| Staatsschutz
wittert Terror im Netz
Harald Neuber
17.10.2001
Räume der Solidaritätsinitiative "Libertad!"
in Frankfurt am Main wegen der Onlinedemo gegen die Lufthansa vor
vier Monaten durchsucht
Rund vier Monate
nach der ersten virtuellen Demonstration in Deutschland kam heute
Morgen die Antwort des Staatsapparates ( Kein digitaler Sturzflug
des Kranich?). Einheiten des Staatsschutzes brachen die Räume
der Solidaritätsinitiative "Libertad!" (Freiheit)
in Frankfurt am Main auf und durchsuchten die Büroräume
im dortigen Dritte-Welt-Haus. Zeitweise war auch die Arbeit von
dort ansässigen Organisationen wie amnesty international behindert.
Zeitgleich stand die Wohngemeinschaft des Betreibers der Domains
libertad.de und sooderso.de im Visier der Kriminalpolizei. Beschlagnahmt
wurden Computer, Festplatten und CDs.
Die Gruppe "Libertad!"
hatte am 20. Juni zusammen mit dem Netzwerk kein mensch ist illegal
die Aktion Deportation Class durchgeführt. Dabei wurde die
Internetseite der Lufthansa durch massenhafte Anfragen zeitweise
blockiert. Pro Jahr werden aus Deutschland etwa 40000 Menschen nach
Ablehnung ihres Asylantrages abgeschoben. Die Flüge werden
von kommerziellen Fluglinien durchgeführt, die an der Sache
verdienen, da nicht nur das Ticket des Abzuschiebenden, sondern
auch die Flüge von in der Regeln zwei Beamten werden bezahlt
werden. Das Geschäft geriet in den vergangenen Jahren aber
zunehmend in die Kritik von Abschiebegegnern, die das Image der
Konzerne anzugreifen versuchen. Dazu trugen auch Fälle wie
der des Sudanesen Amir Ageeb bei. Der Mann kam am 28. Mai 1999 unter
dubiosen Umständen und laut Zeugenaussagen nach Misshandlungen
der Bundesgrenzschutz-Beamten während einer Abschiebung zu
Tode.
Tatsächlich
zeigten die Aktionen gegen die Fluglinien Früchte. Die Pilotenvereinigung
Cockpit riet ihren Mitgliedern Mitte dieses Jahres die Mitnahme
von Personen zu verweigern, die gefesselt sind oder sich deutlich
gegen einen Transport zur Wehr setzen. Auch die Gewerkschaft Öffentlicher
Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) rief ihre im Aufsichtsrat
der Lufthansa sitzenden Mitglieder auf, sich gegen das schmutzige
Geschäft einzusetzen.
Entgegen anders
lautender Ankündigungen sind die Abschiebungen auch nach der
Kritik weitergeführt worden. Im Zentrum des Geschehens stand
der Frankfurter Rhein-Main- Flughafen, an dem zahlreiche Proteste
organisiert wurden. So auch am 20. Juni dieses Jahres. An diesem
Tag fand in Köln die Aktionärsversammlung der Lufthansa
statt. Zeitgleich organisierten Flüchtlingsgruppen Proteste
vor der Versammlung, am Flughafen - und erstmals eben auch im Netz.
"Der Organisator Sven Meier erklärte dazu: "Das Internet
ist ein öffentlicher Raum, hier muss es möglich sein,
soziale Konflikte auszutragen".
Weil der Lufthansa
entgegen erster Stellungnahmen durch die Aktion anscheinend doch
wirtschaftlicher Schaden zugefügt worden ist, liegt gegen die
Verantwortlichen nun aber ein Strafbefehl wegen Nötigung vor.
Der Aufruf zur Beteiligung an der Aktion ist laut örtlicher
Polizei als "Aufruf zur Straftat" zu werten. Unklar ist
bislang, ob alle 150 Organisationen, von denen die Aktion unterstützt
wurde, haftbar gemacht werden. Laut Durchsuchungsbeschluss des örtlichen
Amtsgerichtes beteiligten sich über 13.000 Menschen an der
Aktion, die Seite wurde insgesamt 1,2 Millionen Mal angewählt
und so zeitweise blockiert.
Anne Morell,
von der die Demonstration nach eigenen Angaben "ordnungsgemäß
am 10. Mai 2001 angemeldet" wurde, protestierte gegen die Durchsuchungen.
Sie seien ein "Eingriff in die Demonstrationsfreiheit".,
bei dem über 13.000 Menschen pauschal kriminalisiert würden.
Auch Morell verteidigt die Aktion mit dem Hinweis, dass es sich
bei dem Internet um einen öffentlichen Raum handele. In ihm
führe das kritisierte Unternehmen schließlich Geschäfte
durch, während es an Abschiebungen verdiene. Ob sie damit recht
behält, wird maßgeblich über die Freiheit des Internet
entscheiden.
Durch die Beschlagnahme
der Computer ist die Arbeit der seit 1993 bestehenden Initiative
Libertad stark beeinträchtigt. Trotzdem geben sich die Mitarbeiter
nicht geschlagen. "Wir haben die für Online-Demonstrationen
nötige Software auf unsere Internetseite gestellt", hieß
es in Frankfurt am Mittwoch. Man hoffe, dass der eProtest im Zeitalter
von eCommerz Schule macht. Alle Demokraten und Abschiebegegner seien
aufgefordert "gegen diese kleingeistige Polizeistaatsmentalität"
zu protestieren.
Schon kurz nach
der Aktion waren die Organisatoren ins Visier des Verfassungsschutzes
geraten. Dessen Chef, Heinz Fromm, warnte nach der Online-Demo in
einem Interview mit der konservativen "Welt am Sonntag"
im Hinblick auf das Internet vor der "die Gefahr von Wirtschaftsagenten
aus dem Osten, Islamisten sowie linken und rechten Extremisten".
Der unter Innenminister Otto Schily ins Amt berufene Mann legte
nicht gerade Sachkenntnis zu Tage, als er das "massenhafte
Einsenden von Emails" am 20. Juni im Interview als Beispiel
angab. Von Aktionen gegen "kein mensch ist illegal" war
am Mittwoch zunächst nichts bekannt.
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