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Buchbesprechungen: Swing Nr. 94, Dez. 1999

'Manche sagen, es ist nur noch Stillstand. Vielleicht hätte Andrea hier gefragt: und was ist dein Anteil daran daß es wieder vorwärts geht?'

Das Buch "Im Dschungel der Städte, in den Bergen Kurdistans" ist dem Leben und Kampf von Andrea Wolf gewidmet und wurde im November 1999 von einer deutsch/kurdischen Redaktionsgruppe veröffentlicht. Andrea Wolf schloß sich Ende 1996 innerhalb der kurdischen Befreiungsbewegung PKK einer kämpfenden Fraueneinheit an. Am 23. Oktober 1998 wurde sie bei
einem Gefecht mit türkischen Spezialeinheiten in Kurdistan gefangengenommen und hingerichtet.

"Hast du das Buch über Andrea schon gelesen?" Manch ein zerknittertes Gesicht als Antwort auf die Frage macht mich nachdenklich. Was verursacht diese Bauchschmerzen?
Ist es das "Leben und Kampf..." ?
Ist es der Argwohn, eine Ikonographie vor sich zu haben, eine Stilisierung, eine Idealisierung? Soll das "im Kampf gefallen" die
letztmögliche und lauterste Konsequenz eines politischen Lebens sein? Ist es die Schwierigkeit, ein Buch über jemand zu lesen, die man kannte? Über eine Zeit, in der man selbst lebte und noch lebt? Aber ist es nicht legitim, einer Freundin zum Angedenken ein Buch zu schreiben, ihre Wünsche, Träume, Hoffnungen und Handlungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, vor allem dann, wenn sie beim Versuch, ihren Hoffnungen näher zu kommen, getötet wurde?

Biographien vermitteln nicht nur ein Bild des Menschen, um den es geht, sondern bieten auch einen subjektiveren Zugang zur Geschichte, einen eigenen Blick auf eine Zeit, die - meistens - schon vergangen ist. Sie zeichnen das Portrait eines Menschen in seiner ganzen Vielfalt, immer im Zusammenhang mit den in dieser Zeit bestehenden gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnissen. Wenn Biographien gut sind, glaubt man die Person fast zu kennen und die Zeit, in der sie lebte, besser zu verstehen. Ich kannte Andrea Wolf nicht persönlich, lebe aber in der Zeit, in der sie auch lebte. Die Zeit ist für mich nicht ferne Vergangenheit, sondern ich sehe mich auch als Teil der im Buch beschriebenen Geschichte. "Im Dschungel der Städte..." ist so etwas wie eine Biographie. So soll nicht nur in "Ausschnitten ihr Leben nachvollziehbar" werden, es soll auch "die Geschichte des Widerstandes in der BRD seit Anfang der 80er Jahre" nachgezeichnet werden, Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe und wird schon allein deshalb viel kritischer gelesen werden, da die meisten, die das Buch lesen werden, sich selbst als Teil dieser Geschichte begreifen. Die Redaktionsgruppen, die von sich selbst sagt, "kein politisch homogener Zusammenhang" zu sein, hat viel und vielfältiges Material zusammengetragen: Augenzeugenberichte über ihren Tod, Liedtexte, Gedichte, Flugblätter, Plakate, Briefwechsel, Zeitungsausschnitte, Erinnerungssplitter, Andreas Tagebuch aus Kurdistan, Nachrufe und Redetexte, die auf Demos anläßlich Andreas Tod gehalten wurden. All das ist zusammengesetzt wie eine Collage und folgt doch einer Chronologie.

Das Buch beginnt und endet mit dem Tod Andreas. Am Anfang berichten Überlebende über die Kämpfe Ende Oktober 1998, bei denen außer Andrea noch 23 andere GuerillakämpferInnen getötet wurden. Am Ende stehen Nachrufe, Gedichte und Redetexte, die an Andrea erinnern. Dazwischen entfaltet sich das Panorama ihrer politischen Biographie und damit - so die Redaktionsgruppe exemplarisch die "Geschichte des Widerstandes in der BRD seit Mitte der 80er Jahre". Widerstand in der BRD gespiegelt in Andreas Leben, das ist: "Freizeit 81" München, von Spitzeln verraten und Knast, Häuserkampf, Infoladen München, Wackersdorf, Startbahn-West Frankfurt, Hafenstraße Hamburg, Antifa-Demos, Golfkrieg, Knast, §129a, Antifaschistisches/antirassistisches Notruftelefon Frankfurt, Weltwirtschaftsgipfel Bonn und München, "Kein Friede", PKK, Internationalismus, Kampf für die Zusammenlegung der politischen Gefangenen, Unterstützung des Hungerstreikes und Besetzung des Grünen-Büros im KBW-Haus Frankfurt,Weiterstadt, der Spitzel Steinmetz und eine Welle der Repression, Illegalität und schließlich Andreas Teilnahme am kurdischen Befreiungskampf.

