liefern. Das
Stück zum Preis von DM 1200. «Allerdings
würden diese Lieferanten darauf bestehen, zu
erfahren, wohin die Waffen gingen (politisch/persönlich).»
Seine Dienst stelle beruhigte S.: «Im Übrigen
wurde dieser Waffenköder von mir
so ausgelegt, dass ein Rückzug jederzeit
auch ohne Gesichtsverlust und Verdachtserweckung möglich
ist.» S. war nicht nur ein aufmerksamer Beobachter
der linken Szene. 1996 übernahm er einen Auftrag
zu einer Recherche über Greenpeace. Auftraggeberin
war die englische Firma Hakluyt & Co. Zu den Gründern
dieser Firma gehören ehemalige britische Agenten
des MI6, die mit der Informationsbeschaffung
für Firmen ein lukratives Geschäftsfeld
entdeckt hatten. Zu ihnen hatte S.. Kontakte über
einen ehemaligen Mitarbeiter des Militärischen
Abschirmdienstes (MAD). Auftraggeber dieser Untersuchung
war, so die Einschätzung des RA, der Ölmulti
Shell, der damals gerade Probleme in Nigeria (Hinrichtung
von Ken Saro Wiwa) und in der Nordsee (Brent Spar)
hatte. 1997 stellt S. für seinen Auftrag Rechung
über 20000 DM. Und wie ist man dem Spitzel auf
die Schliche gekommen? Er hätte sich nach Jahren
als stiller Beobachtung als Organisator be währen
sollen. Das trieb ihn in Widersprüche, andere
Indizien kamen dazu, seine Zuverlässigkeit wurde
in Frage gestellt, seine Vergangenheit recherchiert
und schliesslich wurde er mit den Vorwürfen konfrontiert.
So endet die Zusammenarbeit. S. wird es schwer haben,
die Beteiligten davon zu überzeugen, dass ihm
Unrecht geschehen sei. Gegenüber der WoZ stritt
er ab, im Auftrag eines deutschen Dienstes zu arbeiten.
Auf konkrete Fragen gab er allerdings vage Antworten,
suchte Ausreden und machte teilweise Ein geständn
isse. Die (in der Diktion des deutschen Staatsschutzes
verfassten) Berichte seien für seine klandestinen
Genossen bestimmt gewesen. Manches, was unverständlich
sei, habe seine Gründe, über die er aber
am Telefon nicht reden wolle. Er bat um Verständnis.
Ist Manfred S. also doch nur ein Mensch, der vor vielen
Jahren in einem fremden Territorium ausgesetzt wurde
und jetzt den Weg zurück nicht findet?
Von Johannes Wartenweiler