Der
Landeskonservator
Zur
Enttarnung der gruppe 2 und Manfred Schlickenrieder
von Kein Friede
Der Mensch ist immer die Beute seiner Wahrheit. (Albert
Camus)
Manfred Schlickenrieder
war die Nr. 1 der sich radikal links gebenden gruppe 2
aus München. Manfred Schlickenrieder ist der operative Nachrichtenagent
mit dem Decknamen camus.
Wir können
nicht verhehlen, dass wir doch einigermaßen erstaunt waren
über den Umfang der Dokumente, in die wir Einsicht nehmen konnten.
Gefragt, ob wir uns Material über einen Spitzelverdacht anschauen
und unsere Einschätzung abgeben würden, sagten wir zu.
Wir hatten keine Vorstellung, dass sich uns eine Dimension einer
mindest 20jährigen professionellen und akribischen Ausforschung
von Teilen der revolutionären Linken in Westeuropa eröffnen
würde. Denn darum geht es: Manfred Schlickenrieder war mindestens
seit Anfang der 80er Jahre Agent einer noch unbekannten Institution
und arbeitete in deren Auftrag in verschiedenen westeuropäischen
Ländern. Das belegen die Dokumente ohne jeden Zweifel. Und
es spricht einiges dafür, dass die gruppe 2 aus
München von Beginn an eine Geheimdienstfiliale war.
Manfred Schlickenrieder
war im Besitz eines Dienstausweises des bayrischen Denkmalschutzes.
Nachtigall, ich hör dir trapsen..., wenn
das nicht eine Außenstelle des in Pullach bei München
angesiedelten Bundesnachrichtendienstes ist, die bei einer anderen
Behörde Quartier bezogen hat. Schon eine in den 70er Jahren
vom Magazin Stern veröffentlichte Liste nannte
Dutzende von Bundes- und Landesbehörden bei denen Abteilungen
existierten, die tatsächlich dem BND unterstellt waren. Der
amtlich bescheinigte Landeskonservator als staatlicher Informationssammler.
Das passt. Dass er ein bürokratischer Denunziant und käuflicher
Spitzel war, zeigen die Unterlagen, in die wir Einsicht nehmen konnten.
Dass wir mit
Sicherheit wissen, dass der Denkmalschützer ein operativer
Nachrichtenagent mit dem Decknamen camus ist, verdanken
wir der Gruppe Revolutionärer Aufbau aus der Schweiz. Die zeigte
uns ihr recherchiertes Material und bat um eine Stellungnahme. Die
Gruppe tat dies aus zwei Gründen. Zum einen hatten wir 1994/95
eine Zusammenarbeit mit Manfred Schlickenrieder im Rahmen der bundesweiten
Gefangenensolidaritätsinitiative Libertad!. Zum anderen veröffentlichten
wir Ende 1993 einen umfangreichen Bericht über den VS-Agenten
Klaus Steinmetz. Klaus Steinmetz hatte die staatlichen Antiterroreinheiten
am 27.6.1993 nach Bad Kleinen geführt: Der RAF-Militante Wolfgang
Grams wurde allem Anschein nach auf den Bahnhofsgleisen von Bad
Kleinen hingerichtet, seine Genossin Birgit Hogefeld verhaftet und
später zu lebenslänglich verurteilt. Klaus Steinmetz flog
damals nur auf, weil Wolfgang Grams mit Einsatz der Waffe um seine
Freiheit kämpfte. Bis er zur RAF vorstoßen konnte, hatte
Steinmetz jahrelang autonome und antiimperialistische Gruppen der
radikalen Linken ausgespitzelt. Wir hatten damals als Gruppe Kontakt
zu Klaus Steinmetz. Unsere Recherche und politischen Diskussion
über den Verratsfall von Bad Kleinen veröffentlichten
wir. Die Gruppe, die jetzt auf uns zukam, hatte diese Broschüre
gelesen. Es war für sie ein weiterer Grund auf uns zuzugehen.
Zudem kommt Manfred Schlickenrieder aus Deutschland und hatte auch
hier sein Operationsfeld.

Die von Manfred
Schlickenrieder gegründete gruppe 2 verstand sich
als Archiv- und Dokumentationsstelle. Sie produzierte und vertrieb
Kassetten, Filme, eine texte genannte Dokumentationsreihe
und andere Broschüren. Eine, wie sich herausstellte für
den Zweck und Auftrag geniale Konstruktion. Zum einen verbot sich
von vornherein die Frage nach einer eigenständigen politischen
Praxis und Organisierung. Sie war beantwortet: der Archivar und
Dokumentarist begleitet den Kampfprozess, aber er initiiert und
bestimmt ihn nicht - höchstens die Rezeption. In diesem Fall
bei den Stellen, die ihn beauftragten und seine Einschätzungen
und Bewertungen in Lageberichte oder vielleicht auch operative Pläne
einfließen ließen. Diese Stellung, bewaffnet mit Archivmappe,
Presseauswertung und Kamera, konnte aber auch immer wieder Unbehaglichkeiten,
in manchen Fällen vielleicht sogar Verdächtigungen, ausräumen.
