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Formen digitalen Ungehorsams
Der Cyberspace ist ein neuer öffentlicher Raum, der so umkämpft ist, wie es der städtische der bürgerlichen Gesellschaft einst war.

Die Zukunft des zivilen elektronischen Widerstands
Email-Interview mit Ricardo Dominguez, Online-Aktivist der ersten Stunde und Mitentwickler der FloodNet-Technik für virtuelle Sit-ins.

Zur Geschichte des elektronischen zivilen Ungehorsams.
denial of service, virtual reality sit-in, hacktivsm? Eine Einführung.



  Formen digitalen Ungehorsams

Der Cyberspace ist ein neuer öffentlicher Raum, der so umkämpft ist, wie es der städtische der bürgerlichen Gesellschaft einst war.



Das Datum könnte als Feiertag in die Kalender des digitalen Zeitalters eingehen. Am 12. Februar 2000 gab der Registrierungsservice "Network Solutions" (NSI) den wochenlang umstrittenen Domain-Namen "etoy.com" seinen BesitzerInnen zurück. Sang- und klanglos musste das US-amerikanische Internet-Unternehmen EToys, spezialisiert auf den Versand von online bestelltem Spielzeug, seinen Kampf gegen eine kleine, internationale KünstlerInnengruppe namens "etoy" aufgeben. Der drittgrösste Internet-Händler mit der Webadresse etoys.com hatte auf juristischem Wege versucht, die benachbarte Domain-Registrierung www.etoy.com unter seine Kontrolle zu bringen. Sieben Wochen lang tobte eine Übernahmeschlacht im Netz, deren Ausgang das Lamento von der völligen Kommerzialisierung des Cyberspace zumindest ein klein wenig korrigieren könnte: Eine beispiellose Kampagne von KünstlerInnen, PublizistInnen und AktivistInnen zwang den an der Technologiebörse NASDAQ gelisteten Konzern seine an sich recht absurd anmutende, aber zunächst erfolgreiche Klage vor einem kalifornischen Gericht schlussendlich fallen zu lassen.

Ende gut, alles gut? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der vielzitierten "Hackerangriffe" gegen die Portale kommerzieller Anbieter lohnt sich ein zweiter Blick; denn bei der bislang heftigsten Auseinandersetzung um das kommerziell kostbarste Gut im Internet, den unverwechselbaren Eigennamen angesichts einer leicht verwechselbaren Identität ging es noch um viel mehr als nur das kleine "s". Die Kraftprobe der NetzaktivistInnen mit dem schier übermächtigen Feind sollte zuerst einmal eines unter Beweis stellen: Die kommerziellen Anbieter können sich in ihrem börsenfinanzierten Goldrausch nicht alles erlauben und parvenuehaft über eine in Jahren gewachsene Netzkultur hinwegtrampeln, deren PionierInnen wahlweise als romantische Spinner oder gefährliche Irre abqualifizieren und kurzerhand zu ihrem Eigentum und Quell des Reichtums erklären, was, wenn überhaupt jemandem, dann allen gehört.

"EToys war so etwas wie das Brent-Spar des E-Commerce", meint der Konstanzer Internetforscher Reinhold Grether, einer der virtuellen Militanten der Anti-EToys-Kampagne, in Anspielung auf das umfassende Fiasko des Shell-Konzerns. Die Parallele ist gut gewählt: NetzaktivistInnen wie UmweltschützerInnen verteidigen letzte verbliebene Kohärenzen eines bedrohten Lebensraums vor parasitärer Profitlogik, beide operieren mit mehr oder weniger apokalyptischen Szenarien. Und beide setzen mit ihren Aktivitäten taktisch geschickt an solchen Stellen an, die zunächst einmal gar nicht so dramatisch anmuten, aber aufgrund ihrer metaphorischen Dichte ein Maximum an Aufmerksamkeit bergen.

