|
München
6116216 - bis vor wenigen Tagen konnte man über diese Telefonnummer
die »gruppe 2, Video- und Filmproduktion« und ihren Chef Manfred
Schlickenrieder erreichen. Jetzt meldet sich ein Anrufbeantworter
mit der Bitte, man möge seine Rufnummer hinterlassen. Das
sollte man unterlassen. Denn dieser Anschluß gehört einem
Geheimdienstnetzwerk. Durch intensive Recherche gelang es
der linken Schweizer Organisation »Revolutionärer Aufbau«,
Manfred Schlickenrieder als langjährigen Geheimdienstmann
zu enttarnen. Die dem »Aufbau« vorliegenden Dokumente enthüllen
eine jahrelange Unterwanderung linker Strukturen in Westeuropa
mit Hilfe deutscher und italienischer Geheimdienste.
Experten
einig: Mann der Geheimdienste
In den
vergangenen Jahren entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen
dem Schweizer »Aufbau« und der Münchner »gruppe 2«. Manche
sahen in ihr den deutschen Ableger. Aber in der Schweiz schöpfte
man Verdacht. Schließlich konnten eindeutige Dokumente bei
Manfred Schlickenrieder sichergestellt werden. Dazu war innerhalb
des »Aufbaus« eine Recherchegruppe gebildet worden, deren
Aufgabe es war, möglichst viel über die Spitzeltätigkeit ans
Tageslicht zu bringen. Manfred Schlickenrieder wurde bei Besuchen
in der Schweiz beobachtet. Die Unterlagen häuften sich, und
aus dem Verdacht wurde Gewißheit: Mehr als 15 Jahre lang bespitzelte
Manfred Schlickenrieder Aktivisten der Linken in Italien,
der Schweiz, Frankreich und Deutschland.
Unter
dem Decknamen »Camus« schrieb er Berichte und politische Einschätzungen,
legte Namenslisten und Fotokarteien an. Allein das Material,
das die Schweizer zusammentrugen, umfaßt Listen und Dokumente,
in denen Hunderte Linke mit Anmerkungen zu ihren Verbindungen
und Aktivitäten festgehalten waren, teilweise mit Fotomaterial.
Es fanden sich aber auch eindeutig behördliche Dokumente.
Aus Italien beispielsweise Lageberichte des Geheimdienstes
SISDE, aus Deutschland Listen der Post- und Besuchsüberwachung
bei den RAF-Gefangenen Birgit Hogefeld und Eva Haule oder
eine Zusammenfassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz
über Telefon- und Kontaktobservation gegen vermeintliche Mitglieder
der französischen »Action Directe«. Für die Schweizer Recherchegruppe
ließ das alles nur einen Schluß zu: Sie waren auf ein Geheimdienstnetzwerk
gestoßen, bei dem die »gruppe 2« nicht nur Zulieferer für
eine staatliche Institution war, sondern auch Zugang zu Berichten
und Auswertungen staatlicher Dienste hatte.
Der »Aufbau«
legte diese Dokumente in Deutschland und Italien zudem Experten
zur Begutachtung vor, die langjährige Erfahrungen mit polizeilicher
und geheimdienstlicher Arbeit haben, so die Bürgerrechtszeitschrift
CILIP. Auch die Gruppe »Kein Friede« aus Frankfurt am Main,
die 1993 eine Recherche über den Verfassungsschutzagenten
Klaus Steinmetz angefertigt hatte, wurde um Rat gefragt. Alle
kamen zum Ergebnis: Die Schweizer waren auf eine transnationale
Geheimdienststruktur gestoßen, deren Ziel die Ausspähung des
tatsächlichen oder vermeintlichen politischen »Umfelds« der
bewaffnet kämpfenden Linken in Westeuropa war. Ausgangspunkt
sind die 70er Jahre und die staatliche Hatz auf die »Sympathisantengruppen«,
die es nach behördlicher Logik zu unterwandern und »auszutrocknen«
galt.
Zunächst
beabsichtigte der »Aufbau«, Manfred Schlickenrieder bei einem
Besuch in der Schweiz öffentlich mit den Ergebnissen seiner
Recherchen zu konfrontieren. Das hätte unweigerlich zur Verhaftung
Schlickenrieders geführt, denn in der Schweiz ist die nachrichtendienstliche
Arbeit fremder Mächte verboten. In der Schweiz sitzen gegenwärtig
auch zwei israelische Mossad-Agenten im Gefängnis, die sich
bei ihrer »Arbeit« haben erwischen lassen. Aber Manfred Schlickenrieder
wollte nicht in die Schweiz kommen.
