Samstag , den 04.02.2012 - 15:49 - online: [an error occurred while processing this directive]
 
 
    English
    Shop & Vertrieb
Impressum
Kontakt
CopyLeft
Suche auf der Homepage
 
Libertad!-Logo  
START  | Aktuell  | Projekte & Kampagnen  | internationale Solidarität  |  |  |  |
 
   
Freiheit für alle politischen Gefangenen weltweit!
   
   
[ Libertad! - Spezial ]
 
{ Gruppe 2 = Spitzeln für den Staatsschutz }
 
   
Deckname Camus (JW 06.12.00, 1. Teil)

 

junge Welt Inland
06.12.2000
Deckname Camus
Wie die Münchener »gruppe 2« die Linke in Italien, der Schweiz, Frankreich und Deutschland seit 20 Jahren ausschnüffelte

München 6116216 - bis vor wenigen Tagen konnte man über diese Telefonnummer die »gruppe 2, Video- und Filmproduktion« und ihren Chef Manfred Schlickenrieder erreichen. Jetzt meldet sich ein Anrufbeantworter mit der Bitte, man möge seine Rufnummer hinterlassen. Das sollte man unterlassen. Denn dieser Anschluß gehört einem Geheimdienstnetzwerk. Durch intensive Recherche gelang es der linken Schweizer Organisation »Revolutionärer Aufbau«, Manfred Schlickenrieder als langjährigen Geheimdienstmann zu enttarnen. Die dem »Aufbau« vorliegenden Dokumente enthüllen eine jahrelange Unterwanderung linker Strukturen in Westeuropa mit Hilfe deutscher und italienischer Geheimdienste.

Experten einig: Mann der Geheimdienste

In den vergangenen Jahren entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen dem Schweizer »Aufbau« und der Münchner »gruppe 2«. Manche sahen in ihr den deutschen Ableger. Aber in der Schweiz schöpfte man Verdacht. Schließlich konnten eindeutige Dokumente bei Manfred Schlickenrieder sichergestellt werden. Dazu war innerhalb des »Aufbaus« eine Recherchegruppe gebildet worden, deren Aufgabe es war, möglichst viel über die Spitzeltätigkeit ans Tageslicht zu bringen. Manfred Schlickenrieder wurde bei Besuchen in der Schweiz beobachtet. Die Unterlagen häuften sich, und aus dem Verdacht wurde Gewißheit: Mehr als 15 Jahre lang bespitzelte Manfred Schlickenrieder Aktivisten der Linken in Italien, der Schweiz, Frankreich und Deutschland.

Unter dem Decknamen »Camus« schrieb er Berichte und politische Einschätzungen, legte Namenslisten und Fotokarteien an. Allein das Material, das die Schweizer zusammentrugen, umfaßt Listen und Dokumente, in denen Hunderte Linke mit Anmerkungen zu ihren Verbindungen und Aktivitäten festgehalten waren, teilweise mit Fotomaterial. Es fanden sich aber auch eindeutig behördliche Dokumente. Aus Italien beispielsweise Lageberichte des Geheimdienstes SISDE, aus Deutschland Listen der Post- und Besuchsüberwachung bei den RAF-Gefangenen Birgit Hogefeld und Eva Haule oder eine Zusammenfassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz über Telefon- und Kontaktobservation gegen vermeintliche Mitglieder der französischen »Action Directe«. Für die Schweizer Recherchegruppe ließ das alles nur einen Schluß zu: Sie waren auf ein Geheimdienstnetzwerk gestoßen, bei dem die »gruppe 2« nicht nur Zulieferer für eine staatliche Institution war, sondern auch Zugang zu Berichten und Auswertungen staatlicher Dienste hatte.

Der »Aufbau« legte diese Dokumente in Deutschland und Italien zudem Experten zur Begutachtung vor, die langjährige Erfahrungen mit polizeilicher und geheimdienstlicher Arbeit haben, so die Bürgerrechtszeitschrift CILIP. Auch die Gruppe »Kein Friede« aus Frankfurt am Main, die 1993 eine Recherche über den Verfassungsschutzagenten Klaus Steinmetz angefertigt hatte, wurde um Rat gefragt. Alle kamen zum Ergebnis: Die Schweizer waren auf eine transnationale Geheimdienststruktur gestoßen, deren Ziel die Ausspähung des tatsächlichen oder vermeintlichen politischen »Umfelds« der bewaffnet kämpfenden Linken in Westeuropa war. Ausgangspunkt sind die 70er Jahre und die staatliche Hatz auf die »Sympathisantengruppen«, die es nach behördlicher Logik zu unterwandern und »auszutrocknen« galt.

