Campaign for an international actionday  Free all political prisoners in the world

Archiv: Andrea "Ronahi" Wolf

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brief von andrea w. an die teilnehmerlnnen der veranstaltung

ich melde mich sozusagen aus dem ”off', von fern, weil ich heute gerne bei euch wäre, meinen beitrag zur diskussion leisten und mitüberlegen würde. aber meine reise stand schon so lange fest, daß ich sie nicht mehr verschieben konnte und wollte.

es bleibt ein geschriebener text, -schwarz auf weiß - wo ihr nicht nachfragen könnt, was gerade angesichts der tatsache, daß diejenigen, die steinmetz kannten, nicht von ihren erfahrungen berichten, schade ist. ich hoffe, meine notizen sind diesbezüglich nützlich, obwohl sie von mir alleine verfaßt sind und so lückenhaft bleiben müssen.

wir in der fritze, als wohn- und lebenszusammenhang, sind mit einer repression konfrontiert - festgemacht an dem motorrad von steinmetz, das ich kaufte. zu steinmetz und dem kauf kann nur ich etwas sagen. das ist mein beitrag dazu, nicht individuell zu reagieren, sondern uns als gemeinschaft zu verhalten, auch wenn ich jetzt nicht anwesend bin.

ich kaufte persönlich das motorrad, das ehemals steinmetz gehörte und ich kannte ihn auch persönlich. seit bad kleinen sind nun 1 1 /2 Jahre vergangen,in denen ich mich dazu nicht geäußert habe. meine hauptsächliche schwierigkeit lag darin - mal abgesehen davon, wie es mir ging, daß ja mein kontakt zu steinmetz von der struktur als gruppe, in der ich zu dieser zeit organisiert war, nicht losgelöst stattgefunden hatte, aber wir nicht in der lage, bzw. uneinig waren in der einschätzung unserer subjektiven und politischen entwicklung. ich wollte nicht einfach etwas veröffentlichen, was alle betrifft, weswegen auch das, was jetzt folgt, an der oberfläche bleibt.

in der heutigen rückschau wird vieles schnell zu glatt und begradigt, das müßt ihr berücksichtigen.

ich kaufte im september 1993 das motorrad aus der hinterlassenschaft von steinmetz. ich hatte ein irgendwie geartetes gefühl, mich rächen zu können, da ich ein fitzelchen von dieser sau steinmetz in den fingern hatte. ich meldete das motorrad extra nicht um, sollte sich die versicherung das geld doch bei steinmetz oder dem verfassungsschutz holen. natürlich überkam mich oft ein ekel: an dem moped klebte blut, wolfgang grams war durch steinmetz ermordet und birgit hogefeld ausgeliefert worden. ich setzte mich diesem ekel selbst aus, als ob das die gerechte strafe für meine ”steinmetzsche freundschaft” wäre.

in meinem zustand nach bad kleinen, betroffen, verletzt, beschämt, fassungslos, verstört, dachte ich nur, das war der ”supergau”, etwas schlimmeres kann nicht mehr passieren. es war klar, daß steinmetz den bullen alles liefern wird, was er weiß und meint, zu wissen, und an irgendwelche folgen in puncto motorrad wollte ich nicht glauben, obwohl mich leute warnten.

zusätzlich zu besagtem motorrad bekam ich einen kfz-brief, sowie eine blancounterschrift von steinmetz. im winter 1993/94 stellte ich das moped unter und beim rücktransport im märz 1994 mußte ich es stehen lassen, da eine öldichtung kaputtgegangen und beide reifen voller öl waren. nächstgelegene möglichkeit war eine autobahnraststätte bei weiterstadt. dort wurde das moped nach einer halterabfrage, die angab, daß es auf steinmetz zugelassen war, sofort von den autobahnbullen eingezogen. ich legte kfz-brief, meinen ausweis und notgedrungenerweise einen kaufvertrag (datiert auf mai 93, also vor bad kleinen ) vor, um das motorad wiederzukriegen. außerdem wollte ich mit der bezugnahme auf das motorrad jede wilde konstruktion der bullen gleich mal eindämmen.

