junge
Welt vom 27.10.2001
Feuilleton
Internet-Demo: Das Netz im Visier der Schlapphüte?
junge Welt sprach
mit Andreas-Thomas Vogel, Aktivist der Initiative »Libertad!«,
die sich für die Freiheit politischer Gefangener einsetzt und
im Juni diesen Jahres zu einer Online-Demo gegen die Lufthansa aufgerufen
hatte
Interview: Thomas
Klein
F: Die während der Lufthansa-Aktionärshauptversammlung
stattgefundene Online-Demo gegen Abschiebungen hat nun ein juristisches
Nachspiel: Im Dritte-Welt-Haus in Frankfurt, wo »Libertad!«
ein Büro unterhält, wurden Computer und Materialien beschlagnahmt.
Warum wird gegen Sie ermittelt?
Aufgrund einer
Anzeige der Lufthansa AG wurde gegen mich ein Verfahren wegen Nötigung
und Aufruf zur selben eingeleitet. Die Internetdomains von Libertad!
libertad.de und sooderso.de sind auf meinen Namen
eingetragen.
Dort wurde der
Aufruf zur Online-Demo ebenso veröffentlicht wie in zehntausendfacher
Auflage auf Papier. Es ist ja kein Geheimnis, daß Libertad!
gemeinsam mit »kein mensch ist illegal« und später
Hunderten von Unterstützern zu dieser virtuellen Protestaktion
aufrief. Das stand auf jedem Flugblatt und jedem Plakat. Das soll
jetzt personalisiert werden.
F: Was hat
die Polizei mitgenommen?
Sowohl bei mir
zu Hause wie auch im Libertad!-Büro wurden sämtliche Rechner
und alle Speichermedien jeder Art (Festplatten, Disketten, CDs etc.)
beschlagnahmt. Unsere Technik ist erst mal weg, so daß wir
unsere Zeitung So oder So nicht mehr machen können.
F: Ihre Einschätzung
zum jetzigen Vorgehen Abschreckung vor vergleichbaren Aktionen?
Das Mittel einer
Protestaktion im Internet war in Deutschland neu. Es wurde im allgemeinen
sehr positiv aufgenommen, und es haben sich, trotz ungünstigem
Termin, 10 Uhr morgens mitten in der Woche, über 10000 Menschen
daran beteiligt. Erfolgreich war dieser digitale Protest schon,
denn massenhaft wurde die Kritik an dem Lufthansa-Geschäft
mit der Abschiebung thematisiert. Das und die Online-Demo beherrschte
die Berichterstattung über die Aktionärsversammlung am
20. Juni. Seit langem formulieren die Behörden, daß sie
das Internet »in Griff kriegen« wollen. Das Bundesjustizministerium
und der Verfassungsschutz hatten schon im Juni nach strafprozessualem
Vorgehen gerufen, damit die Online-Demo nicht Schule macht.
F: Gab es
nun Unterstützung von anderen Gruppen?
Wir haben sehr
viele Solidaritätsbekundungen bekommen. Das Vorgehen gegen
uns wird als Angriff auf die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit
im Internet verstanden. Aus dem Kreis derjenigen, die vor dem 20.
Juni erklärten »Wir machen mit«, wurde z. B. ein
Protestaufruf verfaßt.
F: Welche
nächsten Schritte sind von Ihrer Seite geplant?
Wir stellen
uns auf eine langwierige Auseinandersetzung ein. Das Verfahren wird
grundsätzlichen und beispielhaften Charakter haben. Wir werden
das durchfechten. Natürlich versuchen wir jetzt zuerst, die
beschlagnahmten Geräte und Materialien wiederzubekommen usw.
Entscheidend ist, ob in der Öffentlichkeit dieses staatliche
Vorgehen verstanden und kritisiert wird.
Denn die Staatsschützer sitzen schon in den Startlöchern,
um das Verfahren auszuweiten auf andere Aktivisten.
Weitere Infos
im Internet unter: www.libertad.de
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Adresse: http://www.jungewelt.de/2001/10-27/015.php
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