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VORSICHT,
KAMERA!
Ein herber Schlag: Hinter dem linken Dokumentations- und Archivprojekt
"gruppe 2", das mehr als 20 Jahre lang in der Linken gefilmt
hat, steckt in Wirklichkeit der Geheimdienst
Mancher scheint einfach dazuzugehören. Weil er schon so lange
dabei ist und ja auch immer irgendwas Linkes gemacht hat. So war es
auch bei Manfred Schlickenrieder, dem Vertreter der alteingesessenen
Münchner "gruppe 2". Bis - nach offenbar mehr als zwanzigjährigem
Bestehen des angeblichen linken Dokumentationsprojekts - die Schweizer
Gruppe "Revolutionärer Aufbau" Verdacht schöpfte.
Sie bildete flugs eine eigene Recherchegruppe und brachte so gleich
eine ganze Reihe von Beweisen für den Spitzelvorwurf ans Tageslicht:
Gesprächsprotokolle, Namenslisten, Geheimdienstdossiers, Spesenrechnungen
und anderes.
Allem
Anschein nach bestand die "gruppe 2" - zumindest in den
letzten Jahren - nur aus einer einzigen Person: Manfred Schlickenrieder.
Er schrieb unter dem Decknamen "Camus" seit wahrscheinlich
20 Jahren Berichte und politische Einschätzungen, legte Namenslisten
und Fotokarteien an. Allein das Material, das der Schweizer "Revolutionäre
Aufbau" zusammengetragen hat, umfasst Listen und Dokumente, in
denen Hunderte Linke mit Anmerkungen zu ihren Verbindungen und Aktivitäten
festgehalten sind, teilweise mit Fotomaterial. Daneben fanden sich
aber auch eindeutig behördliche Dokumente. Aus Italien beispielsweise
Lageberichte des Geheimdienstes SISDE, aus Deutschland Listen der
Post- und Besuchsüberwachung bei RAF-Gefangenen und eine Zusammenfassung
des Verfassungsschutzes über Telefon- und Kontaktobservation
gegen vermeintliche Mitglieder der französischen "Action
Directe". Für die Schweizer Recherchegruppe ließ das
alles nur einen Schluss zu: Sie war auf ein Geheimdienstnetzwerk gestoßen,
bei dem die "gruppe 2" nicht nur Zulieferer für eine
staatliche Institution war, sondern selbst Zugang zu Berichten und
Auswertungen staatlicher Dienste hatte.
Biografie
eines Geheimdienstprojektes
Der
Anfang der 80er Jahre war eine politisch turbulente Zeit: Eine große
Zahl von Gruppen debattierte, veröffentlichte Texte, machte Aktionen.
Es entstanden autonome Infoläden, Medienwerkstätten und
Agitprop-Strukturen, die archivierten, filmten, übersetzten und
verlegten. Ein solches Projekt war auch die "gruppe 2".
Damals bezeichnete sie sich als "Archiv für die linke Bewegung".
Sie stellte Kassetten mit Liedern der italienischen Arbeiterbewegung
her und vertrieb politische Filme und Bücher aus Italien. Später
gab sie die Zeitschrift "texte" heraus, die zum Beispiel
Dokumente aus der nordamerikanischen Gefangenenbewegung oder aus der
Diskussion der italienischen Roten Brigaden übersetzte und veröffentlichte.
Zugleich trat die "gruppe 2" - wie gesagt - als Dokumentationsstelle
auf, die ein kleines Archiv betrieb, das (gegen Hinterlegung der Personalien)
von Einzelpersonen genutzt werden konnte und wo Videogeräte ausgeliehen
werden konnten.
Und
sie filmte. Mit einer angeblichen Gruppe im Hintergrund, die selbst
revolutionäre Texte verlegt und veröffentlicht und eine
linke Medienwerkstatt betreibt, öffneten sich Manfred Schlickenrieder
Tür und Tor.
An
dieser Stelle eine kurze Erklärung zum Verhältnis von Spitzel
Manfred Schlickenrieder und der angeblichen Gruppe mit Namen "gruppe
2": Tatsächlich, wie eingangs schon gesagt, bestand die
"gruppe 2" offenbar nur aus Manfred Schlickenrieder selbst,
zumindest in den letzten Jahren. Auf den Namen und die dahinterstehende
Struktur angesprochen, erklärte er, die Struktur habe sich vor
Jahren gegründet und vor dem Hintergrund des Deutschen Herbstes
77 beschlossen, teilweise verdeckt zu arbeiten. Konkret sei beschlossen
worden, nur eine Person, nämlich ihn, offen auftreten zu lassen.
