Junge
Welt 24.03.2001 / Interview
Rückschlag
für Spionage gegen Linke?
jW sprach mit Res Steinbacher von der Schweizer Organisation »Revolutionärer
Aufbau«
F: Der »Revolutionäre
Aufbau« hat im letzten Herbst die »gruppe 2« und
deren Chef Manfred Schlickenrieder als Geheimdienstprojekt enttarnt.
Wie sind Sie ihm auf die Spur gekommen?
Im letzten Sommer
wurden uns umfangreiche Dokumente mit eindeutig geheimdienstlichem
Charakter zugespielt. Es handelte sich um Berichte über Personen,
Sitzungen, Einschätzungen von Organisationen in ganz Europa.
Um aufkommende Zweifel an seiner Integrität zu zerstreuen,
übergab uns Schlickenrieder, der damals von unserem Materialbesitz
noch nichts wußte, von ihm angefertigte Dossiers und einzelne,
unverfängliche Berichte. Seine Mühe, das Material zu entschärfen,
war allerdings vergeblich. Der Vergleich mit den Originalen bestätigte,
daß Manfred Schlickenrieder unter dem Agentennamen Camus seit
über 20 Jahren minutiös über jedes Treffen, jede
Sitzung und jedes Telefonat zu Händen seiner Dienststelle Berichte
verfaßte. Nach intensiven Recherchearbeiten enttarnten wir
Schlickenrieder Anfang Dezember.
F: Konnte mittlerweile
zweifelsfrei nachgewiesen werden, für welche Dienste Schlickenrieder
gearbeitet hat?
Schlickenrieder
war nach unseren Recherchen anfangs für das bayrische Landesamt
für Verfassungsschutz tätig. Da dieser Dienst ausschließlich
auf nationaler Ebene tätig ist, arbeitete er in der Folge auch
für den Bundesnachrichtendienst. Damit kann auch die Frage
beantwortet werden, warum Schlickenrieder in den von uns sichergestellten
Abrechnungen gegenüber seinem Dienst nur 75 Prozent seiner
Spesen verrechnet. Aufgeschlüsselt wurde die Bezahlung seine
Schnüffeltätigkeit von den beiden Diensten offensichtlich
im Verhältnis ein Viertel Verfassungsschutz, drei Viertel BND.
Letzte Zweifel über Schlickenrieders Agententätigkeit
haben die Geheimdienste selber ausgeräumt. Wöchentlich
informieren die Chefs des Bundesamtes für Verfassungsschutz,
MAD und BND in der sogenannten Dienstagsrunde Bundeskanzler Schröder
über wichtige Vorkommnisse. In der Sitzung vom 6. Februar kam
auch die Affäre Schlickenrieder zur Sprache. Am darauffolgenden
Tag diskutierte im deutschen Bundestag der Parlamentarische Ausschuß
zur Kontrolle der Geheimdienste die für die Gegenseite höchst
unerfreuliche Enthüllung.
F: Welche offiziellen
Reaktionen von deutschen oder Schweizer Behörden gab es, nachdem
Sie die Enttarnung Schlickenrieders veröffentlicht haben?
Naturgemäß
sind die Geheimdienste nicht sehr gesprächig. Der BND lehnt
bis heute jede Stellungnahme ab. Auch die Schweizerische Bundesanwaltschaft
will sich zum Fall nicht äußern. Ein durch die Bundespolizei
geführtes Abklärungsverfahren wegen verbotener nachrichtendienstlicher
Tätigkeit ist offensichtlich im Sand verlaufen. Nach dem riesigen
Medienwirbel um den Prozeß gegen einen israelischen Mossad-Agenten
ziehen es die hiesigen Behörden vor, die Sache unter den Tisch
fallen zu lassen.
F: Sie machen
in linken Kreisen Veranstaltungen über die Enttarnung. Welche
Konsequenzen hat Ihrer Meinung nach dieser Fall für die Linke?
Das Spektrum
von Schlickenrieders Agententätigkeit reicht von K-Gruppen
in den 70er Jahren über die Gruppen und Organisationen der
Revolutionären Linken bis hin zur Anti- Shell-Bewegung und
zu Greenpeace. Seine Enttarnung und die Offenlegung seiner Arbeitsweise
zeigt aber auch, daß selbst der mächtigste Apparat angreifbar
ist.
Interview: Peter
Nowak
* Weitere Information:
www.aufbau.org