Für die optimale Vermittlung der einprägsamen Inhalte der Anti-EToys-Kampagne sorgte RTmark [ http://rtmark.com ], eine Art Avantgarde in Sachen konzernkritischem Online-Aktionismus, die auf dem besten Wege sind, den Offline-Mythos "Greenpeace" einzuholen. Anfang Dezember hatten sich unter Federführung von RTmark AktivistInnen, KünstlerInnen und HackerInnen zu einem historischen Bündnis zusammengeschlossen. "etoy" selbst eröffnete eine eigene Aktions-Plattform [ http://www.toywar.com ] und sorgte für die Ästhetisierung des "TOYWAR", einem grossen interaktiven Spiel, bei dem alle mitmachen konnten und in dem die Rollen von Gut und Böse unmissverständlich verteilt waren. Tausende von "TOYWAR-agents" waren gegen die feindliche Stellungen aufmarschiert und traktierten über Wochen die gegnerischen Server mit Millionen von gefälschten, unsinnigen oder protestierenden Anfragen. Dem Einfallsreichtum und der Kreativität der AgentInnen waren keine Grenzen gesetzt, und nur ein Ziel zählte: Den Konzern an seiner empfindlichsten Stelle, dem Börsenkurs zu treffen, der bei solchen Unternehmen in einem direkten Verhältnis zur tendenziell unbrauchbaren Zugriffsstatistik steht. Die Notierung des einst boomenden Internet-Werts sank in der Tat von rund 80 Dollar pro EToys-Aktie aus der Vor-TOYWAR-Zeit unter den einstigen Emmissionswert von 20 Dollar. Einher ging ein unabsehbarer Imageschaden, der heutzutage noch weitaus bedrohlicher sein kann als reale finanzielle Einbussen.

Bewusst verzichteten die TOYWAR-AgentInnen auf technisch hoch-effiziente Attacken wie sie im Moment offenbar gegen die anderen E-Business-Giganten im Einsatz sind. Wenngleich problemlos verfügbar, lehnten die AktivistInnen einhellig den Einsatz eines "Killer-Bullet"-Scripts ab, um die sozialen und ästhetischen Dimensionen des Protestes nicht auf dem Altar eines einmaligen, kurzfristigen Erfolges zu opfern. Während der Standortvorteil der FürsprecherInnen von "etoy" gerade in ihrer spielerischen Selbstbezogenheit, Glaubwürdigkeit und reiner Netzreferentialität bestand, waren die Konzernherren von "EToys" abhängig von Offline-Realitäten wie dem Absatz ihres Plastikspielzeugs im Weihnachtsgeschäft oder dem Auf und Ab des Börsenkurses. Trotzdem glaubte Mark Amerika in einer Kolumne für das Online-Magazin telepolis noch eine weitere Dimension des Konfliktes ausmachen zu können: "RTmark und EToys liefern das Modell eines über das Netz verbreiteten Störtheaters, das dahingehend programmiert ist, neu entstehende Schreibpraktiken der Neuen Medien zu mehr zu machen als nur zu einem Spiel."

Doch was sind das überhaupt für Praktiken, mit denen jetzt ernst gemacht wird? Und was passiert, wenn sich die spielenden UserInnen ihrer Macht bewusst werden und diese auch benutzen? Eines ist schon seit längerem absehbar: Das Internet wird nicht nur grenzenloser elektronischer Geschäftmacherei dienen, es wird gleichzeitig auch als Austragungsort alter und neuer sozialer Auseinandersetzungen fungieren. Was bis vor kurzem noch unter dem Schlagwort "Infowar" die Runde machte, bezog sich auf die rasante Verbreitung von Gegen-, Falsch- und sonstigen Informationen. Je realistischer sich im Netz aber die Machtverhältnisse aus der Offline-Welt abbilden, desto attraktiver oder anfälliger wird das Netz für Interessenskonflikte, die in den kalifornischen Träumen der utopistischen PionierInnen oder der nachgeborenen PropagandistInnen von E-Commerce einfach nicht vorkamen. Bald dürfte sich endgültig herausstellen, dass die Projektionsfläche Cyberspace nichts anderes ist als ein neuer öffentlicher Raum, der mitnichten minder umkämpft ist, als es der städtische der bürgerlichen Gesellschaft einst war. Was sind die berüchtigten Denial-of-Service Attacken gegen die grossen E-Business Portale anderes als das Einschlagen virtueller Schaufensterscheiben? Akte einer symbolischen Militanz, die soziale Auseinandersetzungen allerorten begleiten. Solche Aktionen können von einzelnen im Schutz der Dunkelheit ausgeführt werden und haben, wenn sie isolierbar sind, vergleichsweise wenig oder leicht manipulierbaren politischen Out-put. Oder sie können, wie die virtuellen Sit-Ins der Anti-Etoys-Kampagne, öffentlich angekündigt, zeitlich begrenzt, mit der spontanen Beteiligung von Tausenden von Menschen von statten gehen und: sie werden in bestimmten Fällen von Erfolg gekrönt sein.