So z.B., als er in der ersten Hälfte der 90er Jahre bei einem
Treffen des kurzzeitigen Zeitungsprojekts Clash der
europäischen Infoladenvernetzung auftauchte und behauptete
den Infoladen München zu vertreten. Darauf angesprochen war
das dann ein Missverständnis und man ließ
die Sache dabei bewenden. Wahrscheinlich handelte es sich nur um
einen Abstecher in aktivistische, autonome Zusammenhänge. Nach
den Unterlagen zu schließen, war die politische Hauptausrichtung
das kommunistische, mehr oder minder maoistische ML-Spektrum in
Westeuropa. Das lag im Einklang mit der bisher erkennbaren politischen
Biografie von Manfred Schlickenrieder, der in den 70er Jahren einem
Flügel der KPD/ML in München angehört haben soll.
Die Organisierung
der Debatte für den Nachrichtendienst
Soweit wir es
aus dem gesichteten Material sagen können, war sein Job nicht
unbedingt, den unmittelbaren polizeilichen Zugriff auf politische
und militante Strukturen der radikalen Linken zu organisieren. Das
etwa unterscheidet ihn von Klaus Steinmetz. Der war eher auf die
action aus und führte so den VS zur RAF. Manfred Schlickenrieder
war da zurückhaltender. Die Aktivität auf der Strasse
und der Stein in Hand war nie seine Sache. Die direkte Nähe
zu solcher Art Aktiven der revolutionären Linken wurde nicht
gesucht; vielmehr wurde sie gemieden und Verbindungen abgebrochen,
sobald sich daraus eine Gefährdung der Position des Agenten
hätte ergeben können. Das bestätigten uns verschiedene
befragte Genoss/innen. Schlickenrieder bevorzugte etwas, was man
die Praxis der ideologischen Debatte nennen könnte,
also der Versuch durch Papiere vermeintliche und tatsächliche
Übereinstimmungen in der Diskussion über Strategie und
Taktik einer radikal linken Politik zu finden. Seine Vorliebe waren
die Worte der militanten Bewegung Italiens und hier besonders der
Versuch der Rekonstruktion einer kommunistischen Strategie, wie
sie besonders Teile der Gefangenen der Roten Brigaden, die Gefangenen
der Kämpfenden Kommunistischen Zellen (CCC) aus Belgien und
andere Militante in Europa versuchten zu entwickeln. Der Schwerpunkt
von Manfred Schlickenrieder war Italien. Er hielt Kontakt zu Angehörigen
von Gefangenen aus der Brigate Rosse, arbeitete mit politischen
Gruppen und Zeitungskollektiven zusammen und veröffentlichte
deren Texte, wie etwa die deutsche Ausgabe des rapporti sociali.
Als gruppe 2 gab Schlickenrieders Laden die Reihe texte
heraus, die von Mitte der 80er Jahre bis etwa 1995 versuchte, durch
verschiedene Veröffentlichungen eine Diskussion innerhalb dieser
Strömung der militanten Linken Europas zu initiieren. Eigene
Debattenbeiträge der gruppe 2 waren dabei eher
spärlich.
Einer der wenigen
ist im Sommer 1994 im Heft Nr. 7 der texte-Reihe zu
finden: Die sozialistische Umwälzung unterscheidet sich
prinzipiell von allen anderen Revolutionen dadurch, dass sie nicht
nur spontan oder reagierend erfolgt, sondern mit Vernunft - also
planvoll - in Angriff genommen und betrieben wird. Das setzt aber
auch die vernünftige - also planvoll auf der Erkenntnis
fußende - Bestimmung des Willens dazu bei ihren Subjekten
voraus.
Sätze, deren Pathos damals schon etwas altbacken war und orthodox
klirrte. Die planvoll auf Erkenntnis fußende Bestimmung
von Manfred Schlickenrieder liest sich dann in der Praxis auch weitaus
profaner, wie der Abschnitt Eigene Operative Planung/Vorschläge
aus einem seiner Berichte im Zeitraum 1995 offenbart:
Grundsätzlich sollten die Beziehungen, Kontakte und die
Zusammenarbeit in die einzelnen Schwerpunktländer unabhängig
voneinander auf- und ausgebaut werden, um nicht auf eine Kontaktschiene
und die Vermittlung über diese angewiesen zu sein. Dies erfordert
also - im Rahmen der gemeinsamen politischen/ideologischen Grundübereinstimmung
- eigenständige Projekte mit den Gruppen/Personen in jedem
Schwerpunktland, also der SCHWEIZ, ITALIEN und (im eingeschränkten
Maß) BELGIEN. Die eigenständigen gemeinsamen Projekte
müssen jeweils so angelegt sein, dass
a) direkte Kontakte in dem jeweils selbst für notwendig gehaltenen
Ausmaß jederzeit möglich sind;
b) die Eigenständigkeit der Arbeit in der BRD gewährleistet
bleibt (keine politische Filiale);
c) die gemeinsamen Projekte/Zusammenarbeit die zunehmende Kenntnis
der organisatorischen/personellen Gesamtstruktur der jeweiligen
Gruppe/Organisation im jeweiligen Land möglich oder sogar erforderlich
macht.