die autobahnbullen kopierten alles, gaben mir das moped aber immer noch nicht heraus. mir wurde später vom lka telefonisch (!) eröffnet, daß das moped beschlagnahmt worden wäre, weil ein bauähnliches bei banküberfällen im bereich bergstraße verwendet worden sei, und weil die eigentumsverhältnisse nicht geklärt seien. sie wollten erst steinmetz dazu vernehmen.

am 10. mai 1994 wurde unser haus, die fritzlarerstraße, in frankfurt durchsucht. vorwand war das auffinden des originals unseres kaufvertrages, da gegen mich ein verfahren wegen urkundenfälschung eingeleitet worden sei. dazu stürmten über 50 lka-und sonstige staatsschutzbullen das haus, riegelten die straße ab und besetzten das rückwärtige gelände. kaufvertrag, kfz-brief, mopedschlüssel und zwei motorradkoffer wurden beschlagnahmt. meine anwältin bekam akteneinsicht. steinmetz, der plötzlich doch nicht verschwunden, sondern schnell und extra nur wegen dem moped vor den bundesgerichshof geladen werden konnte, sagte am 14.4.94 aus, er habe mir das moped zwar nicht verkauft, aber stellte auch keine besitzansprüche.

später wurde das verfahren wegen urkundenfälschung ohne angaben von gründen eingestellt. das moped wurde erneut beschlagnahmt, diesmal vom bgh. angeblich würde es in einem ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen herbeiführung einer sprengstoffexplosion (weiterstadt) und mitgliedschaft in einer terroristischen vereinigung (raf) eine rolle spielen. dieses verfahren lief ja ursprünglich gegen steinmetz, wurde aber eingestellt und dadurch, daß es gegen unbekannt weitergeführt wird, können massig leute und seis nur als zeugInnen belangt werden. im rahmen des gleichen verfahrens war bereits im februar 94 in wiesbaden das auto von steinmetz von der straße weg abgeschleppt umd beschlagnahmt worden. auch hier ist davon auszugehen, daß die bullen die ganze zeit wußten, wo das auto war. trotzdem tauchten kurze zeit später auto und motorrad als großer fahndungserfolg in der presse auf.

soweit der konkrete ablauf. auf die erste folgte die zweite durchsuchung, auf die zweite die direkt anschließenden vorladungen und so wird es auch warscheinlich erstmal weitergehen. dazu wurde oder wird heute abend ja noch genügend gesagt.

mein kontakt zu steinmetz war folgendermaßen:

ich lernte steinmetz im april 92 durch einen zufall kennen. er wurde uns - dem politischen zusammenhang, dem ich damals angehörte - im rahmen der anti-wwg-mobilisierung als computer-spezialist empfohlen und wir benötigten hilfe für die erstellung des anti-wwg-infos. außerdem waren wir froh über jede konkrete mitarbeit in der mobilisierung, die bis zum schluß nicht gerade massenhaft war. steinmetz wurde uns von langjährigen genossInnen vermittelt und er wohnte auch mit welchen zusammen, die ich kannte. das soll mich meiner pflicht, nachzufragen, wenn ich jemanden neues kennenlerne, nicht entheben, und ich will das auch nicht an andere delegieren, aber durch diese umstände gab ich steinmetz einen erheblichen vertrauensvorschuß. hinzu kam die politische umbruchsituation, in der ich eigentlich unverantwortliche schritte und verhaltensweisen von steinmetz der gesamten neuen entwicklung zuschob, die wichtige kriterien über den haufen geworfen hatte. letztlich war dieser niedergang und die zersetzung des militanten prozesses das, was steinmetz erst möglich machte.

entgegen der ”abwicklung” sah ich meine verantwortung darin, diesem einschnitt eine andere richtung zu geben. eine zäsur, eine setzung aktueller koordinaten für den revolutionären kampf, sah ich als notwendig an, aber nicht SO, wie sie gemacht wurde, nicht gegen das bisher erkämpfte.