Doch die KontrahentInnen der NetzaktivistInnen schlafen nicht. Längst gibt es in den grossen Konzernen Abteilungen, die sich ausschliesslich mit der Imageverschmutzung durch ungebetene Kritikerinnen befassen und an Gegenstrategien wie dem sogenannten "Grünwaschen" der Konzernpolitik basteln. Seit "Brent-Spar" beschäftigt Shell externe MitarbeiterInnen, die täglich das Internet nach Dokumenten durchforsten, in denen der Konzernname auftaucht und jede einzelne der Tausende von e-mails pro Monat innerhalb von wenigstens 48 Stunden beantworten. Obwohl die meisten Unternehmen die neuen Medien noch als eine Bedrohung begreifen, auf die sie nicht zu antworten verstehen, gibt es bei einigen der Multis Spezialabteilungen für Counter-Aktivismus, deren dezidiertes Ziel die Diskreditierung der KonzernkritikerInnen mit allen Mitteln und vorzugsweise deren eigenen Waffen ist.

Womit sich jedoch trotz bester Bezahlung manches Unternehmen schwertut, nämlich kurzfristig Spezialistinnen aus den verschiedensten Disziplinen zusammenzubekommen, scheint für die Online-AktivistInnen im Moment ein Kinderspiel zu sein. Anstelle von totem Datenmaterial verkörpern die Kampagnen lebendige Netzwerke und ultimative Hipness. Spätestens der "TOYWAR" hat gezeigt: Der Spielraum für Aktionismus im Netz, bislang auf Informationsverbreitung, aufklärerische Praktiken, Imagebildung und -verschmutzung begrenzt, erweitert sich direkt proportional zu der Vielzahl an
Interaktionen, auf die das digitale Geschäftsleben nun einmal angewiesen ist. Zwischen den High-Tech-Attacken der SpezialistInnen und der Nadelstichtaktik von massenhaften Sit-Ins, die gegnerische Webserver ebenso lahmlegen können, tut sich ein weites Spektrum von unterschiedlichsten Formen des digitalen Ungehorsams auf.

Die TOYWAR-AgentInnen sind aber zunächst raus aus dem Spiel. Die Aktionsplattform http://www.toywar.com zeigt ein paar Hundert von ihnen bestattet in einem Seefriedhof im Indischen Ozean - aufgebahrt in Lego-Särgen.


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Email-Interview mit Ricardo Dominguez, Online-Aktivist der ersten Stunde und Mitentwickler der FloodNet-Technik für virtuelle Sit-ins.

Die Zukunft des zivilen elektronischen Widerstands


Von Stefan Krempl, 18.02.2000. Quelle: telepolis [ www.heise.de/tp ]


Tools, mit denen Server überflutet werden, sind nicht erst seit vergangener Woche im Einsatz. Das Electronic Disturbance Theatre (EDT), das während des Freiheitskampfs der Zapatistas gegründet wurde, ruft bereits seit Jahren zu "Attacken" auf Ziele im Regierungs-, Militär- und Wirtschaftsbereich auf - allerdings ganz offen und mit politischen Aussagen verbunden. Trotzdem ist die FloodNet-Technik des EDT schon vor den jüngsten verdeckten Angriffen in die Kritik geraten. In den letzten Tagen hat die Programmfamilie des Tribal Flood Network (TFN), die vom deutschen Hacker Mixter entwickelt wurde, für Aufsehen gesorgt, da sie vermutlich neben Trin00, Stacheldraht und ähnlich gestrickten Applikationen für die Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) der vergangenen Woche auf kommerzielle Sites wie Yahoo.com, Buy.com oder CNN.com Verwendung fand. Die Hintergründe der Attacken sind zwar nach wie vor weitgehend unklar, nicht auszuschliessen ist aber, dass die Angriffe auch ein Zeichen gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Internet gewesen sein könnten.

