GEHEIMDIENSTE
Entarnung im Internet

Ein Münchner
V-Mann soll Linksradikale im Ausland infiltriert und nebenbei auch
Greenpeace ausspioniert haben
Abgewetzte
Lederjacke, grob gestrickter Pulli, lange Haare, zerfurchtes Gesicht.
Die Erscheinung auf dem Foto entspricht dem Klischee des ewigen
Altlinken. Tatsächlich findet sich das Bild auf der Web-Seite
des "Revolutionären Aufbaus Schweiz". Doch die linksradikale
Kaderorganisation, die seit 1992 die Massen der Alpenrepublik für
den Umsturz zu begeistern sucht, ortet den bald 55-jährigen
Manfred Schlickenrieder auf der Gegenseite: Der" Agent und
Spitzel" habe unter dem Decknamen "Camus" linksradikale
Gruppen in Westeuropa infiltriert - im Auftrag deutscher Geheimdienste.
Stimmt die
Geschichte, wäre das Internet-Outing für Schlickenrieder
wie für seine Auftraggeber das Schlimmste, was einem Agenten
passieren kann. Denn die Züricher Revoluzzer haben eine Art
Steckbrief mit persönlichen Daten und Fotos samt einem Packen
höchst brisanter Dokumente ins Netz gestellt (www.aufbau.org).
Sicher ist,
dass Schlickenrieder in München die "Gruppe 2" ins
Leben rief, angeblich ein politisches Projekt, das linksradikale
Schriften, vornehmlich über den "bewaffneten Kampf ",
verlegte, ein Archiv unterhielt und Videofilme produzierte. Die
Legende des linken Dokumentaristen öffnete ihm die Türen
bei subversiven Gruppen und Aktivisten in ganz Europa. Schlickenrieder
reiste kreuz und quer durch den linksradikalen Halbuntergrund, sammelte
fleißig Informationen über die belgischen Kämpfenden
Kommunistischen Zellen oder die französische Action Directe.
Für den Videostreifen "Was wären wir für Menschen"
etwa klapperte er ehemalige Mitglieder der Roten Armee Fraktion
(RAF) ab. Seit 1985 tingelte Schlickenrieder immer wieder für
einen - bis heute nicht fertig gestellten - Film über die Roten
Brigaden durch Italien.
Der "Revolutionäre
Aufbau "in Zürich nahm den Bayern sogar als reguläres
Mitglied auf. Doch irgendwann schöpften die Genossen Verdacht.
In seiner Habe fanden sie Dokumente: Karteikarten mit Fotos und
persönlichen Angaben zu Gruppenmitgliedern. Über einen
führenden Funktionär vermerkte Schlickenrieder etwa, er
habe dessen Aktentasche heimlich durchsucht.
Unter den
Papieren Vermerke - über seine "eigene operative Planung"
und eine "Anfrage" beim italienischen Inlandsgeheimdienst.
Dazwischen Personen-Dossiers des Bundesamts für Verfassungsschutz
über mutmaßliche französische (!) Guerilla-Unterstützer.
Sogar amtliche Fernschreiben und Protokolle über die Post-
und Besuchskontrolle inhaftierter deutscher Terroristen waren darunter.
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Bundesnachrichtendienst
in Pullach: Gibt zu operativen Fragen grundsätzlich
keine Stellungnahme ab |
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Verfassungsschutz
Auch das Bayrische Landesamt für Verfassungsschutz
schweigt zu dem Fall |
Aus den Unterlagen
geht hervor, dass Manfred Schlickenrieder seine Berichte für
Dritte verfasste und er Auftraggeber hatte, die seine Spesen beglichen.
Die Frage bleibt:
In wessen Sold spionierte Manfred Schlickenrieder? Für den
Bundesnachrichtendienst, den Verfassungsschutz oder einen anderen
westlichen Geheimdienst? Berliner Insider ordnen ihn mal dem Bundesnachrichtendienst,
mal dem Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz zu. Gut
möglich, dass er beiden zugetragen hat.
Manfred Schlickenrieder
antwortet auf die Frage, ob er je mit Geheimdiensten zu tun hatte:
"Definitiv nein." Die Beschuldigungen seien "ein
Lügengespinst". Zu einem persönlichen Gespräch
war er nicht bereit. Eine seit Wochen gegenüber Journalisten
angekündigte ausführliche Stellungnahme lässt bis
heute ebenso auf sich warten wie angedrohte Klagen.
Die Geheimdienste
geben sich gewohnt bedeckt. In Berliner Sicherheitskreisen wird
immerhin bestätigt, dass sich vergangenen Mittwoch das Kontrollgremium
des Bundestags mit der Affäre Schlickenrieder befasst hat.
Auch in der Dienstags-Lage im Kanzleramt sei über den Fall
schon berichtet worden. Was müsste es den Kanzler scheren,
wenn ein Züricher Grüppchen einen Münchner Altlinken
als Spitzel denunziert? Es scheint also doch was dran zu sein. Und
dann rutscht einem Insider schon mal der Satz raus: "Da haben
die in München wohl Scheiß' gebaut."
Für
die Schlapphüte im Süden könnte der Fall peinlich
werden, nicht nur weil ein Top-Agent aufflog, sondern weil möglicherweise
das Trennungsgebot, die gesetzlich festgeschriebene Aufgabenteilung
zwischen Verfassungsschutz und Auslandsnachrich- tendienst, lax
gehandhabt wurde.
Auffallend auch
die Zurückhaltung der eidgenössischen Behörden. Der
Berner Staatsschutz mag nicht ermitteln. Kann gut sein, das die
Schweizer "Camus" profitierten.
In einem Fall
allerdings geht aus den Unterlagen klar hervor, für wen "Camus"
spionierte: Mit Datum vom 4. Juni 1997 setzte er unter dem Briefkopf
"gruppe 2 film & videoproduktion" eine "Honorar-
und Spesenabrechnung in der Greenpeace-Recherche" über
satte 20000 Mark auf. Empfänger: Die Detektei Hakluyt in London.
In deren Auftrag hatte Schlickenrieder die Umweltorganisation Greenpeace
ausgespäht. Er selbst spricht von einem "Gutachten".
Jedenfalls ein Job, der kaum vereinbar mit der Mär vom linken
Filmemacher ist. Sogar das Wahlkreisbüro der späteren
Grünen-Staatssekretärin Christa Nickels geriet zeitweise
in sein Fadenkreuz. Als Hakluyt-Kunden werden Ölkonzerne vermutet.
Auch sein
Fischzug gegen die "grünen Krieger", wie Schlickenrieder
in Briefen an Hakluyt die Greenpeace-Leute nennt, ist nicht ohne
geheimdienstliche Note: Sein Auftraggeber in London, Hakluyt-Manager
Mike Reynolds, diente seiner Königin zur Zeit des Kalten Krieges
im Schatten der Berliner Mauer. Beim Militärgeheimdienst MI
6 war er Verbindungsoffizier zu den deutschen Diensten. Er spricht
fließend deutsch. Doch zu Schlickenrieder sagt er nichts.
THOMAS SCHEUER
