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Der
Top-Informant
Im
falschen Film
Es
war eine perfekte Legende: Dem engagierten Dokumentarfilmer Markus
Schönmeier standen in der Protestszene fast alle Türen offen.
Im linksradikalen Milieu knüpfte er Kontakte und sammelte Informationen
- bis ihn ein Aktenfund als V-Mann der Geheimdienste entlarvte.
Otto
Diederichs und Holger Stark
Am
30. April 1994, einem sonnigen Sonnabend, fanden in der Münchner
Innenstadt zwei merkwürdige Händler zueinander. Der eine,
Markus Schönmeier*, war offiziell Filmemacher, aber an diesem
Tag trat er als Waffenhändler auf. Der andere, Bernd Michaelsen*,
arbeitete in einem linken Kollektiv in Berlin, aber an diesem Tag
war er auf der Suche nach Faustfeuerwaffen für den Untergrund.
Schönmeier hatte geprahlt, er könne Pistolen der Marken
"Sig Sauer" und "Heckler & Koch" besorgen.
Ein erster Treff in Bremen ein paar Tage zuvor war geplatzt. Nun war
der Interessent eigens in die bayerische Hauptstadt gereist, um das
Geschäft zu besiegeln.
Michaelsen
kam schnell zur Sache. Fünf Pistolen für die türkischen
Genossen wolle er, sagte der Autonome, der Preis sei kein Problem.
Dev Sol, eine linksradikale Untergrund-Organisation, brauchte dringend
Waffen. Die Lieferung sollten über Hamburg an verlässliche
Genossen verteilt werden.
Der
Knarren-Kauf kam allerdings nicht zustande. Schönmeier zog das
Angebot zurück, schließlich kann der deutsche Staat nicht
Waffen an türkische Extremisten verkaufen. Denn Markus Schönmeier,
54, war einer der Top-Informanten deutscher Geheimdienste. Unter dem
Decknamen "Camus" infiltrierte er linke Gruppen, die den
Fahndern als das "terroristische Umfeld" gelten. Erst für
den bayerischen Verfassungsschutz. Aber da der Verfassungsschutz nur
in Deutschland aktiv sein darf und Schönmeiers Informationen
einfach zu gut waren, arbeitete er bald auch für den Bundesnachrichtendienst,
der wiederum nur im Ausland agieren darf. So wurde Schönmeier
zum Allround-Mann, der für mehrere Dienste arbeitete. Schließlich
belieferte er auch internationale Wirtschaftdetekteien: In deren Auftrag
spionierte er Greenpeace und die deutsche Öko-Szene aus - eine
ungewöhnliche, heikle Kombination.
Der
Fall "Camus" könnte nun ein pikantes Nachspiel haben.
Die Schweizer Bundesbehörden sind auf ihn aufmerksam geworden,
weil ausländische Agenten in der Schweiz nicht agieren dürfen.
Auch das Gremium des Bundestags, das die Geheimdienste kontrolliert,
soll sich mit Schönmeier beschäftigen, um zu klären,
wie es sein kann, dass ein Nachrichtenhändler sowohl für
den Inlands- als auch den Auslandsgeheimdienst und die Industrie arbeiten
kann. Und Greenpeace wüsste gerne, welche Geheimnisse Markus
Schönmeier an die Erdölindustrie verriet.
Dabei
handelte Schönmeier über Jahre ausgesprochen vorsichtig.
Drohte, wie bei dem Waffenkauf in München, ein Rechtsbruch, zog
sich der Geheimdienst-Mann dezent zurück. "Im Übrigen
wurde dieser 'Waffenköder' von mir so ausgelegt, dass ein 'Rückzug'
jederzeit auch ohne Gesichtsverlust und Verdachtserweckung möglich
ist", notierte Schönmeier in einem "zusammenfassenden
Kontaktbericht" an seinen Arbeitgeber. Jetzt flog er dennoch
auf. Schweizer "Antiimperialisten", in deren Gruppe Schönmeier
Mitglied war, hatten kistenweise belastende Akten bei ihm gefunden
- eine "peinliche Panne", wie es in Geheimdienst-Kreisen
heißt. Die Gruppe publizierte die Dossiers im Internet. Seitdem
schmücken Konterfeis des V-Manns die Szene-Blätter.
Ein
Dienst-Ausweis von Februar 1976 zeigt einen ernst blickenden, ordentlich
gekleideten Mann Anfang 30 mit einer altmodischen Brille. Dienstausweis
Nr. 306 ist ausgestellt auf "Dr. Schönmeier, Markus",
den Landeskonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege.
Eine Tarnidentität, wie sie Geheimdienste gerne vergeben.
Ende
1975 war Schönmeier jedenfalls nach einem mühseligen Prozedere
in die Rote Hilfe sowie den Kommunistischen Studentenbund eingetreten,
eine jener linken K-Gruppen, die es in den 70ern im Dutzend gab. "Anfang
März kam dann der Verfassungsschutz", erinnerte sich Schönmeier
an das Frühjahr 1976. "Ich habe den Typen ausgehorcht",
und als der sich erneut meldete, "sagte ich ihm, er solle zum
Teufel gehen".
Oder
auch nicht. Die Genossen jedenfalls wurden misstrauisch. Schönmeier
musste aus allen linken Organisationen austreten. Er zog sich zurück
und näherte sich statt dessen dem RAF-Umfeld an, wo er Kontakte
zu Sympathisanten aufbauen konnte. Der Verdacht schien im Sande zu
verlaufen.
Etwa
zehn Jahre später, Anfang 1987, gab Markus Schönmeier eine
Annonce in der Münchner "Stadtzeitung" auf, einem linken
Blättchen. Der ehemalige Marxist-Leninist suchte Mitstreiter
für eine Medienwerkstatt, die linke Filme produzieren sollte.