Erst vor wenigen Wochen feierte zudem die Künstlergruppe Etoy ihren Sieg über Etoys. Damals waren die wochenlangen Proteste eindeutig ein Zeichen gegen die Besitzansprüche der neuen kommerziellen Mächte im Netz. Während des von Etoy ausgerufenen Toywar wurde wiederholt das so genannte FloodNet eingesetzt. Dahinter verbirgt sich eine Technik, die letztlich ähnlich ausgerichtet ist wie die DDoS-Werkzeuge. Zumindest geht es bei beiden Applikationen um die Überlastung eines anvisierten Zielservers, auch wenn die Tools unterschiedlich funktionieren. FloodNet wurde hauptsächlich vom Electronic Disturbance Theatre (EDT) für die Unterstützung der Zapatistas in ihrem Kampf gegen die mexikanische Regierung konzipiert. EDT ist eine Gruppe von Online-Aktivisten, die Ricardo Dominguez, Stefan Wray, Carmin Karasic und Brett Stalbaum ins Leben gerufen haben. Die Website der Hacktivisten ist momentan "ausser Betrieb", da Etoys während der FloodNet-Aktionen im Dezember den Provider des Hosts von EDT, den New Yorker "Kunstaktions-Server" The Thing, zum Kappen der Leitungen zwang.

Stefan Krempl fragte Ricardo Dominguez nach den Unterschieden zwischen TFN und FloodNet, nach dem Schicksal des EDT und des zivilen elektronischen Widerstands allgemein sowie nach der richtigen Mischung zwischen Online- und Offline-Protestkundgebungen.


Wie beurteilst Du die jüngsten Attacken und Serverblockaden?

Ricardo Dominguez: Sie wurden eher in traditioneller Hackermanier durchgeführt, im Verborgenen. Es wurden keine spezifischen Informationen zu einem Thema verteilt, keiner verband eine Botschaft damit. Es ging also um eine momentane Machtdemonstration.

Haben die Crasher Eure Idee "gestohlen"?

Ricardo Dominguez: Sie haben niemandem eine Idee geklaut - sie haben dem Fluss des Codes nur eine neue Biegung verpasst. Man darf nicht vergessen, dass die Zapatista-Netzwerke schon in 1994 ins elektronische Gewebe eingedrungen sind. Das Critical Art Ensemble hat 1995 dann weiter dazu beigetragen, die Theorie des zivilen elektronischen Widerstands zu definieren. Und die Netstrike-Bewegung in Italien entstand 1996 als eine Übung, die 1998 direkt zur Entwicklung des Zapatista-FloodNet und des EDT führten. 1999 dann die Geburt des internationalen Hacktivismus. Jede Bewegung hat da von der anderen geklaut, das könnte man so unendlich weiter zurückverfolgen.

Siehst Du irgendeine politische oder ideologische Verknüpfung zwischen FloodNet und DDoS-Werkzeugen wie dem Tribal Flood Network?

Ricardo Dominguez: Das Tribal Flood Net funktioniert in der Tat ähnlich wie das Zapatista-FloodNet in der Hinsicht, dass eine Website nicht zerstört wird, keine wichtigen Daten gehackt werden. Das entspricht der Praxis des zivilen elektronischen Widerstands. Das Zapatista-FloodNet wird oder wurde allerdings nicht massenhaft verbreitet, wenn man bedenkt, wie viele einzelne Surfer gebraucht werden, um eine URL lahmzulegen. Das Ziel von FloodNet ist es, Informationen, eine Message zu verbreiten. Unsere Aktionen sind auch transparent - beinahe durchsichtig. Jeder weiss, was wir wann, wo und warum machen. Jeder weiss, wer wir sind.

