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{Gruppe 2 = Spitzeln für den Staatsschutz }
 
   
Gedanken, Reflexionen, Selbstkritik - Text vom Aufbau

 

Gedanken, Reflexionen, Selbstkritik

Die Auseinandersetzung mit der Dialektik zwischen Revolution und Konterrevolution zeigt auf, dass der Klassenfeind nie und nimmer seine politische Macht „freiwillig“, resp. gewaltfrei aus der Hand geben wird. Gegen alle Ansätze des Klassenkampfes, diese zu zerschlagen, zu erobern und für eine kommunistische Gesellschaft einzutreten, wird er sich mit den verschiedensten Mitteln zur Wehr setzen. Daher sollte die Auseinandersetzung mit den Strategien, Taktiken, Strukturen und Akteuren der Konterrevolution ebenso zum Entwicklungs- und Formierungsprozess einer jeden Militanten gehören wie das Verständnis der objektiven Situation und den Fragestellungen, wie darin revolutionäre Politik entwickelt werden kann. In den langen Jahren des politischen Kampfes (seit Ende der 60er Jahre) sind wir den verschiedensten Angriffsformen des Staatsschutzes begegnet. Von der klassischen Repression wie Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, Knast oder Langzeitermittlungsverfahren (weit über 15 Jahre) seitens der Bundesanwaltschaft in Koordination mit ihren europäischen Kollegen bis hin zu vom Staatsschutz inszenierter Medienhetze in der Schweiz wie im Ausland (Italien) oder Verrat. Immer wieder gehörten auch Infiltrationsversuche zur Palette des Klassenfeindes. Das Nachrichtendienstprojekt Gruppe 2 gehört unseres Wissens nach zum ersten, das so lange unaufgedeckt und europaweit existieren konnte.

Einige Beispiele

So konnte ein BGS’ ler (Bundesgrenzschutz) mit seiner Aufforderung, die Zusammenlegungsdiskussion revolutionärer Gefangenen in der BRD mit uns zusammen in der Schweiz zu entwickeln, bereits unter der Türe abgeblockt werden. Gut gelegen kam ihm bei seiner Ankunft hier in Zürich, dass nach den Krefelderkrawallen (Demo gegen NATO Generalbesuch) massenhaft Leute von den Bullen zur Verhaftung ausgeschrieben wurden. Er musste sich aus Deutschland „verziehen“ und wollte angeblich trotzdem aktiv bleiben. Mit dieser Legende konnte er sich zwar in Zürich bei einigen Autonomen und in besetzten Häusern niederlassen. Unsere Abklärungen bei deutschen Angehörigen politischer Gefangener aus der RAF und das wachsende Misstrauen liessen ihn über Nacht die Zelte hier abbrechen. Zusammen mit Genossinnen und Genossen aus dem süddeutschen Raum konnte er wieder aufgespürt und enttarnt werden. Er kam tatsächlich nicht aus dem autonomen Widerstand sondern vom Bundesgrenzschutz! Ein Zusammenarbeitswunsch mit der SUBVERSION erreichte uns aus Holland. Da wollte angeblich ein T’ Kollektiv eine internationale Zeitung auf die Beine stellen. Holland sei weniger der allgemein herrschenden Repression von damals ausgeliefert und von daher ideal für eine Koordination und Herausgabe revolutionärer Texte, Erklärungen. Die Art der Anmache war schwach und hielt einer Abklärung nicht stand. Pikantes Detail: Nach der Enttarnung griff auch die Gruppe 2 die öffentliche Kampagne gegen dieses gescheiterte Staatsschutzprojekt auf. Siehe Beilage zu Lex Hester. Enttarnung als Legende für Agenten des Staates!

Ein weiterer, gleich zu Beginn weg gescheiterter Anmacheversuch war das Angebot, zwischen verschiedenen revolutionären Zeitschriften, Dokus (u.a. SUBVERSION des KGI’ s) und der illegal erscheinenden Zeitung „zusammen kämpfen“ (im Zusammenhang mit der Politik der RAF und dem Frontvorschlag) eine offene Zusammenarbeit herzustellen. Eine offene Verbindung zwischen klandestinen und legalen Strukturen konnte nur entweder durch absolute Naivität oder aber durch Provokation angeboten werden.