So entstand die "gruppe 2". Eine, wie sich zeigen sollte,
perfekte Legende: Unter dem Deckmantel, linke "Gegenöffentlichkeit"
gegen die Staatspropaganda herzustellen, kam Markus Schönmeier
überall dort mit Kamera und Mikrofon herein, wo für Polizei
und normale V-Männer Schluss war: Bei illegalen Besetzungen,
internen Veranstaltungen oder italienischen Sympathisanten der "Roten
Brigaden". Über die Jahre entstand so ein Bildarchiv linksradikaler
Aktivisten, eine Art internationale Steckbriefsammlung.
Markus
Schönmeier fährt heute einen schwarzen BMW Z 3 und einen
VW Shavan Kombi. Zu seiner Dachgeschosswohnung in München gehört
ein Tiefgaragenstellplatz. Unterm Dach des Hauses hängt ein Bild
von Bert Brecht. Im Bücherregal stehen kommunistische Klassiker
und Werke der Neuen Linken. Schönmeier sei ein "perfekter
Lügner", der in Sekunden eine neue Geschichte erfinden könne,
sagt ein früherer Genosse, der mit ihm zusammengearbeitet hat.
Die
"gruppe 2" residiert in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit zwei
Computern, einer modernen Videoschnittanlage und großem Archiv.
Offiziell fuhr der Münchner Filmemacher Taxi und formulierte
Werbetexte. Inoffiziell rechnete "Camus", den Diensten sei
Dank, "Reise-, Fahrzeug- und Sonderkosten" ab, pro Monat
etwa 1 600 Mark.
Auf
die Anzeige in der "Stadtzeitung" hatte sich 1987 auch Andreas
von Holthusen* gemeldet, ein damals 25-jähriger Student. "Die
Idee war, die Linke zu stärken", sagt er. "Schönmeier
wollte Verbindungen zwischen Leuten schaffen." Die "gruppe
2" war die Schnittstelle. Einer Antifa-Gruppe bot er seine Adresse
als Postfach an, ihr Schriftverkehr lief so unter den Augen der Dienste.
Das
erste Projekt der "gruppe 2" war ein Film über die
"Roten Brigaden" in Italien. Mehrere Male reiste "Camus"
nach Rom, um Anhänger der Guerilla-Gruppe zu treffen. Der Film
wurde nie fertig, aber das war auch nicht wichtig, im Gegenteil: Ende
der 90er Jahre schlug Schönmeier in einem internen Arbeitspapier
eine Wiederaufnahme des Projekts vor. "Über die Ergänzung
durch Interviews und Gespräche könnten beliebig und unmittelbar
direkte Kontakte in nahezu alle Bereiche aufgenommen werden",
notierte "Camus". Für Geheimdienste wie den BND sind
solche Kontakte eine Goldgrube.
Dem
Studenten Andreas von Holthusen kam die Sache nach kurzer Zeit merkwürdig
vor. Nach einem halben Jahr verließ er die "gruppe 2"
wieder. Anfang 1985 hatte die RAF den MTU-Manager Ernst Zimmermann
erschossen. Schönmeier habe die Ermordung später mit den
Worten "Um den ist's nicht schade" verteidigt, erinnert
sich der heute 38-Jährige. "Das war der Bruch. Mit Terrorismus
wollte ich nichts zu tun haben."
Spätestens
in der zweiten Hälfte der 90er Jahre begann Schönmeier,
auch für private Auftraggeber zu arbeiten. Über einen Bekannten
knüpfte er Kontakte zur Londoner Wirtschaftdetektei "Hakluyt",
die von mehreren ehemaligen Geheimdienst-Leuten des britischen MI6
geführt wird. Erdölkonzerne wie BP und Shell standen 1997
nach dem Brent-Spar-Desaster unter Erfolgsdruck. "Hakluyt"
bekam den Auftrag, über neue Greenpeace-Pläne zu recherchieren
- und beauftragte Markus Schönmeier.
Der
nahm seine Kamera, erklärte, für die "gruppe 2"
einen Dokumentarfilm über Shell drehen zu wollen und tauchte
in der Öko-Szene zu Recherchen auf, beispielsweise bei der späteren
Grünen-Staatssekretärin Christa Nickels. "Wir haben
uns hier immer über seine stramm linken Sprüche gewundert",
erinnert sich Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte
Völker aus Göttingen. Dennoch öffnete die Gesellschaft
ihr Archiv und half dem Filmemacher bei seiner Arbeit. Aus der Greenpeace-Zentrale
in Hamburg erfuhr er Interna über geplante Kampagnen gegen BP.
In vertraulichen Dossiers berichtete er darüber nach London.
Im Juni 1997 stellte Schönmeier der Detektei 20 000 Mark in Rechnung.
Weitere Aufträge folgten.
"Ich
sage Ihnen nein, ganz klar nein", antwortet Schönmeier auf
die Frage, ob er jemals für einen Geheimdienst gearbeitet hat.
Der BND will den Fall nicht kommentieren, weder bestätigend noch
dementierend. Aber die Schweizer "Antiimperialisten", die
"Camus" geoutet haben, werden observiert, wenn sie nach
Deutschland reisen.
Seit
November geistert Markus Schönmeiers Steckbrief durch linke Szene-Gazetten.
Mit Foto und Adresse wird der "Spitzel und Agent" gesucht.
Mit solchen Situationen hat der Geheimdienst-Mann Erfahrung. Als Amsterdamer
Linke einen Agenten outeten, half Schönmeier mit. Wer noch Informationen
über den Spitzel habe, schrieb Schönmeier damals in einem
Flugblatt, könne sich vertrauensvoll an seine "gruppe 2"
wenden.
*Namen
von der Redaktion geändert.
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