Es folgen Vorschläge für die Zielgruppen-/Personen
im In- und Ausland. Und die Begründung warum das
alles Sinn macht und einen präventiven Zweck für die counterinsurgency
hat: Auch wenn sich daraus nicht zwangsläufig das Entstehen
neuer Strukturen ergibt, lässt sich erkennen, dass - im Gegensatz
zu den desorientierten, breiten Teilen der übrigen radikalen
Linken (in den meisten Ländern Westeuropas) - aus dieser Richtung
deshalb die Gefahr besteht, da die Voraussetzungen weitgehend vorhanden
sind... Diese Gruppen/Organisationen stellen deshalb potentiell
auch für einen Teil der nicht kommunistisch orientierten Befürworter
des Bewaffneten Kampfes einen Anziehungspunkt dar.
Wir empfehlen
dringend die vollständige Veröffentlichung (vielleicht
mit nur ein paar Streichungen von Personennamen) dieses Papiers.
Es zeigt die durchdachte konterrevolutionäre Planung aller
Vorhaben der gruppe 2 und ihrer Auftraggeber. Die anvisierte
Wiederaufnahme des Projekts eines Rote Brigaden-Films begründet
camus damit, dass unmittelbar direkte Kontakte
in nahezu alle Bereiche aufgenommen werden können und
es könnte auch in den Kontakten in die SCHWEIZ eine wichtige
Rolle spielen. Die Übersetzung und der Vertrieb belgischer
Publikationen deshalb, weil die theoretischen und politischen
Texte der Belgier in der SCHWEIZ und in ITALIEN für sehr wichtig
gehalten werden und andererseits die Erkenntnisse über die
Kontakte aus BELGIEN in die BRD darüber gewonnen werden.
Die Herausgabe des rapporti sociali in der deutschen
Ausgabe würde also gleichzeitig auch Optionen auf direkte
Kontakte zu den jeweiligen Herausgebern ... eröffnen. Die Teilnahme
an den internationalen Treffen .. wäre automatisch gesichert.
.. durch die Übernahme der Vertriebes dafür in der BRD
außerdem das Erkennen der diesbezüglichen Kontakte aus
der SCHWEIZ, bzw. ITALIEN. So hat jedes Projekt
seine politische und geheimdienstliche Begründung.
Die von Manfred
Schlickenrieder mit dem Decknamen camus unterschriebenen
Dossiers und Protokolle konzentrieren sich stark auf die politischen
Positionen der bespitzelten Genoss/innen. Es werden Äußerungen
zum bewaffneten Kampf und anderen Fragen zitiert oder darüber
Vermutungen angestellt. Aufgelistet werden alle in Erfahrung gebrachten
Verbindungen und Kontakte in jeweils andere Länder; teilweise
mit recherchierten Adressen und Telefonnummern. Die Berichte datieren
aus den 80er und 90er Jahren, Fortsetzungen sind angekündigt
oder Berichte erwähnt, die bei den beim Aufbau befindlichen
Unterlagen aber fehlen. Es handelt sich dabei ganz offensichtlich
nur um einen Bruchteil der tatsächlich angelegten Dossiers.
Ein Jahresoperativplan ist für 1995 vorhanden, für die
anderen Jahre nicht. Wir kommen deshalb zu dem Schluss, dass es
sich bei dem Aufbau-Material, so eindeutig und spektakulär
es auch ist, nur um den kleinsten Teil des camus-Archivs
handelt. Aber schon jetzt ist es der bestdokumentierte länderübergreifende
Spitzelfall in der linksradikalen Bewegung in Westeuropa.
Gerade im Hinblick auf die Rote Brigaden wurde und wird häufig
geheimdienstlicher Einfluss behauptet. Und die hier charakterisierte
geheimdienstlich mitorganisierte Debatte scheint es
mal wieder zu belegen. Aber das erfasst nicht die Widersprüchlichkeit
solcher Prozesse: der Geheimdienst kann die Notwendigkeit z.B. der
Aufarbeitung der Geschichte der bewaffneten Linken und die Diskussion
um eine Neuorientierung nicht erfinden oder verhindern. Er kann
sie nur benutzen. 1920 fand Victor Serge beim Durchsuchen des Orchanra-Geheimdienstarchivs
heraus, dass mindestens drei zaristische Agenten im ZK der Bolschewiki
saßen. Die aber - also der Geheimdienst des Zaren selbst -
hatten den Oktoberaufstand und den Sturz des Zaren auch nicht gemacht.
Obwohl sie ganz oben dabei waren.
Es ist auch Unsinn, wohlmöglich jetzt in Schlickenrieder den
Wahrheitsbeweis für bekannte Verschwörungsszenarien einer
von dunklen Geheimdienstmächten gesteuerten militanten Linken
sehen. Das wurde schon früher immer mal wieder vergeblich gegen
die RAF lanciert. Auch die KPI behauptete in den 70er Jahren die
geheimdienstliche Steuerung der Stadtguerillagruppen. All diese
Kampagnen waren rein politisch motiviert: Die soziale Revolte und
ihr bewaffneter Widerspruch gegen die kapitalistischen Verhältnisse
sollte damit als künstliches Produkt der Reaktion denunziert
und ihrer emanzipatorischen Wurzel beraubt werden. Einen substanziellen
Wahrheitsgehalt hatte die Denunziation nie. In Italien begründete
das eigene Projekt des Historischen Kompromiss den Kampf
der KPI gegen die revolutionäre Linke: Die militante Revolte
gefährdete ihre geplante Teilhabe an der Macht und die dafür
notwendige ideologische Konstruktion des Klassenkompromiss.
