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welt, 23.10.01
Low-Tech
statt High-Tech
Die Make-World-Conference in München diskutierte über
Internet und Globalisierung
»Border ø, Location = Yes«. Unter diesem Motto
fand vom vergangenen Donnerstag bis Sonntag in München eine
Konferenz zum Thema: Globalisierung statt. Das Neue daran: Globalisierung
als Chance, von unten, von Menschen, kleinen Netzwerken, die sich
dem offiziell determinierten Rahmen aus Geldwirtschaft, Ausbeutung
und Spaltung der Welt widersetzen. Die über 100 Teilnehmer
symbolisierten schon allein durch ihre Anwesenheit, was gemeint
ist: Sie kamen aus den USA, Lateinamerika, Afrika, Asien, Europa
- überall her. Sie sind politisch Aktive, Künstler, Wissenschaftler,
Computerspezialisten, die in der Regel mit Netzwerken arbeiten.
Die wichtigste Waffe: das Internet.
Assoziationen
dazu sind vielfältig. Internet als Medium für unabhängigen
Informationsaustausch, als Ort, in dem die klassische Sender-Empfänger-Beziehung
aufgehoben wird. Internet als Forum für Kunst, als Mittel der
Zerstörung einer lenkbaren und beherrschbaren Kommunikation.
Neue Inhalte verlangen neue Formen.
Das Internet
avanciert zum »öffentlichen Raum«. »Das Leben
in den Städten wird teurer. Armut nimmt zu. Sich physisch zu
treffen verkommt zum Luxus. Vor diesem Hintergrund ist Kommunikation
via Internet keine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit«,
so der Amsterdamer Medienwissenschaftler Geert Lovink.
Dies verschiebt
den Betrachtungswinkel auf das Netz. So haben »alternative«
Info-Netzwerke, von denen eine ganze Reihe in München vorgestellt
wurden (Beispiel www.indymedia.org) unbestreitbar ebenso ihre Daseinsberechtigung
wie Internet-Piraten, die den spielerischen Umgang mit Logos und/oder
urheberrechtlich geschützten Werken pflegen.
Für großes
Aufsehen sorgten in diesem Jahr Netzaktivitäten wie die pünktlich
zur Jahreshauptversammlung der Lufthansa im Juni stattgefundene
Demonstration gegen die Beteiligung der Fluggesellschaft an Abschiebungen.
Wie wirkungsvoll hier Treffer gelandet werden können, bewies
nicht zuletzt die Beschlagnahme von Computern der beteiligten Initiative
»Libertad!« am vergangenen Mittwoch (jW berichtete).
Die Überwachung auch innerhalb des Netzes, nimmt zu, nicht
zuletzt in Deutschland.
Parallel dazu
rückt der Aufbau kostenloser, einfach zu bedienender Programme
ins Blickfeld. Ziel: Dem Internet gegenüber von Megakonzernen
à la Microsoft & Co ein gewisses Maß an Unabhängigkeit
zu bewahren, Grenzen zwischen Wissen und Nichtwissen durchlässiger
zu machen. Low-Tech statt High-Tech heißt das Zauberwort.
Shuddhabrata Sengupta aus New Delhi, der bei der Gruppe »Sarai«
mitarbeitet, berichtete beispielsweise von Versuchen, Programmiersprachen
mit hinduistischen Begriffen zu verbinden, um so größeren
Bevölkerungsschichten den Umgang mit IT zu ermöglichen.
Reinhold Grether wartet das Verzeichnis www.netzwissenschaft.de,
welches mittlerweile über 7000 Links zu wissenschaftlichen
Veröffentlichungen bietet, um elitäre, von der öffentlichen
Rezeption losgelöste Forschungsergebnisse zugänglich zu
machen. Die Amsterdamer Autorin Eveline Lubbers warb für besseren
Austausch zwischen technischen Spezialisten und politisch Aktiven.
In diesem Sinne waren sich die Kongreßteilnehmer nach vier
Tagen konstruktiven Dialog weitgehend einig.
* Weitere Infos
unter http://make-world.org
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