Aus dem Ausland reisten noch verschiedene weitere Staatsschutzbullen getarnt als Fotografen, auf der Flucht und/oder auf der Suche nach falschen Papieren oder Waffen oder Waffenersatzteilen an. Über und in der Schweiz liefen tatsächlich viele logistische oder technische Tätigkeiten und Zusammenarbeiten. Dies zog nationale wie internationale Staatsschutzapparate wie die Scheisse Fliegen an! In Zürich versuchte der Alk-Spitzel Willi Schaffner (siehe dazu separate Berichte und Foto) mit Infiltration die 80er Bewegung für die Stadtpolizei Zürich auszuspähen. Und ausgerechnet unser Postfach (SUBVERSION) wollte er benützen, um seine politischen Berichte, Texte etc. von seiner Reise nach Osttimor „heil“ ins Ländle zu bringen! Tja, unser Postfach blieb zwar nicht bullenfrei, aber (soweit uns bekannt ist) nur weil der offizielle Staatsschutz sein Sperberauge darauf richtete. Dem Ex-Staats-schutzspitzel Schaffner und heutigen Bulle beim SIDI (Sicherheitsdienst und zuständig für Lageeinschätzungen bei Demos, Streiks, Besetzungen, usw.) haben wir einigen Raum in dieser Dokumentation eingeräumt (Beitrag von ..., Anhang: Enttarnungsbericht aus der 80er Bewegung, PUK-Bericht).

Als wir nach dem sog. Fichenskandal 1998 in den Fichen über uns, unsere Struktur und Organe (SUBVERSION, Internationale Debatte, Internationale Solidarität) wühlten, fanden wir die Bestätigung eines früheren Verdachtes: bestimmt nicht freiwillig, sondern wohl erpresste Aussagen einer früher nahe stehenden Person. Diese Beispiele liegen alle zeitlich in den 60er, 70er und 80er Jahren. Jahre des revolutionären Aufbruchs, militanter Klassen- und Befreiungskämpfe und weltweiten Erfahrungen des bewaffneten Kampfes. So waren in diesen Jahren die meisten Versuche an technische, logistische oder organisatorische Anfragen, Angebote oder Provokationen gebunden. Die international gemachten Erfahrungen wurden unter den Militanten ausgetauscht, bei Enttarnung zusammengearbeitet und Infos ausgetauscht. Aus den Erfahrung, unabhängig davon wo sie gemacht oder gar international geteilt wurden, konnten durch diesen Austausch Lehren und Konsequenzen gezogen werden. Eine nicht zu unterschätzende Schutzfunktion. Auch bei der jetzigen intensiven Enttarnungsarbeit war die Unterstützung ausländischer Genossinnen und Genossen sehr wichtig und erneut eine sehr gute Erfahrung.

Warum ?

Reflexion, Selbstkritik heisst immer auch, den politischen Kampf und mit ihm der historische Kontext, wie in einem Film ablaufen zu lassen. Politische Krisen, schmerzliche Erfahrungen, Grenzen, Fehler aber auch Errungenschaften, reichhaltige Erfahrungen, .., reihen sich aneinander. Gesichter und Gemeinsames mit gefallenen oder seit Jahrzehnten inhaftierten Genossinnen und Genossen tauchen auf. Dies besonders in dieser Aufdeckungsarbeit, da sie sich über 20 Jahre revolutionärer Geschichte hindurchzieht.
Und gerade darin liegt sicher ein wichtiger Aspekt der Fragestellung warum das Nachrichtendienstprojekt über so lange Zeit an so vielen Orten Westeuropas bestehen konnte.

Anfangs der 80er Jahre war die Krise der revolutionären Linken noch in weiter Ferne. Revolutionäre Theorie und Handeln wurde entwickelt, debattiert, international ausgetauscht. Zu archivieren, filmen, übersetzen, herausgeben gab es eine ganze Menge und wurde von vielen auch gemacht. Es gab viele Agitprop-Strukturen und die Gruppe 2 befand sich am Rande unter vielen. Es ist ein bekanntes Merkmal in der Agententätigkeit, sich möglichst nie zu nahe oder zulange an sog. „Zielpersonen „ oder „Strukturen“ ranzumachen, oder direkte Fragen zu stellen. Solange die revolutionäre Bewegung stark war, war es auch kein Problem, am Rand und doch „dabei“ zu sein. Irgendwann gehört „man“ zum Erscheinungsbild, gehört „man in den Umkreis von ehemaligen politischen Gefangenen, Angehörigenorganisationen, politischen Organisationen, TeilnehmerInnen von internationalen Kongressen und öffentlichen Tagungen, usw. „Man“ gehört in einen gewissen Umkreis in öffentlichen und halböffentlichen Situationen ganz einfach mit dazu. Im In- wie im Ausland. Und da setzt natürlich bereits ein wichtiger Punkt in der Selbstkritik an: warum haben wir, obwohl wir diese möglichen Fallen kennen, nicht richtig gehandelt, sondern es einfach laufen lassen, dieses „man“ nicht wirklich einer eigenen Überprüfung unterzogen. Warum haben wir den Kontext, in dem wir ihn sahen, als sog. Persilschein angenommen? Vertrauen in die erfahrenen Genossinnen und Genossen dieses Kontextes waren sicher berechtigt, doch wie das aktuelle Beispiel zeigt, darf man sich weder darauf verlassen noch sich vor einem konstruktiven Misstrauen scheuen und somit die eigene Kontrolle oberflächlich machen oder bei „Merkwürdigkeiten“ zu schnell zur Tagesordnung übergehen.