Da gibt es Kapitel von großer Emotionalität, wie der Brief der Mutter an die tote Tochter. Die Loyalität, die Wärme und das Bewußtsein des Verlusts, die darin zum Ausdruck kommen, haben mich sehr berührt. Das Kapitel "Rhythmus und Kampf", das Andreas Zeit in München beschreibt, voller authentischer Dokumente, Demobeschreibungen, Briefe aus dem Knast, das einen sehr unmittelbaren Eindruck entstehen läßt und eine Zeit voller Bewegung, Wut und Energie wieder lebendig werden läßt. Die Auseinandersetzung mit dem Kampf der politischen Gefangenen, die Briefwechsel, die 'mir unzugänglich bleiben, die Sprache sperrig und wirr, lässt mich den energischen, kraftvollen Stil aus Andreas früheren Dokumenten vermissen. Weiterstadt, Steinmetz, Bad Kleinen, Andreas Untertauchen - nichts Neues, nichts, was nicht schon veröffentlicht wurde. Das Kapitel über Kurdistan mit dem Tagebuch und den Briefwechseln bildet den homogensten und ausführlichsten Teil des Buches. Das Tagebuch schildert drei Monate bei der Guerilla. Heldinnenhaft geht es nicht zu, da ist nichts romantisierendes, Verklärendes. Viel Alltag, auch Langeweile, große Anstrengungen, physische Erschöpfung, Krankheit, Einsamkeit, Beziehungslosigkeit und Sprachprobleme. Ein unvorstellbar hartes Leben. Der Wunsch, in die Bundesrepublik zurückzukehren, taucht immer häufiger auf. "Ich weiß, daß es fürs ganze wichtig ist, daß ich zurückgehe. " Andrea wollte zurückkommen, um das bei der Guerilla Gelernte umzusetzen. Sie wollte sich einsetzen für den Aufbau einer revolutionären Bewegung nach dem Vorbild der PKK.

Der collagenhafte Aufbau des Buches gefällt mir eigentlich gut, stürzt mich aber beim Lesen oft in Verwirrung. Dazu kommt, daß allzu oft nicht klar wird, wer schreibt da gerade eigentlich? Von wem stammen manche der Erinnerungssplitter? Ist das jetzt ein Text der Redaktionsgruppe? Hat Andrea den Abriss über die Geschichte des WAA-Widerstands geschrieben oder wer? Manche Kapitel werden von der Redaktionsgruppe eingeleitet, andere wieder nicht. Das Durcheinander der Schrifttypen trägt noch zusätzlich zu meiner Verwirrung bei. Stellung zu beziehen zu den Thesen des Buches, die mal versteckt, mal sehr deutlich daherkommen, überfordert durch die Vielfalt der Themen. Wahrscheinlich ist, daß die meisten eher selektiv lesen, daß sie sich das rausziehen, was sie am meisten interessiert. Das Buch ist fast zu sperrig, um es von vorn bis hinten durchzulesen. Zuviel soll transportiert werden. Ich fürchte auch, daß LeserInnen, die sich nicht der politischen Szene zugehörig fühlen, oftmals recht ratlos dastehen. Zuviel wird vorausgesetzt. Wo es sich aber an die eigene politische Szene richtet, so sollten eigentlich einige Diskussionen um das Buch herum entstehen. Nicht zuletzt über Andreas Vorstellung, hier eine revolutionäre Bewegung nach dem Vorbild der PKK aufzubauen.

Am Ende des Buches stellt eine einzelne Stimme die Frage:

"War die Zersplitterung der Linken nicht auch einer der Faktoren dafür, daß unsere Genossin dort oben in den Bergen ermordet wurde - neben den Wahrscheinlichkeiten des bewaffneten Kampfes?"


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