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Wer
sind die Auftraggeber, wer ist der Dienstherr des Münchners
Manfred Schlickenrieder, der seit rund 20 Jahren unter dem
Decknamen »Camus« linke Organisationen in Westeuropa ausspionierte?
Darüber
können erst Vermutungen angestellt werden. Sichergestellte
Dokumente belegen auch für Fachleute die geheimdienstliche
Zielsetzung und Einbindung. Noch aber sind nicht alle sichergestellten
Unterlagen ausgewertet. Einige Kürzel und Kennzeichnungen
können erst jetzt fachkritisch untersucht werden. Soviel ist
sicher, Manfred Schlickenrieder hatte Zugang zu geheimen Unterlagen
deutscher und italienischer Dienste, und alle von ihm mit
seinem richtigen wie mit dem Decknamen »Camus« unterschriebenen
Berichte sind in deutscher Sprache abgefaßt. Was auf einen
deutschen Auftraggeber schließen läßt.
Gefunden
wurde ein Dienstausweis des bayrischen Landesamtes für Denkmalschutz
aus dem Jahre 1976, der Dr. Manfred Schlickenrieder als Landeskonservator
ausweist. In Pullach bei München ist der Auslandsnachrichtendienst
BND angesiedelt - und es ist geheimdiensttypisch, zur Tarnung
bei anderen staatlichen Behörden unterzuschlüpfen und Filialen
einzurichten. Es ist bemerkenswert, daß Manfred Schlickenrieder
selbst nie erwähnte, wenn er auf seine Biografie angesprochen
wurde, jemals für den Denkmalschutz gearbeitet zu haben.
Münchner
Linke fragten sich über die Jahre immer wieder, wovon die
»Gruppe 2« die Filme und Übersetzungen, aber auch den Lebensunterhalt
finanziert. Zumal der Chef teure Autos fuhr, Sportwagen vom
Typ Alfa Romeo oder BMW mußten es schon sein. Der Verkauf
eigener Broschüren oder der Verleih von Filmgerätschaften
konnte nicht soviel einbringen. Auch hier gaben die Unterlagen
Antwort. Es fanden sich Abrechnungen aus verschiedenen Jahren,
so vom Dezember 1998, die die Fremdfinanzierung belegen. Alle
Reisen, selbst Autoreparaturen oder Reifenwechsel, die Telefon-
und Mobilfunkkosten, auch die Einstellung einer Bürohilfskraft
wurden zu 75 Prozent anteilig abgerechnet. Die Geldgeber allerdings
sind auf Schlickenrieders Abrechnungen nicht vermerkt.
Mit einer
Ausnahme. 20 000 Mark wurden der in London ansässigen Firma
»Hakluyt« für Ermittlungen in Rechnung gestellt. Diese Firma
wird von den ehemaligen Agenten des britischen Geheimdienstes
MI6 Mike Reynolds und Christopher James betrieben. Ihr Firmenmotto:
»The idea was to do for industry what we had done for the
goverment«. Bezahlt wurde die Summe 1997 an Schlickenrieder
für Ausforschungen von Anti-Shell-, Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen
in Deutschland; und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem weltweit
gegen Shell-Aktivitäten in Nigeria (Hinrichtung von Ken Saro
Wiwa) und die beabsichtigte Versenkung der Ölplattform Brentspar
protestiert wurde. Auch Greenpeace, »Die Grünen« und die alternative
Kosmetikfirma »The Body Shop« bespitzelte Schlickenrieder.
Der Auftraggeber dieser »Studie« liegt auf der Hand.
Überhaupt
gibt es starke Hinweise, daß die Überschneidungen zwischen
staatlicher Auftragsarbeit und »privater« Ermittlung symptomatisch
sind. Wie Gegenobservationen des »Aufbau« ergaben, ist ein
»verdecktes Mitglied der Gruppe 2« und »bester Freund« von
Manfred Schlickenrieder der MAD-Offizier Karsten Banse. Dieser
wurde wegen Verwicklungen in der »Mauss-Affäre« verurteilt.
Zur Erinnerung: Werner Mauss leitete in den 70er und 80er
Jahren eine von Industriellen finanzierte, aber im Auftrag
des BKA, des MAD und des BND betriebene extralegale »Anti-Terrorismus«-Abteilung.
