| Zu
dem videofilm "was aber wären wir für menschen" und der agententätigkeit
von manfred schlickenrieder ("gruppe 2")
Gisela
Dutzi
Waltraud Liewald
Monika Berberich
Gisela
Dutzi
Dezember 2000 hat die gruppe
"revolutionärer aufbau" in der schweiz bekannt gemacht und durch
die veröffentlichung zahlreicher dokumente im internet belegt,
daß manfred schlickenrieder mindestens seit 1982 agent des bayrischen
landesamtes für verfassungsschutz und später des bundesnachrichtendienstes
war.
Wir kannten schlickenrieder.
1992 hat er kontakt zu uns - einigen ehemaligen gefangenen aus der
RAF - aufgenommen. Wir wollen hier nicht wiederholen, was die gruppe
"revolutionärer aufbau" in der schweiz und "kein friede" aus
frankfurt bereits recherchiert und veröffentlicht haben. Aber
für den kontext, in dem wir mit schlickenrieder zu tun hatten,
ist manches noch mal wichtig zu sagen: er spähte die linke szene
in der BRD, schweiz und italien aus, peripher checkte er auch, in
frankreich , belgien und spanien reinzukommen. Ein schwerpunkt der
ausforschungen waren ehemalige gefangene aus bewaffnet kämpfenden
gruppen in westeuropa und militante mit marxistisch- leninistischer
ausrichtung.
Die "gruppe 2", ausgegeben
als dokumentations- und videostelle für die linke bewegung, existierte
nicht. Es war ein geheimdienstgebilde: manfred schlickenrieder und
ein zugängliches büro. die fassade für seine geheimdiensttätigkeit.
Sein job war nicht in erster linie, als einzelner linke gruppen zu
infiltrieren, sondern über ein eigenes projekt, in dem dann auch
filme über die widerstandsbewegungen produziert wurden, langfristig
anerkennung zu bekommen. Das war die basis seiner agententätigkeit.
Das erste `flugblatt´, die
allererste veröffentlichung dieser "gruppe 2", war 1982 zu den
festnahmen von brigitte mohnhaupt, heidi schulz und christian klar
- militante aus der RAF. Dieser auftakt zeigt eine richtung, in die
die ausforschung gehen sollte. 1983 nahm schlickenrieder kontakt zu
den gefangenen innerhalb der "grußaktion " auf. Das war eine
breit angelegte verschickungsaktion von informations- und dikussionsmaterial
in die knäste zur druchbrechung der politischen zensur und isolation.
In der zeit darauf verschickte schlickenrieder weiter broschüren,
die er herausgab, zum beispiel zum revolutionären kampf in italien,
in die knäste. 1986 war schlickenrieder am antiimperialistischen
kongress in frankfurt/main beteiligt. Wie weit er in die strukturen
damals eingebunden war, wissen wir nicht.
Sein cover war von da an
"gruppe 2" , dokumentations- und filmstelle, `solidarität mit
politischen gefangenen der militanten linken´, ohne persönlich
kontakt mit ihnen aufgenommen zu haben.
Nachdem er schon 10 jahre
lang die " gruppe2" eingeführt hatte, machte er 1992 den kontakt
zu uns. Der zeitpunkt als schlickenrieder auf uns angesetzt wurde,
war gezielt und schlau ausgewählt. Vieles war im umbruch, die
politische situation, die frage des bewaffneten kampfes wurde neu
diskutiert. Der staatsschutz blickte nicht mehr durch, wo wer steht.
Sie wußten aber, daß einiges in bewegung, veränderung
war und hatten schon den agenten steinmetz am laufen für den
operativen zugriff auf die RAF.
Schlickenrieder sollte ihnen
einblick geben in unsere diskussionen und mit dem filmprojekt eine
breite ausspionierung möglich machen. Eine geheimdienstliche
einkreisung auf mehreren ebenen. Wir selber waren unter zeitdruck,
zu handeln, um boden zu gewinnen für die freilassung der gefangenen.
Damals gab es, im unterschied
zu heute, noch ein großes interesse an der situation der politischen
gefangenen aus der militanten linken. Die frage ihrer freilassung
wurde bis rein in die bürgerlichen medien diskutiert. Die interne
diskussion der gefangenen aus der RAF ging schon länger um die
veränderte politische, ökonomische uns soziale situation
in der welt. Die kon sequenz aus dieser diskussion war, daß
für eine umfassende reflektion der situation, eine einstellung
der bewaffneten angriffe unabdingbar war. In diesem prozeß wollten
wir auch die freilassung der gefangenen erreichen. Der staatsschutz
wußte aus geheimdienstlichen quellen zumindest vage von der
richtung dieser diskussion. Bevor sie öffentlich bekannt gemacht
werden konnte, plazierte der damalige justizminister kinkel anfang
1992 geschickt eine medienkampagne zur freilassung einiger gefangener
aus der RAF in die schlagzeilen der großen tageszeitungen. Damit
griff die regierung dem schritt vor, daß von unserer seite die
frage der freilassung aller gefangenen aus der militanten linken im
rahmen der politischen veränderungen aufgeworfen werden konnte.
