ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte
und Praxis / Nr. 455 / 25.10.2001
Nötigung!
Lufthansa will AbschiebegegnerInnen
mundtot machen
Dass die Deutsche Lufthansa
AG mit kritischen Stimmen nicht zimperlich umzugehen pflegt, durfte
schon die Süddeutsche Zeitung erleben. Als den Konzernchefs die
Berichterstattung über den Pilotenstreik nicht zusagte, nahmen sie
das Blatt einfach aus dem Bordprogramm. Nun versucht der Konzern,
eine Kampagne mundtot zu machen, die seit zwei Jahren ein Ende der
Abschiebungen mit Lufthansa-Maschinen fordert. Stellvertretend für
die AbschiebegegnerInnen wird die Berliner Forschungsgesellschaft
Flucht und Migration (FFM) e.V. und die Solidaritätsinitiative Libertad!
durch die Lufthansa mit Anzeigen und massiven Strafandrohungen überzogen.
Schätzungsweise 10.000 Abschiebungen jährlich" werden, so Unternehmenssprecher
Thomas Jachnow, mit den Linienmaschinen des Konzerns abgewickelt.
Das antirassistische Netzwerk kein mensch ist illegal versuchte
deshalb mit einer Kampagne "Stop Deportation Class" einen Ausstieg
aus dem Abschiebegeschäft zu erreichen. Auch Menschenrechtsorganisationen
wie Pro Asyl und amnesty international sowie die
ÖTV und die Pilotenvereinigung Cockpit bedrängten den Konzernvorstand,
auf die umstrittenen Abschiebungen zu verzichten. Aber Lufthansa
blieb hart.
Die AbschiebegegnerInnen ließen sich nicht entmutigen und griffen
zu unkonventionellen Methoden. Parallel zur Aktionärsversammlung
des Konzerns am 20. Juni diesen Jahres veranstaltete kein mensch
ist illegal zusammen mit Libertad! die bundesweit erste
Online-Demonstration bei www.lufthansa.com. Die virtuelle Protestaktion,
die am 10. Mai 2001 ordnungsgemäß beim Ordnungsamt in Köln angemeldet
worden war, fand ein breites Medienecho und wurde von insgesamt
150 Menschenrechtsgruppen und Flüchtlingsräten aus dem In- und
Ausland unterstützt. Da sich über 13.000 Menschen an dem originellen
Protest beteiligten, geriet der Webserver des Unternehmens in
Schwierigkeiten: Die Lufthansa-Homepage war zeitweise nicht mehr
erreichbar. Aber anstatt nun aus der breiten Kritik die Konsequenz
zu ziehen, verlegte sich der Konzern darauf, den unbequemen AbschiebegegnerInnen
mit der Macht des Geldes den Garaus zumachen.
Lufthansa ist jedes Mittel recht
Jüngstes Beispiel: die Initiative Libertad! Nach einer
Anzeige des Konzerns brachen am 17. Oktober 2001 Beamte der politischen
Polizei die Büroräume der Gruppe auf und beschlagnahmten sämtliche
Computer sowie zahlreiche Festplatten, CDs und Dokumente. Auch
vor der Wohngemeinschaft des Verantwortlichen der von der Gruppe
betriebenen Internetdomains machte die Polizei nicht halt: Hier
nahm sie sechs Computer sowie über hundert CDs mit. Im Frankfurter
Dritte-Welt-Haus, in dem sich die Büroräume von Libertad!
befinden, wurden die Eingangstür eingeschlagen und die Türen aller
übrigen dort ansässigen Initiativen aufgebrochen - bis auf jene
von amnesty international. Hintergrund: Weil der Lufthansa
durch die über 1,2 Millionen Seitenaufrufe während der Online-Demo
nicht näher ausgewiesener wirtschaftlicher Schaden entstanden
sei, wertet die Polizei die Online-Aktion als "Nötigung" und die
Erklärung der 150 aufrufenden Gruppen als "Anstiftung zu Straftaten".
"Das ist ein Angriff auf die Demonstrationsfreiheit", protestiert
die Aktivistin Anne Morell, die die Online-Demo am 10. Mai 2001
beim Ordnungsamt Köln angemeldet hatte. "Es ist skandalös, dass
13.000 DemonstrantInnen zu Kriminellen gestempelt werden, während
gleichzeitig ein Unternehmen, das aus Abschiebungen Profit schlägt,
im Internet seinen Geschäften nachgehen kann."