Die Behörden vergaben die Aufträge, sicherten seine zur Festung
ausgebaute Villa mit eigener Start- und Landebahn, während
Mauss die Arbeiten erledigte, bei denen sich die Beamten nicht
die Finger schmutzig machen wollten. Die Festnahme des durch
die Lorenz-Entführung befreiten Rolf Pohle 1976 in Athen rechnete
Mauss zu seinen Erfolgen, auch die Geheimgespräche zwischen
der kolumbianischen Guerilla ELN und dem deutschen Geheimdienstkoordinator
Schmidtbauer zu Zeiten der Kohl-Regierung. 1986/1987 versuchte
eine anonyme Gruppe, Mitglieder der »Antiimperialistischen
Front« mit Millionenbeträgen zum Verrat zu verleiten. Weil
mit Geld nicht alles zu kaufen ist, die Aktivisten schwiegen,
wurde mit Sabotageakten an Fahrzeugen der Betroffenen der
Druck erhöht. Auch diese Anschläge, die nur als Mordversuche
interpretiert werden konnten, wurden der »Mauss-Abteilung«
zugeschrieben. Weil es bei allem immer um sehr viel Geld ging,
kam es in den verschiedenen mit Mauss kooperierenden Behörden
naturgemäß zu Korruption. In einigen nicht mehr zu vertuschenden
Fälle wurde Anklage erhoben. So auch gegen Karsten Banse.
Daß der MAD-Offizier trotz seiner Verurteilung weiter »in
der Sache« unterwegs war, beweist die Verbindung zur »gruppe
2«.
Eine
historische Fundgrube
Im Zusammenhang
mit der RAF sprach man beim Bundeskriminalamt des öfteren
von einem »Pharaonengrab«, wenn es der Behörde mal gelungen
war, in einer »konspirativen Wohnung« oder einem Erdversteck
Unterlagen zu finden. Greift man diese polizeiliche Metapher
auf, sind das, was die Schweizer Gruppe »Revolutionärer Aufbau«
veröffentlichte, wohl die »Königsgräber« in Ägypten. Bei den
Unterlagen findet sich fast alles. Manfred Schlickenrieder
wurden unter dem Siegel der Verschwiegenheit Einschätzungen
der einen Fraktion ehemaliger RAFler über die andere anvertraut,
zum Beispiel, daß Karl-Heinz Dellwo vorhabe, die »Stammheimer
Mordlegende« aufzudecken - und »Camus« berichtete das an seine
Auftraggeber. In Österreich ermittelte er über die Gruppe
»Toleranzgrenze« und in der Schweiz, wo und wie Mitglieder
des »Aufbau« an Wochenenden zu erreichen sind. In einem anderen
Bericht beschreibt »Camus«, wie er heimlich einem »Aufbau«-Mitglied
die Aktentasche filzte oder den Schweizer Autor Res Strehle
besuchte, um über ihn etwas von angeblichen Kontroversen mit
dem »Aufbau« in Erfahrung zu bringen.
Interessant
sind auch die Schriftstücke mit Übersetzungen von Texten der
Roten Brigaden: Sie stammen von einem staatlichen Übersetzungsdienst.
Da er selber des Italienischen nicht ausreichend mächtig ist,
kann nur vermutet werden, daß auch alle anderen von der »gruppe
2« herausgegeben italienischen Textesammlungen mit behördlicher
Hilfe ins Deutsche übertragen wurden. Das wirft ein Schlaglicht
auf die Absichten der Veröffentlichung der »pentiti« und »dissociati«-
(Verräter und Aussteiger)Diskussion in Deutschland.
Ein anderes
Dokument enthüllt, daß sich »Camus« keinesfalls nur auf die
Sammlung von Informationen beschränkte. In einem Bericht nach
einem Gespräch berichtet »Camus«, daß er seinem Gegenüber
die Lieferung von Faustfeuerwaffen angeboten habe. Die Methode
eines Lockspitzels. Hintergrund und Zeitpunkt waren der mörderisch
ausgetragene Fraktionskampf innerhalb der türkischen Organisation
»Dev-Sol«. Welche Rolle spielten dabei deutsche Behörden oder
wollten sie spielen? Gefunden wurde auch ein Operations- und
Strategieplan der »gruppe 2« für das Jahr 1995, der ihre Vorhaben
und Angriffspunkte detailliert auflistet: zum Beispiel den
Verlag Giuseppe Maj und andere Gruppierungen in Italien, das
Comitee prison et repression in Paris, ehemalige RAF- Gefangene
in Deutschland, den schweizer »Aufbau« oder das deutsche »Libertad!«.
Man darf
gespannt sein, was der »Aufbau« noch alles ans Licht bringt.
Angekündigt haben sie, daß sie ihre Recherchen umfangreich
dokumentieren werden und auf ihrer Internetseite zugänglich
machen: http://www.aufbau.org/
Stepán
Bandera
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