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Deckname Camus, Junge Welt (2.Teil)

 

junge Welt Inland
07.12.2000
Deckname Camus
Teil 2:
Wie Manfred Schlickenrieder im Auftrag der Industrie Greenpeace und die Grünen bespitzelte

Wer sind die Auftraggeber, wer ist der Dienstherr des Münchners Manfred Schlickenrieder, der seit rund 20 Jahren unter dem Decknamen »Camus« linke Organisationen in Westeuropa ausspionierte?

Darüber können erst Vermutungen angestellt werden. Sichergestellte Dokumente belegen auch für Fachleute die geheimdienstliche Zielsetzung und Einbindung. Noch aber sind nicht alle sichergestellten Unterlagen ausgewertet. Einige Kürzel und Kennzeichnungen können erst jetzt fachkritisch untersucht werden. Soviel ist sicher, Manfred Schlickenrieder hatte Zugang zu geheimen Unterlagen deutscher und italienischer Dienste, und alle von ihm mit seinem richtigen wie mit dem Decknamen »Camus« unterschriebenen Berichte sind in deutscher Sprache abgefaßt. Was auf einen deutschen Auftraggeber schließen läßt.

Gefunden wurde ein Dienstausweis des bayrischen Landesamtes für Denkmalschutz aus dem Jahre 1976, der Dr. Manfred Schlickenrieder als Landeskonservator ausweist. In Pullach bei München ist der Auslandsnachrichtendienst BND angesiedelt - und es ist geheimdiensttypisch, zur Tarnung bei anderen staatlichen Behörden unterzuschlüpfen und Filialen einzurichten. Es ist bemerkenswert, daß Manfred Schlickenrieder selbst nie erwähnte, wenn er auf seine Biografie angesprochen wurde, jemals für den Denkmalschutz gearbeitet zu haben.

Münchner Linke fragten sich über die Jahre immer wieder, wovon die »Gruppe 2« die Filme und Übersetzungen, aber auch den Lebensunterhalt finanziert. Zumal der Chef teure Autos fuhr, Sportwagen vom Typ Alfa Romeo oder BMW mußten es schon sein. Der Verkauf eigener Broschüren oder der Verleih von Filmgerätschaften konnte nicht soviel einbringen. Auch hier gaben die Unterlagen Antwort. Es fanden sich Abrechnungen aus verschiedenen Jahren, so vom Dezember 1998, die die Fremdfinanzierung belegen. Alle Reisen, selbst Autoreparaturen oder Reifenwechsel, die Telefon- und Mobilfunkkosten, auch die Einstellung einer Bürohilfskraft wurden zu 75 Prozent anteilig abgerechnet. Die Geldgeber allerdings sind auf Schlickenrieders Abrechnungen nicht vermerkt.

Mit einer Ausnahme. 20 000 Mark wurden der in London ansässigen Firma »Hakluyt« für Ermittlungen in Rechnung gestellt. Diese Firma wird von den ehemaligen Agenten des britischen Geheimdienstes MI6 Mike Reynolds und Christopher James betrieben. Ihr Firmenmotto: »The idea was to do for industry what we had done for the goverment«. Bezahlt wurde die Summe 1997 an Schlickenrieder für Ausforschungen von Anti-Shell-, Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen in Deutschland; und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem weltweit gegen Shell-Aktivitäten in Nigeria (Hinrichtung von Ken Saro Wiwa) und die beabsichtigte Versenkung der Ölplattform Brentspar protestiert wurde. Auch Greenpeace, »Die Grünen« und die alternative Kosmetikfirma »The Body Shop« bespitzelte Schlickenrieder. Der Auftraggeber dieser »Studie« liegt auf der Hand.