Mit ihren Publikationen in Deutschland förderte die gruppe
2 objektiv den Zugriff auf Texte eines bestimmten Strangs
innerhalb der militanten Linken Westeuropas. Diskussionsbeiträge
zu Fragen wie Krise, Guerilla und revolutionärer Prozess
(texte-Titel) wurden veröffentlicht. Sie förderte
und favorisierte ebenso objektiv diese Sorte ML-Polititik auch für
Deutschland, auch wenn sie hier keine Relevanz bekam. Trotzdem ist
die Autonomie, Integrität und Sicherheit dieser Debatte berührt,
weil der Geheimdienst dabei war. Ein Projekt der counterinsurgency
ist dieser Prozess damit nicht. Er bezieht seine Authenzität
aus den Kämpfen, in denen er eine Rolle spielte und aus ihrer
Reflektion , und dem Versuch in Analyse der kapitalistischen Modernisierung
neue Ansatzpunkte für zukünftige Revolten zu finden.
Filmen für
die staatliche Lichtbildkartei
Die
Etablierung eines Geheimdienststützpunktes in
Form einer Dokumentationsstelle liegt vor dem Hintergrund
des aus den Unterlagen offensichtlichen Auftrags nahe:
Es öffnet Türen. Denn natürlich braucht
der Befreiungskampf auch Dokumentaristen, Leute, die
sich das zur Aufgabe machen. Das Bedürfnis nach
Archivierung und daraus folgender Bereitstellung führte
z.B. in dem mehr bewegungsorientierten Teil der Linken
in den 80er Jahren zur Gründung unzähliger
Infoläden. Aber auch andere Spektren sahen die
Notwendigkeit und hatten Probleme damit, es immer
aus eigener Kraft zu schaffen. Zum Beispiel ehemalige
Gefangene aus der RAF, mit denen die gruppe
2 Anfang der 90er Jahre den Film Was aber
wären wir für Menschen... produzierte.
In dem Rahmen nahm Manfred Schlickenrieder unzählige
Veranstaltungen in verschiedenen Städten und
Aktivitäten von Solidaritätsgruppen und
der Angehörigen auf. Auch wenn diese Kartei noch
nicht gefunden wurde, lässt sich aus der gefundenen
elektronischen Fotokartei über Mitglieder des
schweizer Aufbaus, wofür er dort gemachte Filmaufnahmen
auswertete, der Schluss ziehen, dass die Filme nach
dem gleichen Muster ausgeschlachtet wurden. Das betrifft
einige hundert Leute, die - im Vertrauen auf die Integrität
der Veranstalter - diese Mitschnitte tolerierten.
Über die Schiene beabsichtigter Filme eröffneten
sich zahlreiche Kontakte. Noch in jüngster Zeit
gab es Gespräche über einen zweiten Teil
der Dokumentation Was aber wären wir für
Menschen...? oder mit der Roten Hilfe über
einen gemeinsam zu produzierenden Film. Sehr aktuell
war die beabsichtigte Übergabe des Archivs von
Vreni Lauterbach, einer langjährigen Aktivistin
der Gruppe der Angehörigen der politischen
Gefangenen in der BRD, die vor anderthalb Jahren
starb. Durch die jetzt erfolgte Enttarnung von Manfred
Schlickenrieder konnte die Übergabe im letzten
Moment verhindert werden.
Aber die Hauptausrichtung
der Spitzeltätigkeit war die europäische Zusammenarbeit
und die Verbindungen zwischen italienischen, französischen,
spanischen, deutschen und schweizer Genoss/innen der politischen
Zusammenhänge und Organismen der bewaffneten Linken. Nicht
die Guerillagruppen selbst, sondern das von den Behörden als
terroristisches Umfeld titulierte Spektrum. Die bewaffnete
Linke in Westeuropa war zu keinem Zeitpunkt homogen. Es gab den
letztlich sehr unideologischen aktivistischen Teil, der eher einem
undogmatischen Marxismus nahe war, wofür die RAF steht, und
es gab die bewaffnete Variante des Neo-Marxismus-Leninismus unterschiedlicher
maoistischer Prägung, für den Teile der italienischen
Brigate Rosse, die spanische GRAPO oder einzelne Genoss/innen aus
dem politischen Spektrum der französischen Action Directe stehen.
Die Mehrzahl der Dokumente, in die uns Einsicht gegeben wurde, befassen
sich damit. Da finden sich die Wiedergabe von Diskussionsfragmenten,
offensichtlichen in persönlichen Gesprächen aufgeschnappten
Äußerungen und ellenlange Namenslisten von vermeintlichen
Mitgliedern eines terroristischen internationalen Netzwerkes
sowie Anmerkungen zu deren Stellung bzw. politischen Positionen.
Geografisch gibt es da eine Konzentration auf Italien, Frankreich
und die Schweiz, aber auch Leute auch Deutschland tauchen in diesen
Listen auf.
