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Libertad!-Flugblatt, April 2005
Angeklagt:
die Online-Demo gegen das Lufthansa-Abschiebegeschäft
Prozesstermin: 14. Juni 2005, 9.00h
Amtsgericht Frankfurt/Main Gebäude E, OG II, Raum
24
Wenn Konzerne, die mit Abschiebungen Geld verdienen,
ihre größten Filialen im Netz aufbauen, dann
muss man auch genau dort demonstrieren. (Aus einem
Aufruf zur Online-Demo am 20. Juni 2001 gegen die Lufthansa)
Am
28. Mai 1999 sollte der Sudanese Amir Ageeb abgeschoben
werden. Beim Abflug der Lufthansamaschine lh-558 wurde
er - mit elf Kabelbindern gefesselt, mit Motorradhelm
auf dem Kopf - von drei BGS-Beamten zu Boden gedrückt
und gleichermaßen erdrückt und erstickt.
Das war der Auslöser für die deportation.class-Kampagne
der Initiative Kein Mensch ist illegal.
Seitdem stand die Deutsche Lufthansa AG wegen ihres
Geschäfts mit Abschiebungen massiv in der Kritik.
Vor Flugschaltern und Reisebüros oder auf der jährlichen
Aktionärsversammlung protestierten antirassistische
Gruppen gegen das "deportation-business" der
Fluggesellschaft. Im März 2001 starteten Kein
Mensch ist illegal und Libertad! eine Mobilisierung
zu einer Online-Demo und weiteten damit die Proteste
ins Internet aus.
Unterstützt und zur Aktion aufgerufen wurde international
von rund 250 Gruppen und Einzelpersonen aus den Bereichen
der Menschenrechtsarbeit, der Asylpolitik, von Gewerkschaften
und NGOs. Dem ersten Aufruf zur Online-Demo folgte ein
regelrechter Medien-Hype. Das öffentliche Interesse
an dieser für Deutschland neuen Aktionsform war
riesengroß. Am 20. Juni 2001, dem Tag der Hauptversammlung
der Lufthansa AG in Köln, war es dann soweit: Über
13.000 Personen beteiligten sich laut Anklageschrift
der Staatsanwaltschaft an der Demonstration. Viele nutzten
die Online-Protest-Software, die eigens für diesen
Zweck programmiert wurde und mit deren Hilfe permanent
Anfragen an die Datenbanken der Buchungsserver der Lufthansa
gestellt werden konnten. Das brachte den digitalen Kranich
ins Wanken und die Seite war zwei Stunden lang nur noch
schwer zu erreichen, zeitweise sogar ganz lahmgelegt.
Nötigung und Aufforderung zur
Nötigung war das aus Sicht der Frankfurter
Staatsanwaltschaft, die auf eine Anzeige der Lufthansa
AG hin am 17.10.2001 eine Razzia bei Libertad! durchführen
ließ. Insgesamt zehn Computer und weitere Datenträger
wurden damals beschlagnahmt. Erst im März 2005
- parallel zur Zulassung der Anklage - verfügte
die Staatsanwaltschaft die Herausgabe aller Rechner,
allerdings mit ausgebauter Festplatte.
Im Oktober 2004 wurden die drei Bundesgrenzschutzbeamten,
die Amir Ageeb erstickten, wegen Körperverletzung
mit Todesfolge zu neun Monaten Haft auf Bewährung
und Zahlung von je 2.000 € an Ageebs Familie verurteilt.
Mehr Konsequenzen hatte der staatlich verschuldete Tod
eines Flüchtlings nicht. Weder für das Innenministerium,
noch für die Spitze des Bundesgrenzschutzes.
Abschotten und abschieben.
Nichts hat sich wirklich verändert in diesem Land.
Täglich werden Menschen mit Gewalt in ein anderes
Land verfrachtet, weil sie staatlicherseits unerwünscht
sind. Allein im Jahre 2004 wurden 21.970 Abschiebungen
so die offizielle Zahl - auf dem Luftweg durchgeführt.