insgesamt hatte ich mit steinmetz 11 monate zu tun, dazwischen war ich drei monate auf reisen. ich ”verstand” mich gut mit steinmetz, verstehen in anführungszeichen, weil mir mein selbstbetrug daran erst viel später aufging. nach bad kleinen wurde mir klar, daß steinmetz um nicht aufzufliegen und um diesen job überhaupt machen zu können, eine absolute schizoidität entwickelt haben mußte. zehn jahre linksradikales leben, dessen freiräume steinmetz bestimmt zu pass kamen, und seine ebenso lange zusammenarbeit mit dem verfassungsschutz kann nur eine durch und durch korrupte kreatur aushalten, die eine sehr trainierte schnüffelnase für probleme, widersprüche, unstimmigkeiten und bedürfnisse anderer hat, schließlich bewegt sie sich genau auf und mit diesen. so lieferte steinmetz jeder die entsprechung dessen, was er bei seinem gegenüber als bedürfnis entzifferte. für mich war das an erster stelle, den vorrang von politik vor leben aufzuheben. dies verhältnis war mir und uns - der gruppe, in der ich organisert war - im hungerstreik 1989, dem zerfallsprozeß rundherum und danach, aus dem gleichgewicht geraten. wir hatten eine haltung eingenommen ”zähne zusammen und durch”, um von der zersetzung der bewegung nicht mitgezogen zu werden, um weiter zu bestehen. die rangehensweise, politisch vor persönlich, objektiv vor subjektiv, notwendigkeit vor wünschen zu setzen, womit wir versuchten, uns trotz der isolation von anderen, wenn vielleicht auch nur einzelnen, zu behaupten, wollte ich durchbrechen. sicher, alle militanten aus dem prozeß der 80er jahre hatten in dem politischen zusammenbruch individuelle überlebensstrategien entwickelt, die aber die einzelnen im grunde genommen alleine ließen. steinmetz gab vor, daß es auch sein interesse sei, einen anderen umgang damit zu finden und vor allem auch politisch zu organisieren. er setzte genau da an, wo mir diese veränderung am herzen lag, ich mich mit den anderen aber nicht darüber verständigen konnte und keine ahnung hatte, wie die auflösung aussehen könnte. ich wußte nur, in das gängige ”es war alles so hart und jetzt endlich leben” wollte ich nicht einstimmen. die ganzen jahre, die ich in unterschiedlichen widerstandsprozessen aktiv war, bedeuten mir alles. ich kann meine eigene entwicklung und zukunft gar nicht davon trennen.

außerdem spielte steinmetz die rolle eines mannes, dem die gemeinsame reproduktionsarbeit wichtig ist, der sie nicht nur an frauen delegiert, sondern sich darum selbst kümmert und auch für andere mitdenkt.

das sind jetzt nur einige aspekte, aber es ist mir wichtiger, überhaupt was zu sagen, als bis zur vollständigkeit zu schweigen. ich behaupte, daß steinmetz nicht besonders gut, sondern wir besonders schlecht waren. so hatte ich z.b. viele fragen an ihn: sein opportunismus, oder daß er viel mit informationen über andere um sich schmiß, oder sein verhältnis zu frauen, wo durchschien, daß er sich eigentlich als ihr ”retter/ritter=macker” begreift. dies, um nur einige fragen zu benennen. es waren fragen aus seiner ”persönlichen” und damit auch revolutionären identität. an ”bulle” hatte in diesem zusammenhang niemand gedacht. seine ausflüchte in diesen auseinandersetzungen schob ich wiederum auf die neue politik, in der solche fragen anscheinend nicht mehr auftauchten. meine fragen an steinmetz bleiben einfach im raum stehen.

ich stoppte genossen, die ihn ins ”kreuzfeuer” nehmen, weil ich aus eigener erfahrung weiß, daß so eine situation nur selten produktiv wirkt, daß jede ihre zeit und auch unterstützung braucht, um sich selbst entwickeln zu können. das war meine motivation, auch wenn ich das im verhältnis zu steinmetz heute bereue. als ich zwei tage nach bad kleinen in der taz las, daß birgit hogefeld einen anwalt für einen klaus aus wiesbaden verlangte, stand für mich fest, daß steinmetz derjenige klaus und bulle ist. DAS war die Antworf auf das verhalten von steinmetz und auf die offenen fragen und das war vor allem die erklärung für sein verhalten bei unserem letzten treffen, sechs tage vor bad kleinen. dabei behandelte er mich wie ein stück scheiße. es stand für mich fest, daß ich mir das nicht gefallen lasse. ich konnte es aber in dem moment nicht mehr ansprechen, weil steinmetz völlig abgenervt und hektisch war. in diesen minuten absoluten stresses, denn ich gehe davon aus, daß sein auftritt in bad kleinen längst feststand, zeigte er sein wahres gesicht. entgegen anderen erklärungen - ”steinmetz konnte wirklich abhauen, oder er ist verhaftet und wird in incommunicado-haft gehalten” - hatte ich beim lesen des artikels sofort die grausame gewißheit, daß er ein bulle ist.