Sie manipulierten nach kräften, stellten die freilassung von
gefangenen in aussicht, die eh kurz vor ihrer entlassung standen,
spalteten in "hardliner und "einsichtige". wir versuchten, mit dieser
neuen lage umzugehen, die freilassung der gefangenen in einem politischen
prozeß zu erreichen, was eben auch bedeutete, deutlich zu machen,
warum sind sie im knast, welchen kampf haben wir geführt, seinen
inhalt und seine legitimation zu zeigen.
Aus dieser situation griffen
wir den vorschlag von schlickenrieder für ein video, um anschauliches
material zu haben, auf. Zuerst war seine idee ein video zur kampagne
für die freilassung von bernd rössner zu machen, was aber
schnell zu einem film über die geschichte der RAF und die haftbedingungen
der gefangenen bis 1977 wurde.
Wir haben ihn als filmer
und dokumentarist gesehen, mit einer marxistisch-leninistischen vergangenheit
und schulung, solidarisch mit den gefangenen. Er hielt distanz, stellte
keine verdächtigen fragen, war darauf aus, keine grösseren
widersprüche oder diskussionen entstehen zu lassen. Er hat an
dem film alles gemacht: das material zusammengestellt, den kommentar
geschrieben. Von uns hat er keine interviews gemacht, keine fragen
gestellt, sondern `statements´von jedem einzelnen ohne bewegung, aus
angeblich "technischen gründen" gefilmt; aus technischen gründen
sollte auch das abfilmen einer diskussion nicht möglich sein.
Es sollte alles möglichst konfliktfrei sein.
Wir fanden das video nicht
gut, eine aneinanderreihung von informationen. Ein anziehender film,
der auch widersprüchlichkeiten zeigt, und so auch neue ansichten
auf entwicklungen aufmacht, ist es nicht. Das war einer der gründe,
warum wir später den zweiten teil (die zeit nach 1977) -der eigentlich
geplant war - nicht mit schlickenrieder machten. Aber es war der einzige
und umfassende film zur geschichte des bewaffneten kampfes der RAF
und den gefangenen. Er wurde in der folgezeit auf unzähligen
veranstaltungen zur freilassung der gefangenen gezeigt und diskutiert.
Der film wurde dafür von schlickenrieder verliehen oder auch
verkauft. Das geld ging je zur hälfte an "libertad" und nach
italien, für die gefangenen dort. Auf unsere fragen nach den
kosten des videos, lieferte uns schlickenrieder die erklärung,
dass durch den verleih ihrer filme und schneidegeräte u.ä.
die "gruppe2" genügend geld hätte, um das filmmaterial zu
bezahlen. Wir waren erleichtert und hakten nicht nach.
Im februar 1994 wurde der
mietvertrag für einen veranstaltungsraum in bremen, in dem der
film gezeigt werden sollte, auf intervention des staatsschutzes kurzfristig
gekündigt. Schlickenrieder berichtete von einschüchterungsversuchen
der münchner polizei im zusammenhang mit dem film. ob es die
von ihm geschilderten vorgänge tatsächlich gab, läßt
sich heute nicht mehr feststellen. Jedenfalls stärkte dies weiter
seine position in der linken szene.
Schlickenrieder konnte dadurch,
daß er dieses video machte und so für die linke szene eine
`nützliche sache´ zur verfügung stellte, bei der unter anderem
ehemalige gefangene aus der RAF mitwirkten, vertrauen gewinnen, neue
türen öffnen und sich schwerer angreifbar machen. Auf den
veranstaltungen, auf denen das video gezeigt wurde, konnte er grenzenlos
filmen, leute erfassen, die sich für den revolutionären
kampf, für die situation der gefangenen interessierten.
1997 sprach schlickenrieder
einige von uns noch mal an. Er wollte mit einem weiteren video der
laufenden medienkampagne "20 jahre stammheim" und der staatlichen
selbstmordversion "etwas entgegensetzen" und dafür bereits gedrehtes
videomaterial, (was in den zweiten teil des videos, der nie zustande
kam, rein sollte), verwenden. Wir lehnten ab, weil wir die alten aufnahmen
nicht mehr gut fanden.
Heute, nachdem uns bekannt
wurde, wer schlickenrieder ist, und wir das video noch mal anschauten
und überprüften, wird es noch mal klarer: der film transportiert
keine staatsschutzinhalte, keine manipulationen. Das wäre ja
auch mit uns nicht möglich gewesen; sonst wäre das projekt
damals schon geplatzt. Aber jeder satz des kommentars, den schlickenrieder
spricht, wurde oder könnte schon mal in irgendeiner erklärung
gesagt worden sein. Seine kommentare sind gezeichnet von absoluter
politischer "correctness", mit kalter stimme runtergeleiert. Es fehlt
jegliche subjektive aussage oder betonung. Sicher, schlickenrieder
und seine helfer im geheimdienst sind die öffentlichen erklärungen
zu den jeweiligen geschichtsabschnitten, um die es im film geht, durchgegangen
und haben, die damals richtigen aussagen rausgezogen; entsprechend
aneinandergereiht und tot klingt alles .
es ging ihnen mit dem film
nicht darum `sympathisantenpositionen´abzudrücken, was als methode
tausendfach bekannt ist, sondern durch seine produktion und vorführung
rauszukriegen, `wer wo steht´.