Zunächst beabsichtigte der »Aufbau«, Manfred Schlickenrieder bei einem Besuch in der Schweiz öffentlich mit den Ergebnissen seiner Recherchen zu konfrontieren. Das hätte unweigerlich zur Verhaftung Schlickenrieders geführt, denn in der Schweiz ist die nachrichtendienstliche Arbeit fremder Mächte verboten. In der Schweiz sitzen gegenwärtig auch zwei israelische Mossad-Agenten im Gefängnis, die sich bei ihrer »Arbeit« haben erwischen lassen. Aber Manfred Schlickenrieder wollte nicht in die Schweiz kommen.

Wer oder was ist die »gruppe 2«?

Wenig aufsehenerregend entstand Anfang der 80er Jahre in München das Dokumentationsarchiv »gruppe 2«. Ungewöhnlich und anders als die Anfänge der autonomen Infoläden und Medienwerkstätten war allerdings der kommerzielle Rahmen dieser Firma, die mit Filmaufnahmen und Videoverleih Geld verdienen wollte. In damaligen Publikationen bezeichnete sich die »gruppe 2« als Archiv für die linke Bewegung. Es stellte Kassetten mit Liedern der italienischen Arbeiterbewegung nach 1968 her und vertrieb sie. Italien bildete zu Anfang einen Schwerpunkt. So konnte man von dort auch Filme und Bücher beziehen. Später gab die »gruppe 2« eine texte genannte Zeitschrift heraus, die zum Beispiel Dokumente aus der nordamerikanischen Gefangenenbewegung oder aus der Diskussion der italienischen Roten Brigaden übersetzte und veröffentlichte.

Der Name »gruppe 2« blieb für die meisten unverständlich, im Gespräch verwies Manfred Schlickenrieder auf weitere Projekte, die zu Anfang geplant waren, - oder, im vertrauteren Kreis, auf eine »verdeckte Struktur«, die wegen befürchteter polizeilicher Repression nicht offen auftreten könne.

Die Konzeption einer Dokumentationsstelle öffnete viele Türen. Ohne erkennbare eigene politische Aktivitäten konnte sich Manfred Schlickenrieder im kommunistischen und antiimperialistischen Spektrum in Westeuropa bewegen. Mal arbeitete er an einem Film über die Roten Brigaden, der nie fertig wurde, für die er aber ehemalige Gefangene in Italien interviewte. Ein anderes Mal initiierte er mit langjährigen Aktivisten einen Gesprächskreis »Wie wurde ich rot?«, was eine Analogie zu einem aufgeflogenden Agentenpärchen des Verfassungsschutzes in Hamburg zuläßt. Dort hatte Egon Giordano, der Bruder des Schriftstellers Ralph Giordano, zusammen mit seiner Frau ähnliche Gesprächsrunden ins Leben gerufen, was Kontakte bis hin zur RAF entstehen ließ.

Anfang der 90er Jahre, nachdem die RAF das vorläufige Ende bewaffneter Aktionen erklärt hatte, beteiligte sich die »Gruppe 2« an einer sogenannten »Broschürengruppe« in Berlin. Unter dem Titel »Bewaffneter Kampf und Triple Oppression« wurde ein Kongreß veranstaltet und anschließend dokumentiert. Mit ehemaligen Gefangenen aus der RAF produzierte Schlickenrieder den Film »Was aber wären wir für Menschen ...?«, für den er bei zahlreichen Treffen und Versammlungen filmen durfte. Auf Empfehlung einer ehemaligen Gefangenen wurde er wegen »seiner internationalen Kontakte« eine Zeitlang Mitglied der Kampagne »Libertad!« Mit dem Schweizer »Aufbau« gab die »gruppe 2« eine deutsche Fassung der italienischen Zeitschrift Rapporti Sociale heraus. Ebenfalls für die Schweizer produzierte die Gruppe einen Film über die britischen Dockerstreiks, zu deren Unterstützung der »Aufbau« eine Solidaritätskampagne ins Leben gerufen hatte.

Alle diese Tätigkeiten der »gruppe 2« wurden von Schlickenrieder selbst akribisch in Protokollen und Berichten ausgewertet. Bei ihm entdeckten die Schweizer auch ein fast vollständiges elektronisches Fotoarchiv über die Aktivisten des »Aufbau«. Dafür waren von zuvor in der Schweiz angefertigten Filmaufnahmen Porträts gezogen worden. Archivierungskennzeichen legen nahe, daß es sich hierbei nur um einen Bruchteil des Gesamtarchivs handeln kann. Nach dem gleichen Muster dürfte auch das Filmmaterial von Veranstaltungen mit ehemaligen RAF-Gefangenen in Deutschland ausgeschlachtet worden sein.

Stepán Bandera

Morgen: Wie Schlickenrieder im Auftrag der Industrie Greenpeace und die Grünen bespitzelte

(Weitere Informationen im Internet unter: www.aufbau.org.)
© junge Welt

 


[ document info ]
CopyLeft © Libertad!

[HOCH]Artikel empfehlendrucken verfassen
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst
 
Siehe auch:
  Veranstaltungskalender
Spezial
Projekte & Kampagnen

Reden & Texte

Service

WebNews-Ticker