Ein Großteil
der Dokumente konzentriert sich auf die Aktivitäten und Verbindungen
des schweizerischen Revolutionären Aufbau. Manfred Schlickenrieder
hatte Kontakt zu verschiedenen Aktivist/innen dieser Organisation,
er gab in Zusammenarbeit die deutsche Fassung des rapporti
sociali heraus, drehte einen Film über die Dockerstreiks
in Großbritannien, und besuchte mehrfach die Schweiz. In den
vergangenen zwei Jahren wurden die Kontakte so eng, dass die gruppe
2 quasi Teil der Aufbau-Struktur wurde. In der letzten Ausgabe
der Aufbau-Zeitung wurde ein Interview mit ihm wiedergegeben, in
dem er sich dazu äußerte. Die Tatsache der Konzentration
auf den Aufbau in diesen Dokumenten darf allerdings nicht zu dem
Schluss führen, dass es auch einen Großteil der tatsächlich
von ihm angefertigten Berichte und Karteien ausmacht. Wahrscheinlich
wurde dem Aufbau insbesondere Dokumente zugespielt, die sie auch
betreffen. Die Dokumente selber geben unzählige Hinweise auf
weitere Berichte und Notizen, die bisher nicht zugänglich sind.
Einige Schlüsse können gezogen werden: Es ist ganz sicher
keine Spekulation anzunehmen, dass es neben der Fotokartei über
die Mitglieder des Aufbau auch entsprechende Fotokarteien z.B. über
Angehörige der ehemaligen Solidaritätsgruppen mit den
Gefangenen aus der RAF geben muss. Einmal, weil er bei verschiedenen
Gelegenheiten filmte und ehemalige Gefangene bei Veranstaltungsrundreisen
begleitete. Aber auch die gefundene Fotokartei selbst gibt durch
Nummerierung und Archivierungskennzeichen Hinweise auf einen viel
umfangreicheren Bestand.
Schlickenrieder
bei Libertad!
Unsere Begegnungen
mit dem Typen fanden im Rahmen der Gründungsphase von Libertad!
1994/95 statt. Auf Vorschlag einer ehemaligen Gefangenen aus der
RAF trat Manfred Schlickenrieder der Solidaritätskampagne Libertad!
bei und nahm an Treffen des damaligen Initiativkreises und der Arbeitsgruppe
Internationale Kontakte teil. Wie wir jetzt den Dokumenten
entnehmen konnten, war das auch der Grund seines Interesses. In
dem schon zitierten Operativplan von 1995, in dem er die Schwerpunkte
seiner Arbeit formulierte, nennt er das als Beweggrund weiterer
Mitgliedschaft in Libertad!, obwohl die Personen und Gruppen, auf
die er sein Hauptaugenmerk richtete, Libertad! wegen der Menschenrechtsausrichtung
kritisierten. Informiert wurden seine Auftraggeber nach den vorhandenen
Unterlagen z.B. über die Überlegungen, sich an den Aktivitäten
gegen den Weltwirtschaftsgipfel 1994 in Neapel zu beteiligen, welche
Personen das vorhaben und welchen Kontakt es in Neapel gibt.
Seinen, ein halbes Jahr später erfolgten, Ausstieg begründete
er damit, dass ihm Libertad! nicht kommunistisch genug
sei. Libertad! konnte mit diesem Vorwurf leben und die damals in
der Initiative Aktiven tat sein Abschied nicht besonders weh. Das
mag angesichts der jetzt zu Tage tretender Agententätigkeit
selbstgefällig klingen, ist es aber nicht. Manfred Schlickenrieder
hatte zur Konstituierung von Libertad! nichts Wirkliches beigetragen.
Die Erfahrung mit ihm war geprägt davon, dass er wenig initiativ
war und dass seine angeblich exzellenten Beziehungen zu Solidaritätsgruppen
in Italien für die Arbeit von Libertad! nichts brachten. Den
damaligen Wunsch, einen Kontakt zu italienischen Gefangenen herzustellen,
um auch mit ihnen über eine europaweite Vernetzung der Solidarität
mit politischen Gefangenen zu diskutieren, verschleppte er systematisch.
Wir hatten den Eindruck, dass er seine Kontakte lieber gezielt privatisierte,
als sie in den Dienst einer politischen Initiative zu stellen. Denn
letzteres hätte zumindest eine partielle Kollektivierung seiner
connection verlangt. Andere hätten Einblick bekommen. Das wollte
er nicht und so fand es nicht statt. Natürlich erklärt
sich das heute in einem anderen Licht. Allerdings ist es auch nichts
besonderes im Rahmen der radikalen Linken. Nicht jeder privatisierte
Kontakt nährt den Agentenverdacht. Richtig ist aber auch, dass
die privatisierte Verbindung das Operationsfeld von Spitzeln einfacher
macht. Umgekehrt fiel er unangenehm auf, als er vermutete, wir hätten
als Gruppe Kein Friede eigene Kontakte nach Italien. Da bemühte
er sich sehr: Das können wir doch gemeinsam machen,
was wir damals so interpretierten, dass da jemand sein Monopol in
Gefahr sieht. Wir lehnten ab und befragten Münchener Genoss/innen
nach ihrer Einschätzung der Person. Aber das brachte auch nichts
anderes zum Vorschein als die Charakterisierung als Eigenbrötler,
mit dem man nicht zusammenarbeiten könne. 1995 verließ
Manfred Schlickenrieder Libertad! mit der schon genannten Begründung.
Er schloss sich damit anderen Kritiker/innen an, die damals ebenfalls
aus Libertad! austraten. Wie wir jetzt den Dokumenten des Aufbaus
entnehmen konnten, sah er bei denen vielversprechendere Anknüpfungspunkte
für die Informationsgewinnung.