Durch die haltung 'es ist
nichts falsches drin, es ist alles politisch korrekt´, konnte das
projekt laufen. Das hat das verhältnis zwischen schlickenrieder
und uns bestimmt, gefördert durch die allgemeine verunsicherung,
wie es überhaupt weiter gehen soll, in der ja auch viel geschichtsverfälschung
betrieben wurde, die wir nicht zulassen wollten. Entsprechend unlebendig,
eingeklemmt sind wir in dem film. Von uns würde heute keine/r
mehr so reden wie da.
April 2001 gisela dutzi
Waltraud
Liewald
Ich möchte diesem text
von gisel, den ich inhaltlich richtig finde, noch hinzufügen,
was mir mit dem blick von heute auf die damalige situation und erfahrung
noch wichtig ist: Wir waren nicht opfer einer unausweichlichen situation.
unsere ursprüngliche idee für den film war, daß schlickenrieder
diskussionen und gespräche zwischen uns filmen sollte. Wir wollten
einen film, der nicht nur objektive inhalte transportiert, sondern
uns auch als lebendige personen zeigt. als er das aus technischen
und formalen gründen ablehnte, gaben wir uns damit zufrieden.
in der ersten fassung des films war die repression so dargestellt,
daß sie geeignet war jede und jeden " zu erschlagen". Der film
endete z. b. damit, daß die toten von stammheim, mit dramatischer
musik untermalt, ausführlich gezeigt wurden. auch uns selbst
zeigte der film zeitweise wie götzen, die in die kamera starrten.
wir lehnten diese fassung des films kategorisch ab. Daraufhin änderte
schlickenrieder teile des films nach unseren vorstellungen. trotzdem:
Wir setzten die priorität darauf, daß dieser film überhaupt
zustande kommt anstatt auf seine qualität . es gab gemeinsamkeiten,
aber auch unterschiede unter uns in der vorstellung davon, was der
film von uns und unseren erfahrungen vermitteln sollte. Wir haben
zu unterschiedlichen zeiten in der RAF gekämpft. Später
waren wir sehr lange isoliert. günter kam unmittelbar aus der
isolation. eine klarere bestimmung von unserer seite hätte eine
intensivere diskussion unter uns, auch über unsere erfahrungen,
widersprüche und die subjektive seite des kampfes erfordert.
wir haben sie nicht geführt. ich denke, daß ungenaue gemeinsame
kriterien , unklarheiten und unsicherheiten die eintrittskarte für
den staatsschutz waren.
Waltraud liewald
Monika
Berberich:
Der Schilderung von Gisel
über den Ablauf unserer Kontakte/der Zusammenarbeit mit M.Sch.
und der Einschätzung der damaligen Situation stimme ich zu. In
den Schlussfolgerungen bin ich aber vorsichtiger. M.E. wissen wir
noch zu wenig über Umfang und Art von Sch.s Agententätigkeit,
wer tatsächlich hinter der "gruppe 2" stand, wie die Geheimdienste
gearbeitet haben und wer wofür zuständig war, um mit Bestimmtheit
etwas darüber sagen zu können. Klar ist, dass Sch.s Behauptung,
die "gruppe 2" sei eine Dokumentations- und Archivstelle für
die linke Bewegung, nicht stimmte. Ob und ggf. welches Geheimdienst-Projekt
jedoch hinter diesem Namen steckte, wissen wir nicht. Man kann sich
sicher manches denken, aus früheren Erfahrungen mit Spitzeln
und mit der Arbeit der Staatsschutz-Behörden. Aber die Methoden
und unmittelbaren "Erfolgs-Kriterien" der Geheimdienste ändern
sich natürlich auch. Die Gefahr, mit schnellen Schlussfolgerungen
den Blick dafür zu verstellen, wie welche Behörden hier
tatsächlich vorgegangen sind, ist nicht von der Hand zu weisen.
Wir wissen nicht, wie weit der Staatsschutz zu gehen bereit war, wenn
wir darauf bestanden hätten, eine gemeinsame Diskussion statt
starrer Einzelaussagen zu filmen, weil wir's gar nicht versucht, sondern
Sch.s Einwände gleich akzeptiert haben. Ich denke auch, dass
unser Hauptfehler war, nur darauf zu setzen, dass möglichst schnell
unsere Sicht des Geschichtsablaufs breit zugänglich war (und
der Erfolg des Films hat uns scheinbar Recht gegeben) und überhaupt
nicht nachzuforschen, welches Interesse Sch. mit der Erstellung des
Films verband.
Monika Berberich April 2001
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