Im Zuge der aktuellen "Anti-Terror-Pakete" scheint der direkte
Draht zwischen einem finanzstarken Privatkonzern und dem Amtsgericht
Frankfurt sowie der politischen Polizei kürzer denn je geworden
zu sein. So meinte Thomas Jachnow, Pressesprecher von Lufthansa,
bereits 48 Stunden nach der Razzia auf Nachfrage der taz zu
wissen, dass die Durchsuchungen "sehr erfolgreich" verlaufen seien.
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft bekräftigte ebenfalls, die
Ermittlungen auch auf "einen Teil" der Online-DemonstrantInnen
ausweiten zu wollen, da über die so genannte IP-Nummer, die jeder
Rechner besitzt, die Identität der DemonstrationsteilnehmerInnen
ermittelt werden könne, wie die Berliner Zeitung am 19.
Oktober berichtete.
"Das virtuelle Sit-in vor dem Lufthansa-Portal war ein öffentlicher
Akt des zivilen Ungehorsams gegen das menschenverachtende Abschiebegeschäft",
so hält Anne Morell dagegen. "Wir verzichteten dabei bewusst auf
jede Form etwaiger ,elektronischer Hasskappen`, wie sie jederzeit
durch frei im Internet verfügbare Verschlüsselungsprogramme technisch
machbar gewesen wären. Wenn der Staatsschutz nun meint, im Nachhinein
den öffentlichen Protest kriminalisieren zu müssen oder gar in
abstruser Weise versuchen sollte, in der Menge der DemonstrantInnen
vermeintliche digitale ,Rädelsführer` zu konstruieren, so werden
wir dem mit einer öffentlichen Ausweitung unserer Kampagne begegnen."
Nicht ganz so spektakulär, aber dennoch hartnäckig hatte die
Lufthansa AG schon im Mai diesen Jahres versucht, die in Berlin
ansässige Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (FFM) unter
Druck zu setzen. Die FFM, die für ihre fundierten und kritischen
Recherchen im Bereich deutscher und europäischer Flüchtlingspolitik
bekannt ist, fungierte bis Ende des Jahres 1998 als offizielle
zentrale Postadresse der Kampagne kein mensch ist illegal.
Als solche ist sie - trotz offiziellen Widerrufs der FFM - nach
wie vor verschiedentlich im Internet zu finden. Seit Mai versucht
die Lufthansa dem gemeinnützigen Verein per Einstweiliger Verfügung
den Betrieb der "Deportation-class"-Sites zu verbieten. Für die
Zuwiderhandlung droht der tölpelhafte Kranich mit einem Ordnungsgeld
von einer halben Million Mark. Beanstandet hatte Lufthansa, dass
zwei Bilder von Piloten ihres Hauses zur Gestaltung einer abschiebekritischen
Seite verwendet werden . Die FFM konnte in einem ersten Verfahren
vor dem Frankfurter Landgericht glaubhaft machen, dass sie weder
die inkriminierten Seiten betreibt noch Einfluss auf deren Gestaltung
hat. Die Einstweilige Verfügung wurde abgelehnt.
Gelassenheit
in Berlin und Frankfurt
So weit, so gut, dachte man zunächst im Berliner Mehringhof.
Doch nun ist die Lufthansa vor dem Oberlandesgericht Frankfurt
in Berufung gegangen. Das wiederum zeigt, dass der Großkonzern
von den verschiedenen Aktionen der AbschiebungsgegnerInnen wohl
empfindlich getroffen wurde. Verpatzte Aktionärsversammlungen,
eine Online-Demo und allerlei dem Image wenig zuträglicher Internet-Spaß
haben die Verantwortlichen wohl ins Schwitzen gebracht. Die FFM
jedenfalls - so ist in Berlin zu erfahren - sieht der Berufungsverhandlung
gelassen entgegen.
Johannes Junge
Die Initative Libertad! braucht dringend materielle
Unterstützung, um ihre Arbeit weiterführen zu können. Neben der
unmittelbaren Anschaffung von neuen Computern wird mittelfristig
auch ein Fonds für Prozess- und Anwaltskosten von Nöten sein.
Wer seine Unterstützung erklären möchte, setze sich mit Libertad!
in Verbindung (online-demo@gmx.net, http://go.to/online-demo)
und/oder Spende auf das Konto: Förderverein Libertad! e.V., Ökobank
BLZ 50090100, Konto-Nr. 20215810, Stichwort: "Online-Demo"