Transnationales
Geheimdienstnetzwerk
Der Agent Schlickenrieder
hatte offensichtlich Zugang zu geheimen Auswertungen und anderen
Dokumenten verschiedener europäischer Geheimdienste. Aufschlussreich
ist z.B. das Dokument über die Telefon- und Kontaktobservation
vermeintlicher Mitglieder der französischen Guerillagruppe
Action Directe. Sie wurde, wie sich aus dem Text ergibt, von einem
Verfassungsschutzmitarbeiter erstellt und umfasst einen Zeitraum
von Mitte der 80er bis Anfang der 90er Jahre. Obwohl einige Angaben
unkenntlich gemacht wurden, ist erkennbar, dass der Dienst in Frankreich
operierte und über verschiedene Quellen (Informanten, technische
Informationsgewinnung etc.) verfügte. Ein Dokument mit dem
Titel Namensverzeichnis über Personen mit Präzedenzfällen
umstürzlerischer Art, das Dutzende Personen auflistet,
die dem terroristischen Umfeld in Italien zugerechnet
werden, ist ebenso eindeutig ein Geheimdienstdossier. Ein weiteres
Personendossier, was ebenfalls die italienische Szene im Blick hat,
stammt offensichtlich von einem anderen, deutschen, Dienst. Da finden
sich Anmerkungen in dieser Art: Was ihrem Wunsch betrifft,
über weitere Extremisten mit Auslandskontakten informiert zu
werden, nennen wir Ihnen folgende Personen:.... Das liest
sich, als wenn camus über die Personen italienischer
oder deutscher Nationalität informiert wird, die über
Kontakte nach Deutschland verfügen, damit er über sie
Bescheid weiß und nicht in verfängliche Situationen gerät,
wenn er ihnen begegnet. Zu einer bestimmten Wohnung in Rom wird
vermerkt, es liegen uns leider noch keine Informationen vor.
Wir haben die Anfrage an SISDE - (italienischer Geheimdienst)
- weitergeleitet, aber bis jetzt noch keine Antwort erhalten.
Ein anderes Dokument listet die Post- und Besuchskontakte bei den
RAF-Gefangenen Birgit Hogefeld und Eva Haule bis Mitte der 90er
Jahre auf. Höchstwahrscheinlich wurde dieses Dokument von der
mit der Besuchsüberwachung beauftragten Abteilung beim BKA
oder LKA erstellt. Außerdem existieren mehrere Dokumente aus
italienischen Quellen, u.a. dem Geheimdienst SISDE. Daneben fanden
sich Fernschreibermeldungen aus Rom oder vom ESA CONVERSATIONAL
MONITOR SYSTEM, wohinter sich die Europäische Weltraumbehörde
verbirgt, deren Übersetzungsdienst geheimdienstlich genutzt
wird (die Überwachung satellitengestützter Telefone ohnehin).
Diese und andere Unterlagen fanden sich im Besitz der gruppe
2. Da in den camus-Berichten sowohl eigene wie
fremde Erkenntnisse einflossen, ist davon auszugehen, dass ihm die
originären Geheimdienstunterlagen von seinem Auftraggeber als
Hintergrundmaterial zur Verfügung gestellt wurden. Das gleichzeitige
Antreffen von anderen Berichten aus in Italien angesiedelten Quellen,
spricht dafür, dass zumindest dort eine Filiale bestand oder
besteht, die direkt der gruppe 2 zuarbeitete.
Manfred Schlickenrieder bezeichnete die gruppe 2 selbst,
wie wir jetzt erfuhren, mehrfach als Teil einer Struktur, zu der
außer dem Archiv, der Video- und Filmproduktion und dem Literaturvertrieb,
was Job der gruppe 2 war, noch andere Gruppen mit anderen
Aufgaben gehören würden. Das wurde zwar im Zusammenhang
mit der Erläuterung des eigenen Gruppennamens gesagt, auszuschließen
ist nach den Funden allerdings nicht, das es der Wahrheit entsprach.
Erwähnt wurde von dem Agenten auch eine in Deckung bleibende
geheime Struktur seines Ladens. Im Jargon der Geheimdienste könnte
man Manfred Schlickenrieder als Schnittstellenperson, als operatives
Scharnier zwischen verschiedenen Gruppen der militant-kommunistischen
Linken Europas bezeichnen. Besonders pikant wird diese Tätigkeit,
wie gefundene Rohübersetzungen staatlicher Herkunft
belegen, wenn nicht wenige der Beiträge der texte-Reihe,
die zum Großteil aus dem Italienischen stammten, durch den
Übersetzungsdienst seiner Auftragsbehörde ausgeführt
wurden - sozusagen der deutsche rapporti sociali auf
Kosten des BND.
Was für
den Staat gut ist, muss der Industrie nicht teuer sein
Immer wieder
fragten sich Leute, woher die gruppe 2 eigentlich die
Kohle für ihre Film- und Übersetzungsarbeit nahm. Zudem
hatte Schlickenrieder auch mal einen roten Alfa. Die aufgefundenen
Spesenabrechnungen lüften jetzt das Geheimnis seiner Liquidität:
Er rechnete konsequent beim Amt ab. Reisen, Autopannen, Telefonkosten
und Hilfsjobs im Büro wurden ihm zu 75 Prozent rückerstattet.