Bundesweit bekannt wurde im Februar 2005 die verhinderte
Abschiebung von Zahra Kameli, der im Iran staatliche
Verfolgung wegen "Ehebruchs" drohte. Eine
Vielzahl von Protesten und Demonstrationen und die Weigerung
des verantwortlichen Lufthansa-Piloten die Frau mitzunehmen,
konnten ein Bleiberecht für Zahra Kameli durchsetzen.
Während also Fluggesellschaften wie die Lufthansa
nach wie vor am deportation-business verdienen,
andere Fluggesellschaften wie die rumänische Tarom
aufgrund der deportation.class-Kampagne ausgestiegen
sind, sind neue Fluggesellschaften wie der Ferienflieger
LTU hinzugekommen. So wurden und werden Flugzeuge der
LTU komplett für Sammelab
schiebungen aus Deutschland gechartert.
Von der EU organisierte und finanzierte Massenabschiebungen
auf der einen Seite, eine stetig sinkende Zahl an Flüchtlingen,
die überhaupt noch die europäischen Grenzen
überwinden, auf der anderen Seite. Die Festung
Europa ist Realität. Ihre Vorwärtsverteidigung
beginnt heute in Nordafrika und Osteuropa. Überall
um die EU herum werden Flüchtlingslager aufgebaut,
mit dem einzigen Ziel, Flüchtlinge abzuschrecken
und an der Einreise nach Europa zu hindern.
Dem anstehenden Prozess kommt eine grundsätzliche
Bedeutung zu. Zum ersten Mal wird in Deutschland versucht,
virtuelle Demos, Blockaden, Go-Ins und andere Demonstrationsformen
im Internet abzuurteilen. Vergleichbar wäre die
juristische Bedeutung mit den Urteilen um die "Mutlangen-Proteste"
aus den 80er Jahren, als Sit-Ins vor Kasernen kriminalisiert
wurden. Auch da war "Nötigung" der Hebel,
also nicht der "Schaden", sondern die Absicht,
mit der gemeinsamen Aktivität auch etwas erreichen
zu wollen. Analog dazu will die politische Justiz auch
für das Internet eine entsprechende Handhabe gegen
zukünftige Online-Demonstrationen und ähnliche
Aktivitäten im Internet haben.
In politischen Verfahren richtet sich die Anklage oft
gegen Einzelne. Sie werden stellvertretend für
eine Organisierung oder eine Aktion angeklagt. So auch
hier: Angeklagt wird einer unserer Aktivisten - im konkreten
Fall: der Anmelder der Internet-Domains www.libertad.de
und www.sooderso.de - doch gemeint ist Libertad!, und
letztendlich alle, die mit ihrem Engagement zum Gelingen
der Online-Demo beigetragen haben.
An alle, die mit zur Online-Demo aufgerufen haben,
die sich solidarisch erklärten, die mit ihrem Mausklick
ihr Veto gegen das Lufthansa-Abschiebegeschäft
eingelegt haben und die auch heute nicht mit der europäischen
Abschottungs- und Abschiebepraxis einverstanden sind.
Und an alle, die auch im Internet einen Raum für
notwendigen Protest sehen, gegen staatliche Überwachung
eintreten und das Demonstrationsrecht online und offline
verteidigen:
Seid solidarisch! Auf der Strasse, in der Öffentlichkeit
und auch im Gerichtssaal.
Erhebt Einspruch dagegen, Protest und Widerstand gegen
rassistische Flüchtlingspolitik als Straftat zu
entsorgen!
Protestiert gegen den Versuch, das Demonstrations- und
Widerstandsrecht aus dem öffentlichen Raum Internet
zu verbannen!
14. Juni 2005 der Tag des Prozesses
- Aktionstag in Frankfurt/Main
Kundgebung vorm Amtsgericht Frankfurt
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Schreibt Faxe an das Landgericht,
Richterin Wild: 069 - 1367-6207 und
an die Staatsanwaltschaft: 069-1367-2100 oder 069-1367-2967,
oder per email
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