Der Rest halte sich im Hintergrund, diskutiere politisch und verpflichte
sich zur finanziellen Unterstützung des Projekts. Des weiteren
würde die Struktur über den Film- und Geräteverleih
finanziert.
Agent
in revolutionärer Mission
Wie
gesagt, öffnete die Konzeption einer linken Dokumentationsstelle
Schlickenrieder so manche Tür. So reiste er mehrmals nach Italien,
um ehemalige Gefangene für einen angeblichen Dokumentarfilm über
die Roten Brigaden zu interviewen. Er war auf unzähligen Veranstaltungen
präsent und filmte.
Die Gruppe "Revolutionärer Aufbau" fand in den Schlickenrieder-Unterlagen,
die ihr vorliegen, auch Teile eines Dossiers über ihre eigenen
Mitglieder. Beigelegt waren Fotos, die erkennbar von einem Videofilm
gezogen waren. Insgesamt entfaltete Schlickenrieder unter dem Deckmantel
der "gruppe 2" eine ganze Menge Aktivitäten, in denen
ihm die Rolle des Dokumentaristen, teils auch des Moderators zukam,
nie oder äußerst selten aber die einer Person mit eigenen
politischen Ideen und Überzeugungen. Einmal beispielsweise initiierte
er mit langjährigen Aktivisten einen Gesprächskreis zum
Thema "Wie wurde ich rot?" - ähnlich wie es auch der
Verfassungsschutzspitzel Egon Giordano in Hamburg gemacht hat.
In
den neunziger Jahren half die "gruppe 2" einen Kongress
organisieren, der unter dem Titel "Bewaffneter Kampf und Triple
Oppression" stattfand und selbstredend von der "gruppe 2"
auf Video dokumentiert wurde. Mit ehemaligen Gefangenen aus der RAF
produzierte Schlickenrieder dann den - in der antiimperialistischen
Linken durchaus populär gewordenen - Film "Was aber wären
wir für Menschen ...". Es braucht wohl kaum erwähnt
zu werden, dass für dieses Werk nicht nur die Ex-Gefangenen gefilmt
wurden, sondern auch zahlreiche Treffen und Veranstaltungen. Dieser
Film war denn auch das Empfehlungsschreiben, das Schlickenrieder ermöglichte,
Mitarbeiter der Initiative Libertad zu werden. Mit der erwähnten
Schweizer Gruppe "Revolutionärer Aufbau" schließlich
gab Schlickenrieder alias "gruppe 2" eine deutsche Ausgabe
der italienischen Zeitschrift Rapporti Sociale heraus. Pikanterweise
wurden die Übersetzungen, die Schlickenrieder besorgte, offenbar
von einem deutschen Geheimdienst gemacht, der dann auch die nicht
unerheblichen Druckkosten übernahm.
Was
dem Staat recht ist, ist der Industrie billig
Häufig
fragten sich Leute, woher die "gruppe 2" das Geld für
ihre Film- und Übersetzungsarbeit nahm. Zudem fuhr Schlickenrieder
teure Sportwagen. Die aufgefundenen Spesenabrechnungen lüften
jetzt das Geheimnis seiner Liquidität: Er rechnete konsequent
beim Amt ab. Reisen, Autopannen, Telefonkosten und Hilfsjobs im Büro
wurden ihm zu 75 Prozent rückerstattet.
Als
Zuverdienst operierte die "gruppe 2" in der Grauzone privatwirtschaftlicher
Geheimdienste. Moralische Skrupel kannte sie dabei nicht. 1997 kassierte
Schlickenrieder 20.000 DM bei der Firma "Hakluyt" in London
für die Bespitzelung deutscher Anti-Shell-, Greenpeace- und Menschenrechtsgruppen.
Die Firma Hayklut wird von ehemaligen Agenten des britischen Geheimdienstes
MI 6 betrieben. Ihr Motto: "To do for the industry what we had
done for the government" - für die Industrie das machen,
was wir früher für die Regierung getan haben. Was das sein
mag, lässt sich ermessen, wenn man die MI 6 und ihre Antiterroreinheit
SAS kennt: Auf ihr Konto gehen unter anderem Todesschwadrone in Nordirland,
die Verwissenschaftlichung der Folter in den nordirischen Polizeistuben
und die Tötungen von IRA-Militanten auf offener Straße
in Gibraltar.