Als Zuverdienst operierte die gruppe 2 in der Grauzone
privatwirtschaftlicher Geheimdienste. Moralische Skrupel kannte
sie dabei nicht und wirklich kein Job war dabei zu dreckig. 1997
kassierte Schlickenrieder 20.000 DM bei der Firma Hakluyt
in London für die Bespitzelung deutscher Anti-Shell-, Greenpeace-
und Menschenrechtsgruppen. Zur Erinnerung: Die nigerianischen Militärs
hatten 1995 Ken Saro Wiwa und acht andere Aktivisten der Ogonibewegung
aufgrund ihres Widerstandes gegen die Ausplünderung und Verseuchung
ihres Landes durch die multinationale Petroindustrie gehenkt. Shell
fördert das Öl in Nigeria. 1997 war auch das Jahr der
weltweiten Proteste gegen die Versenkung der Ölplattform Brent
Spar. Auch die gehörte Shell. Der Firmenspruch von Hayklut
lautet: The idea was to do for the industry what we had done
for the goverment. Eigentümer dieser kommerziellen Agentenklitsche
sind Mike Reynolds und Christopher James. Beide arbeiteten vorher
als special agents für den britischen Geheimdienst MI 6. Die
britische Antiterroreinheit SAS ist u.a. auch die Putzgruppe
des MI 6. Auf ihr Konto gehen die Todesschwadrone gegen die republikanische
Bewegung in Nordirland, die Verwissenschaftlichung der Folter in
den Polizeistuben der nordirischen RUC und die killings von IRA-Militanten
auf offener Strasse in Gibraltar. Soviel nur zur Dienstleistung
ihres Ladens.
Die Genoss/innen
vom schweizer Aufbau checkten Manfred Schlickenrieder mehrmals.
Dabei stießen sie auf Karsten Banse, laut Schlickenrieder
ein verdecktes Mitglied der gruppe 2. Kein schlechter
Scherz. Karsten Banse ist MAD-Offizier und wurde wegen seine Rolle
in der sogenannten Affäre Mauss wegen Korruption
verurteilt. Werner Mauss war in den 70er und 80er Jahren Chef einer
extralegalen Anti-TE-Firma, die ihre Kohle von der Industrie
bekam, aber im Auftrag von BKA, MAD und BND arbeitete. All das,
was der legale Rahmen trotz Sondergesetze und Antiterrorfahndung
einfach nicht hergab, ermittelte Mauss auf Kosten der Bullen. Dafür
wurden seine Pässe in der Bundesdruckerei ausgestellt und ihm
ein Privatflughafen gebaut. 1975 entführte ein Kommando der
Bewegung 2. Juni den CDU-Politiker Lorenz in Berlin. Neben anderen
Militanten kam auch der Gefangene Rolf Pohle dadurch raus. 1976
wurde er in Athen verhaftet. Mauss erklärte später, dass
sei nur ihm und seiner Recherche zu verdanken gewesen. Mitte der
Achtziger, als die RAF gemeinsam mit militanten Gruppen führende
Vertreter und Einrichtungen des Militärisch-Industriellen-Komplexes
in der BRD attackierte, landeten bei verschiedenen legalen Aktivist/innen
der antiimperialistischen Linken sogenannte Millionenbriefe
im Briefkasten. Ein anonymer Absender, der sich selbst guter Beziehungen
zur Industrie brüstete, bot den Empfängern Millionenbeträge
für den Verrat an. Aber niemand ging darauf ein. Die Folge:
an mehreren Autos von Genoss/innen, die einen Millionenbrief
erhalten hatten, wurde lebensgefährlich herummanipuliert -
verdeckte Mordversuche. Mauss machte später auch Politik. Oder
er wollte es. Mit direkter Deckung durch Schmidtbauer, den Geheimdienstkoordinator
der Kohl-Regierung, organisierte er Geheimgespräche zwischen
der ELN-Guerilla und der kolumbianischen Regierung. Auch hier ging
es um das Geschäft. Sollten doch ausländische Sicherheitsberater
ausgestochen und deutschen Firmen dadurch ein Standortvorteil verschafft
werden. Mauss wurde mehrfach der Bestechung beschuldigt. Einmal
erwischte es auch Karsten Banse. Beeindruckt hat ihn das nicht.
Warum auch? War er doch der beste Freund, wie Schlickenrieder
ihn mal bezeichnete, und blieb mit der gruppe 2 weiter
im Geschäft.
Waffenköder
und anderes
Auch wenn sich
camus auf die Auswertung ideologischer Positionen und
die Abschöpfung von Gesprächen konzentrierte, so hatte
er trotzdem zuweilen andere, klassische Methoden im geheimdienstlichen
Repertoire. So filzte er laut einem Zusammenfassenden Reisebericht,
Teil 3 aus dem Frühjahr 1994 einem Mitglied des Aufbau
in Rom die Aktentasche. Dort will er vor Erscheinen
eines Textes der italienischen CC/PCC bereits entsprechende übernommene
Passagen gefunden haben - dabei ging es um einem Artikel von Lenin
zur Frage des bewaffneten Kampfes.