Eine Nachlässigkeit, die wir natürlich bereuen. Und: auch wenn wir auf einige Erfahrungen und theoretisches Wissen zurückgreifen können, darf man nicht davon ausgehen, erfahren und geeicht zu sein und somit die Wachsamkeit zurückzuschrauben. Die Erfahrungen mit den Attacken des Bullenapparates dürfen nie zur „Routine“ werden. Es ist wie bei der Aussageverweigerung: trotz positiver Erfahrung erfordert ein Verhör jedesmal von neuem die volle Konzentration. Bestimmt hilft die bereits gemachte Erfahrung, weil man die eigenen Stärken und Schwächen besser kennt, aber es darf nie die Haltung, „das ist kein Problem“ aufkommen. Die Zusammensetzung der verschiedenen Aspekte (subjektives Befinden, politische Notwendigkeiten, unbekannte Strategie der Gegenseite usw.) ist jedesmal wieder anders und zwingt uns zur vollen Konzentration.

„Interessant“ am Nachrichtendienstprojekt und seinem Verlauf ist, dass es von einer historischen Etappe zur nächsten überlappte. Als die internationale revolutionäre Linke in die tiefe Krise fiel, wurde die Aufarbeitung der Geschichte in Verbindung mit der Analyse der aktuellen Situation zu einem zentralen Aspekt kommunistischer Politik. Wohin, ist die Frage nach dem Woher! Zu verstehen was sich objektiv verändert hat und wie sich der revolutionäre Prozess entlang kommunistischer Eckpunkte wie das Stellen der politischen Machtfrage, Rolle und Funktion revolutionärer Gewalt, Organisierungsvorschläge etc.), weiterentwickeln kann und welche Auswirkungen dies für den revolutionären Prozess hat, wurde nicht nur hier in der Schweiz immer wichtiger. Die politische Frage der Kontinuität des revolutionären Prozesses wurde zum zentralen Inhalt in Theorie und Praxis. Fragestellungen, Analyseansätze, Vertiefung von politischen Positionen, Widersprüche, Debatten, Textveröffentlichungen waren angesagt und da es sich nicht um ein „nationales Problem“ handelte, gehörten auch Übersetzungen zur politischen Arbeit. Die offene Propagandaarbeit bekam ein neues Gewicht in der politischen Militanz.

Und genau in dieser Phase des revolutionären Prozesses setzte der Staatsschutzapparat international mit ihrem Projekt Gruppe 2 an: Videofilme über die Geschichte der Brigate Rosse und die revolutionären Klassenkämpfe, Übersetzungen und Veröffentlichungen von Debatten und Positionsbezügen revolutionärer Gefangener (Kontinuität oder politische Lösung) usw., Videofilme über revolutionäre Gefangene und ihre politische Geschichte („Was wären wir für Menschen“ und weitere), Videofilme über Veranstaltungen der revolutionären Linken in der BRD, Übersetzungen und Herausgabe von revolutionären Positionen, Teilnahme an Kongressen und den vorbereitenden Gremien (wie z. B. Weltwirtschaftsgipfel in München 94), Teilnahme an den sich daraus bildenden neuen Strukturen wie z. B. Libertad. In ihr Archiv nahmen sie Nachlassarchive auf. Mit den Videokameras waren sie immer mit dabei wenn politische Gefangene aus der Haft entlassen wurden und draussen freudig erwartet wurden. In Belgien wurde den politischen Gefangenen der CCC Übersetzungen ihrer Texte, insbesondere „La Fleche et la cible“, angeboten und auch teilweise gemacht. Auch in Frankreich liefen ähnliche Versuche. Schwierigkeiten boten sich ihnen dort, weil die französische revolutionäre Linke sehr tief in der Krise steckte.