Überhaupt
scheint es eine Reihe von Überschneidungen zwischen staatlicher
Auftragsarbeit und "privater" Ermittlung zu geben. Wie die
Recherchen der Gruppe "Revolutionärer Aufbau" ergaben,
ist ein enger Mitarbeiter, vielleicht sogar ein "verdecktes Mitglied
der gruppe 2", der MAD-Offizier Karsten Banse. Er wurde wegen
seiner Verwicklungen in die Affäre um Werner Mauss verurteilt.
Werner Mauss leitete in den 70ern und 80ern eine außergesetzliche
Anti-Terrorismus-Abteilung, die im Auftrag von BKA, MAD und BND handelte.
Die Behörden vergaben die Aufträge, sicherten Werner Maussens
zur Festung ausgebaute Villa mit eigener Start- und Landebahn, während
er die arbeiten erledigte, bei denen sich die Beamten nicht die Finger
schmutzig machen wollten. Finanziert wurde das Ganze von der Industrie.
Lockspitzel
und Agent Provocateur
Auch
wenn sich Manfred Schlickenrieder alias "camus" auf die
Auswertung ideologischer Positionen und die Abschöpfung von Gesprächen
konzentrierte, so hatte er trotzdem zuweilen andere, klassische Methoden
im geheimdienstlichen Repertoire. So filzte er laut einem "Zusammenfassenden
Reisebericht, Teil 3" aus dem Frühjahr 1994 einem Mitglied
der Gruppe "Revolutionärer Aufbau" in Rom die Aktentasche.
In
einem anderen Fall arbeitete Manfred Schlickenrieder als Agent Provocateur
und Lockspitzel. In einem so genannten Kontaktbericht vom 30.4.1994
bietet er einem linken Aktivisten fünf bis sieben Faustfeuerwaffen
gegen Geld an. Dazu diese Notiz:
"Im
übrigen wurde dieser 'Waffenköder' von mir so ausgelegt,
dass ein 'Rückzug' jederzeit auch ohne Gesichtsverlust und Verdachterweckung
möglich ist".
Die
Waffen sollten an einen Flügel der Organisation Devrimci Sol
aus der Türkei gehen, die sich zu dem Zeitpunkt in einem extrem
gewaltsam ausgetragenen Fraktionskampf befand, bei dem es eine Reihe
von Toten gab. In der in diesem Zeitraum erscheinenden Ausgabe der
"texte" wird erstmalig ein Text von Devrimci Sol abgedruckt.
So geht dann Schlickenrieders "Politik" mit dem Dienstgeschäft
Hand in Hand.
Geschickt
und geheimdienstlich wertvoll auch das Angebot an lokale Münchener
Gruppen, bei der "gruppe 2" Postadressen einrichten zu können.
Das sparte Mühe, Schlickenrieder bekam so z.B. die Post einer
Antifagruppe immer direkt auf den Tisch. Das brachte zwar auch mal
den polizeilichen Staatsschutz ins Haus, nachdem besagte Antifa Fahndungsplakaten
nachempfundene Steckbriefe von Zivilbullen veröffentlichte, diente
aber gleichzeitig als Beweis für die "Bedrohung durch polizeiliche
Repression".
Die
Moral von der Geschicht
Ein
Spitzel, der 20 Jahre lang mit der Kamera in der Hand durch linke
Treffen geistert - das ist ein herber Schlag. Hätte sich das
nicht verhindern lassen? Welche Fehler wurden gemacht? Diese Diskussion
steht noch aus, und sie ist zweifellos sehr wichtig. Die Jungle World
meinte, der Fall Schlickenrieder weise darauf hin, dass in den marxistisch-leninistischen
und antiimperialistischen Gruppen, in denen er sich bewegt hat, die
Theorie schematisch und die Praxis autoritär und bürokratisch
sei. Das dürfte wohl richtig und falsch zugleich sein. Falsch
daran ist die Überzeugung, dass die eigene politische Strömung
gegen Infiltration immun sei - Hähme und Selbstgerechtigkeit
sind vollkommen fehl am Platz. Richtig ist aber, dass Spitzeln ihre
Tätigkeit erheblich erschwert wird, wenn man innerhalb der politischen
Gruppen sorgfältig miteinander umgeht, Wert darauf legt, die
anderen und ihren Werdegang gut zu kennen und wirklich miteinander
diskutiert, ohne sich mit Phrasen abspeisen zu lassen.
Coco Drilo
(aus einer Radiosendung des Salon
Rouge vom Januar 01, für die Website leicht überarbeitet)
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