In einem anderen Fall arbeitete Manfred Schlickenrieder als agent
provocateur und Lockspitzel. In einem Kontaktbericht zum Treffen
mit .. vom 30.4.1994 bietet er diesem fünf bis sieben
Faustfeuerwaffen gegen Geld an. Dazu diese Notiz: Im übrigen
wurde dieser Waffenköder von mir so ausgelegt,
dass ein Rückzug jederzeit auch ohne Gesichtsverlust
und Verdachterweckung möglich ist. Die Waffen sollten
an einen Flügel der Organisation Devrimci Sol (Revolutionäre
Linke) aus der Türkei gehen, die sich zu dem Zeitpunkt in einem
extrem gewaltsam ausgetragenen Fraktionskampf befand, bei dem es
eine Reihe von Toten gab. In der in diesem Zeitraum erscheinenden
Ausgabe der texte wird erstmalig ein Text von Devrimci
Sol abgedruckt. So geht dann seine Politik mit dem Dienstgeschäft
Hand in Hand.
Geschickt und geheimdienstlich wertvoll auch das Angebot an lokale
Münchener Gruppen, bei der gruppe 2 Postadressen
einrichten zu können. Das sparte Mühe, camus
bekam so z.B. die Post einer Antifagruppe immer direkt auf den Tisch.
Das brachte zwar auch mal den polizeilichen Staatsschutz ins Haus,
nachdem besagte Antifa Fahndungsplakaten nachempfundene Steckbriefe
von Zivilbullen veröffentlichte, diente aber gleichzeitig als
Beweis für die Bedrohung durch polizeiliche Repression.
Näheres
auf Wunsch
Psychogramme
von Agenten sind eine problematische Sache. Denn die Schizophrenie
ist Berufung und Job. Weil es geht, einer Genossin vom Aufbau nach
einer Verhaftung ein Solidaritätsfax zu schicken und sie parallel
in einem Bericht zu denunzieren. Anekdotisch ist dann ein von Schlickenrieders
Laden 1990 herausgegebenes Flugblatt, mit dem die Aufdeckung eines
Polizeispitzels bekannt gemacht wird, der 12 Jahre lang die holländische
Linke bespitzelte.
Im Sisyphus von Albert Camus heißt es: Die
Gefahr liegt in dem kaum messbaren Augenblick vor dem Sprung.
Seine Notizen und Karteikästen entlarven Manfred Schlickenrieder
als Blockwart, der die kommunistische Debatte nur als
Schwert und Schild für die operative Freiheit seiner Agentenbürokratie
nutzte. Wenn andere was machen wollten, wollte er reden - die
Debatte vertiefen, wie er es nannte. Der Spitzel maß
die Gefahr genau: Gesprungen ist er nie. Trotzdem ist er nun gefallen.
Für Albert Camus dagegen ist der Begriff der Freiheit das Absurde
schlechthin. Die Freiheit zu sein existiert für ihn nicht.
Der Tod ist da, um alles zu beenden, nach ihm existiert nichts.
Es gibt kein Morgen; alle bürgerlichen Zielsetzungen sind Illusion
und Vorurteil. Absurd zu leben bedeutet nach Camus: Gleichgültigkeit
der Zukunft gegenüber, aber auch eine Leidenschaft alles Existierende
auszuleben. Es gibt keinen Sinn des Lebens, keine Werteskala. Jean
Paul Sartre warf Albert Camus vor, damit nur saubere Hände
behalten zu wollen, weil er nicht Partei ergriff und sein Standpunkt
des absurden Menschen in der absurden Welt eine Nullpunktexistenz
sei, in dem der denkende Mensch nicht verbleiben könne, weil
er sich entscheiden, handeln und eingreifen müsse in die gesellschaftlichen
und sozialen Verhältnisse.
Manfred Schlickenrieder war Operateur der Unterdrückung. Hier
war kein Mensch in der Revolte. Sein gewählter Deckname camus
ist daher auch eher eine Frage der Selbststilisierung und ein Fall
für die Couch. Er operierte immer aus der Deckung der sicheren
Seite. Seine Bürokratie beweist sich in prozentual aufgeschlüsselten
Tankquittungen und Bürorechnungen, sein serviles Wesen entlarvt
sich am Ende von Lageberichten über Treffen mit Genoss/innen
durch Nachsätze wie: Näheres auf Wunsch.
Die Spitzeltätigkeit
von Klaus Steinmetz war verheerend für die RAF und die damalige
Diskussion der mit dem bewaffneten Kampf politisch verbundenen radikalen
Linken. Die Auswertung der Tätigkeit von Manfred Schlickenrieder
steht noch am Anfang. Seine jetzt nachgewiesene jahrzehntelange
Agententätigkeit beweist nun die Existenz eines Bürokraten,
der fotografierte, notierte, abheftete und bewertete, was andere
versuchten schöpferisch aus dem Elend dieser Verhältnisse
zu gestalten. Davon nährte er sich und darin operierte er mit
seinen technischen Möglichkeiten der Reproduktion. Die letzte
Aktion von Klaus Steinmetz endete blutig. Das machte sein Handeln
so verbrecherisch. Manfred Schlickenrieder dagegen ist der Buchhalter
der Lüge: beflissen, penibel, berechnend und ausdauernd über
Jahre. Es ist diese Bürokratie des niederen Verrats, die ihn
so verabscheuungswürdig macht und einen an Antworten denken
lässt, die wir nicht geben können.
3.12.2000