Wer
oder was ist die »gruppe 2«?
Wenig
aufsehenerregend entstand Anfang der 80er Jahre in München
das Dokumentationsarchiv »gruppe 2«. Ungewöhnlich und anders
als die Anfänge der autonomen Infoläden und Medienwerkstätten
war allerdings der kommerzielle Rahmen dieser Firma, die mit
Filmaufnahmen und Videoverleih Geld verdienen wollte. In damaligen
Publikationen bezeichnete sich die »gruppe 2« als Archiv für
die linke Bewegung. Es stellte Kassetten mit Liedern der italienischen
Arbeiterbewegung nach 1968 her und vertrieb sie. Italien bildete
zu Anfang einen Schwerpunkt. So konnte man von dort auch Filme
und Bücher beziehen. Später gab die »gruppe 2« eine texte
genannte Zeitschrift heraus, die zum Beispiel Dokumente aus
der nordamerikanischen Gefangenenbewegung oder aus der Diskussion
der italienischen Roten Brigaden übersetzte und veröffentlichte.
Der Name
»gruppe 2« blieb für die meisten unverständlich, im Gespräch
verwies Manfred Schlickenrieder auf weitere Projekte, die
zu Anfang geplant waren, - oder, im vertrauteren Kreis, auf
eine »verdeckte Struktur«, die wegen befürchteter polizeilicher
Repression nicht offen auftreten könne.
Die Konzeption
einer Dokumentationsstelle öffnete viele Türen. Ohne erkennbare
eigene politische Aktivitäten konnte sich Manfred Schlickenrieder
im kommunistischen und antiimperialistischen Spektrum in Westeuropa
bewegen. Mal arbeitete er an einem Film über die Roten Brigaden,
der nie fertig wurde, für die er aber ehemalige Gefangene
in Italien interviewte. Ein anderes Mal initiierte er mit
langjährigen Aktivisten einen Gesprächskreis »Wie wurde ich
rot?«, was eine Analogie zu einem aufgeflogenden Agentenpärchen
des Verfassungsschutzes in Hamburg zuläßt. Dort hatte Egon
Giordano, der Bruder des Schriftstellers Ralph Giordano, zusammen
mit seiner Frau ähnliche Gesprächsrunden ins Leben gerufen,
was Kontakte bis hin zur RAF entstehen ließ.
Anfang
der 90er Jahre, nachdem die RAF das vorläufige Ende bewaffneter
Aktionen erklärt hatte, beteiligte sich die »Gruppe 2« an
einer sogenannten »Broschürengruppe« in Berlin. Unter dem
Titel »Bewaffneter Kampf und Triple Oppression« wurde ein
Kongreß veranstaltet und anschließend dokumentiert. Mit ehemaligen
Gefangenen aus der RAF produzierte Schlickenrieder den Film
»Was aber wären wir für Menschen ...?«, für den er bei zahlreichen
Treffen und Versammlungen filmen durfte. Auf Empfehlung einer
ehemaligen Gefangenen wurde er wegen »seiner internationalen
Kontakte« eine Zeitlang Mitglied der Kampagne »Libertad!«
Mit dem Schweizer »Aufbau« gab die »gruppe 2« eine deutsche
Fassung der italienischen Zeitschrift Rapporti Sociale heraus.
Ebenfalls für die Schweizer produzierte die Gruppe einen Film
über die britischen Dockerstreiks, zu deren Unterstützung
der »Aufbau« eine Solidaritätskampagne ins Leben gerufen hatte.
Alle diese
Tätigkeiten der »gruppe 2« wurden von Schlickenrieder selbst
akribisch in Protokollen und Berichten ausgewertet. Bei ihm
entdeckten die Schweizer auch ein fast vollständiges elektronisches
Fotoarchiv über die Aktivisten des »Aufbau«. Dafür waren von
zuvor in der Schweiz angefertigten Filmaufnahmen Porträts
gezogen worden. Archivierungskennzeichen legen nahe, daß es
sich hierbei nur um einen Bruchteil des Gesamtarchivs handeln
kann. Nach dem gleichen Muster dürfte auch das Filmmaterial
von Veranstaltungen mit ehemaligen RAF-Gefangenen in Deutschland
ausgeschlachtet worden sein.
Stepán
Bandera
Morgen:
Wie Schlickenrieder im Auftrag der Industrie Greenpeace und
die Grünen bespitzelte
(Weitere
Informationen im Internet unter: www.aufbau.org.)
© junge Welt
|