Überhaupt gibt es starke Hinweise, daß die Überschneidungen zwischen staatlicher Auftragsarbeit und »privater« Ermittlung symptomatisch sind. Wie Gegenobservationen des »Aufbau« ergaben, ist ein »verdecktes Mitglied der Gruppe 2« und »bester Freund« von Manfred Schlickenrieder der MAD-Offizier Karsten Banse. Dieser wurde wegen Verwicklungen in der »Mauss-Affäre« verurteilt. Zur Erinnerung: Werner Mauss leitete in den 70er und 80er Jahren eine von Industriellen finanzierte, aber im Auftrag des BKA, des MAD und des BND betriebene extralegale »Anti-Terrorismus«-Abteilung. Die Behörden vergaben die Aufträge, sicherten seine zur Festung ausgebaute Villa mit eigener Start- und Landebahn, während Mauss die Arbeiten erledigte, bei denen sich die Beamten nicht die Finger schmutzig machen wollten. Die Festnahme des durch die Lorenz-Entführung befreiten Rolf Pohle 1976 in Athen rechnete Mauss zu seinen Erfolgen, auch die Geheimgespräche zwischen der kolumbianischen Guerilla ELN und dem deutschen Geheimdienstkoordinator Schmidtbauer zu Zeiten der Kohl-Regierung. 1986/1987 versuchte eine anonyme Gruppe, Mitglieder der »Antiimperialistischen Front« mit Millionenbeträgen zum Verrat zu verleiten. Weil mit Geld nicht alles zu kaufen ist, die Aktivisten schwiegen, wurde mit Sabotageakten an Fahrzeugen der Betroffenen der Druck erhöht. Auch diese Anschläge, die nur als Mordversuche interpretiert werden konnten, wurden der »Mauss-Abteilung« zugeschrieben. Weil es bei allem immer um sehr viel Geld ging, kam es in den verschiedenen mit Mauss kooperierenden Behörden naturgemäß zu Korruption. In einigen nicht mehr zu vertuschenden Fälle wurde Anklage erhoben. So auch gegen Karsten Banse. Daß der MAD-Offizier trotz seiner Verurteilung weiter »in der Sache« unterwegs war, beweist die Verbindung zur »gruppe 2«.

Eine historische Fundgrube

Im Zusammenhang mit der RAF sprach man beim Bundeskriminalamt des öfteren von einem »Pharaonengrab«, wenn es der Behörde mal gelungen war, in einer »konspirativen Wohnung« oder einem Erdversteck Unterlagen zu finden. Greift man diese polizeiliche Metapher auf, sind das, was die Schweizer Gruppe »Revolutionärer Aufbau« veröffentlichte, wohl die »Königsgräber« in Ägypten. Bei den Unterlagen findet sich fast alles. Manfred Schlickenrieder wurden unter dem Siegel der Verschwiegenheit Einschätzungen der einen Fraktion ehemaliger RAFler über die andere anvertraut, zum Beispiel, daß Karl-Heinz Dellwo vorhabe, die »Stammheimer Mordlegende« aufzudecken - und »Camus« berichtete das an seine Auftraggeber. In Österreich ermittelte er über die Gruppe »Toleranzgrenze« und in der Schweiz, wo und wie Mitglieder des »Aufbau« an Wochenenden zu erreichen sind. In einem anderen Bericht beschreibt »Camus«, wie er heimlich einem »Aufbau«-Mitglied die Aktentasche filzte oder den Schweizer Autor Res Strehle besuchte, um über ihn etwas von angeblichen Kontroversen mit dem »Aufbau« in Erfahrung zu bringen.

Interessant sind auch die Schriftstücke mit Übersetzungen von Texten der Roten Brigaden: Sie stammen von einem staatlichen Übersetzungsdienst. Da er selber des Italienischen nicht ausreichend mächtig ist, kann nur vermutet werden, daß auch alle anderen von der »gruppe 2« herausgegeben italienischen Textesammlungen mit behördlicher Hilfe ins Deutsche übertragen wurden. Das wirft ein Schlaglicht auf die Absichten der Veröffentlichung der »pentiti« und »dissociati«- (Verräter und Aussteiger)Diskussion in Deutschland.

Ein anderes Dokument enthüllt, daß sich »Camus« keinesfalls nur auf die Sammlung von Informationen beschränkte. In einem Bericht nach einem Gespräch berichtet »Camus«, daß er seinem Gegenüber die Lieferung von Faustfeuerwaffen angeboten habe. Die Methode eines Lockspitzels. Hintergrund und Zeitpunkt waren der mörderisch ausgetragene Fraktionskampf innerhalb der türkischen Organisation »Dev-Sol«. Welche Rolle spielten dabei deutsche Behörden oder wollten sie spielen? Gefunden wurde auch ein Operations- und Strategieplan der »gruppe 2« für das Jahr 1995, der ihre Vorhaben und Angriffspunkte detailliert auflistet: zum Beispiel den Verlag Giuseppe Maj und andere Gruppierungen in Italien, das Comitee prison et repression in Paris, ehemalige RAF- Gefangene in Deutschland, den schweizer »Aufbau« oder das deutsche »Libertad!«.

Man darf gespannt sein, was der »Aufbau« noch alles ans Licht bringt. Angekündigt haben sie, daß sie ihre Recherchen umfangreich dokumentieren werden und auf ihrer Internetseite zugänglich machen: http://www.aufbau.org/

Stepán Bandera


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