steinmetz war kein schicksal und unterwanderung ist nicht unumgänglich, das sage ich auch gerade aus meiner erfahrung mit ihm. notwendig ist allerdings eine andere genauigkeit, und zwar gleichberechtigt in allen bereichen, seis in theoretischen, praktischen, aber vor allem auch subjektiven auseinandersetzungen. nur so kann die spur aufgenommen werden, nachdem was revolutionäre identität ist. es ist in unseren vergangenen kämpfen noch viel zu nebensächlich daran gearbeitet und sie freigelegt worden. ich sage das nicht nur als schutzfunktion gegen spitzel, sondern wir brauchen das auch, um jetzt schon etwas davon umzusetzen und zu erleben, wofür wir kämpfen.

meinen zusammenbruch nach bad kleinen, die verunsicherung bis in den letzten winkel, hielt ich zu anfang mit recherchen auf. ich und wir waren überzeugt, daß sofort offensiv mit der tatsache ”v-mann” gearbeitet werden muß. dahinein steckte und bezog ich alle energie, die mich aufrecht hielt, war es doch die einzige möglichkeit dem ganzen etwas entgegenzusetzen. aber wir liefen mit unserer arbeit ins leere und ich in ein völliges loch. ich fühlte mich in einer absoluten ausnahme- und extremsituation und konnte nicht verstehen, warum es für andere, die steinmetz sehr viel besser gekannt hatten, scheinbar nicht so war. das schweigen vieler, die mit ihm zusammengewesen waren, zusammengearbeitet hatten, war wie eine wand, an der alles abprallte, a1s ob alles so weitergehen könnte. das schaffte, so denke ich, für alle beteiligten ein grauenvolles NlCHTS, in dem jede sich selbst überlassen blieb. dazu kam, daß ich in einer frauenspezifischen art und weise reagierte: mir meine schuld nicht verzeihen konnte. der verinnerlichte sexismus ist die unterdrückung, der ich mich selbst aussetze, indem ich die rolle einnehme, als paßstück auf die gesellschaftliche akzeptanz der unterdrückung aufgrund unseres geschlechts. dieser mechanismus brach in der notsituation voll durch und konfrontierte mich mit einem selbstwertgefühl, das gleich null war. mich zu martern und meine fehler gegen mich zu drehen, mich selbst zu zerstören (ich aß fast nicht, schlief nicht, hing ständig vor den tv-nachrichten), setzte diesem empfinden immer wieder eins drauf. so wurden meine selbstvorwürfe überdimensional: wenn ich genauer gewesen wäre, hätte ich bad kleinen verhindert, was natürlich quatsch ist, denn die leute, die nach bad kleinen steinmetz wochenlang deckten, hätten es auch davor getan, und von mir, selbst wenn ich darauf gekommen wäre, sich bestimmt nichts sagen lassen.

ich habe mich mühsam und alleine, aber mit hilfe einiger genossInnen durch diesen morast gewühlt, der der schrecklichste abschnitt meines lebens ist. trotz aller fehler und der scheinbar ausweglosen situation habe ich neuen mut gefaßt. mittlerweile weiß ich, daß ich mit 26 anderen auf einer liste stehe, die steinmetz erstellt hat. alle genannten leute seien an einer diskussion und an kontakten zur raf interessiert oder kämen dafür in frage. ich bin mir im klaren, was diese drohung sagen soll: stillhalten, dann passiert nichts. ich werde einen teufel tun!

mut zu kämpfen, mut zu siegen!

andrea w.,14.12.94


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