In der Schweiz stiegen sie aktiv mit einer grossen Übersetzung und Druck von Rapporti Sociali ein. Eine Analyse der sich entwickelnden ökonomischen Krise, die wir als sehr wertvoll und wirklich impulsbringenden Beitrag der italienischen Genossen und Genossinnen einschätzten. Sie nahmen an Veranstaltungen zu den Morden an den politischen Gefangenen der RAF, Ulrike Meinhof, Dockerstreik usw. teil. Und boten uns den Vertrieb unserer Dokus und Zeitungen in Deutschland an. Wie gesagt, in dieser heiklen Phase des Übergangs zwischen Stärke, Krise, Reflexion und aufbauender Anknüpfung der revolutionären Linken in Westeuropa fand das nachrichtendienstliche Projekt seine Nische. In erster Linie und das geht aus den uns vorliegenden Dokumenten klar hervor, waren sie daran interessiert zu erfahren, wer ein Bruchverhältnis zur Aufgabe des Projektes RAF hatte und wer mit welchen Positionen an einer Kontinuität des bewaffneten Kampfes interessiert und in der Lage war, dies auch umzusetzen. Also konkret an der Fragestellung „wie sehen die nächsten Schritte im revolutionären Prozess aus?“ arbeiteten. Diese Analyse und Lageeinschätzung war eine Hauptaufgabe und mit ihr verknüpft eine internationale Zusammenarbeit nachrichtendienstlicher Apparate in ganz Europa (siehe dazu Materialien: Analyse und operative Vorschläge). Interessant dabei sind ihre operativen Vorschläge. Diese genau zu studieren ist bestimmt wichtig, denn es ist das erstemal, dass uns Analyse, Einschätzungen und operative Vorschläge in einem Dokument der Nachrichtendienste in dieser Ausführlichkeit vorliegen.

Im Nachhinein müssen wir festhalten, dass wir uns in dieser heiklen Phase des revolutionären Prozesses unsere ganze Kraft darauf konzentrierten, zu verstehen, was die objektiven und subjektiven Veränderungen für unsere Politik bedeuteten und uns auf den Ausbau der Debatten und deren Propaganda stürzten. Auch hier waren wir unachtsam, denn Spitzel und Agenten waren bis dahin in erster Linie in technisch-logistischen Bereichen an uns herangetreten. Dass die Öffnung von politischen Positionen, Widersprüchen, Fragestellungen und die damit verbundene Suche nach neuen medialen Möglichkeiten zur Achillesverse werden würde, hatten wir vernachlässigt.

Beispiel dafür ist bestimmt die deutsche Ausgabe von Rapporti Sociali: Wir sind weder ÜbersetzerInnen, noch RedakteurInnen, noch DruckerInnen und waren heilfroh, dass uns all diese enorme und sehr aufwendige Arbeit „abgenommen“ wurde und wir uns vermehrt um die Umsetzung in die Praxis kümmern konnten! Wir konnten uns bei Rapporti Sociali auf die Auswahl der zu übersetzenden Texte sowie auf deren politische Kontrolle beschränken, schrieben den einleitenden Text und nutzten die politische Propaganda. Zwar versuchten wir, sie in einen Diskussionsprozess einzubinden, was nur sehr zäh und sehr schwerfällig war, doch letztlich und im nachhinein müssen wir uns selbstkritisch eingestehen, dass trotz Diskussionsversuchen wir ein instrumentalisierendes Verhältnis zu ihnen hatten. Wir waren ganz einfach froh, die deutsche Ausgabe von Rapporti Sociali in unsere politische Arbeit einfach aufnehmen zu können, ohne sie in mühseliger und sehr aufwendiger Arbeit selber herstellen zu müssen (den deutschen Staatsschutz kostete alleine die Übersetzung über DM 10'000.-).

Bestimmt fehlen bei dieser Reflexion und Selbstkritik ganz viele Aspekte. So zum Beispiel das Primat der Praxis. D.h. dass es sehr wichtig ist, dass alle, die sich im Klassenkampf engagieren, auf welcher Ebene und Intensität auch immer, in allen Bereichen der Theorie und Praxis beteiligt sind. Dass Primat der Praxis heisst auch, eine Trennung von Kopf- und Handarbeit möglichst aufzuheben. Und in diesem Verhältnis haben weder Spitzel noch Agenten ein einfaches Spiel. Erstens sind sie an die Normen ihres Staates mehr oder weniger gebunden. Zweitens mögen sie sich noch so schulen (Schlieckenrieder war in der K-Gruppe in den 70er Jahren tätig und somit wohl geschult), aber für die konkrete Umsetzung fehlt ihnen das Bewusstsein. Eine Zusammenarbeit, die sich über Landesgrenzen hinaus zieht, wie sporadisch oder kontinuierlich sie auch sein mag, kann sich diesem Verhältnis von Theorie und Praxis leicht entziehen, resp. gibt es kaum eine reale Möglichkeit, die politische Authentizität einer Struktur wirklich wahrzunehmen.

Die Aufdeckungsarbeit durchläuft verschiedenste Phasen und entsprechend kommen immer wieder neue Aspekte der Reflexion und Selbstkritik zu Tage. Mit der Offenmachung dieser Recherchearbeit beginnt nun eine weitere Phase. So kann ab jetzt offen miteinander ausgetauscht und diskutiert werden. Wir hoffen, dass dabei auch neue, weitere Überlegungen und Erkenntnisse mit dazu kommen.


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