Wird die Art und Weise wie TFN und andere DDoS-Tools gegen wichtige Websites eingesetzt wurden, Eure Meinung über die weitere Verwendung von FloodNet beeinflussen?

Ricardo Dominguez: Nein, ich denke, dass schnellst möglich unterschiedliche Methoden des zivilen elektronischen Widerstands durch möglichst viele Gruppierungen zur Einsatzreife gebracht werden sollten. Und zwar auf einer möglichst grossen Bandbreite und sowohl für den Online- wie den Offline-Aktivismus. Ohne Gewalt, aber mit der Repräsentation der Massen als Verunsicherungsfaktor im Kern jedes einzelnen Skripts. Während der Etoy-Aktionen hatten wir ein Skript entwickelt, das Etoys mit einem einzigen "Schuss" zum Absturz hätte bringen können, eine taktische Kernwaffe, wenn man es so bezeichnen will. Aber wir hatten nicht das Gefühl, dass dieses Skript so wie das Zapatista FloodNet die Präsenz einer globalen Gruppe von Leuten widerspiegeln würde, die sich versammeln, um gegen das Schlechte zu demonstrieren. Wir rufen zu Verunsicherungen auf und zur Verteilung von Macht, aber nicht zur Zerstörung. Wir haben schon dem EDT 1998 ins Stammbuch geschrieben: "Obwohl das Electronic Disturbance Theatre momentan ein Katalysator für die Fortentwicklung von Taktiken des zivilen elektronischen Widerstands ist, hoffen wir, uns bald im Hintergrund halten zu können und eine von vielen kleinen autonomen Gruppen zu werden, die Wege und Ziele des computerisierten Widerstands hoch halten und fort entwickeln."

War der Protest gegen Etoys Deiner Meinung nach ein Meilenstein im Bereich des politischen Aktivismus im Netz?

Ricardo Dominguez: Die Etoy-Aktionen haben gezeigt, dass der zivile elektronische Widerstand eine extrem nützliches Werkzeug ist, wenn man es mit einem Gegner zu tun hat, der nur über ine digitale Präsenz verfügt. Das ist in der Tat ein zukunftsweisender Sieg für die Kleinen und Verstreuten, ähnlich wie es die Zapatistas als Teil ihrer Netzwerk-Kultur seit 1994 immer wieder gezeigt haben.

Wie viele Leute nehmen gewöhnlich an Euren virtuellen Sit-ins teil?

Ricardo Dominguez: An welchen? Für die Sit-ins gegen Etoys.com haben wir keine Zahlen. Es waren zu viele Websites auf der ganzen Welt, die FloodNet selbst installiert und eingesetzt hatten. Bei den mehr als 16 Sit-ins, die wir für die Zapatistas 1998 und 1999 gegen mexikanische Regierungs-Sites angeleiert hatten, waren es über 100.000 Surfer.

Warum habt Ihr Euch entschlossen, die EDT-Site in der Vorweihnachtsauktion von The Thing zur Versteigerung anzubieten, nachdem ihr das Angebot nach den Protesten über die Projekt-Site vom Netz nehmen musstet?

Ricardo Dominguez: Das Electronic Disturbance Theatre wollte Geld für das Chiapas-Medien-Projekt - das ist eine Gruppe, die den Zapatista-Gemeinden in Chiapas den Umgang mit Video und Computer zeigt - sammeln. Wir dachten, dass das einen guten Zweck erfüllen würde, da die Site eh nicht mehr online war.

Hat jemand die Site ersteigert?

Ricardo Dominguez: Nein, nicht dass ich wüsste.

Habt Ihr ein "Monopol" über die FloodNet-Technik?

Ricardo Dominguez: Am 1. Januar 1999 haben wir die Software zu Gunsten der Zapatistas frei gegeben. Seitdem wurden viele neue Versionen entwickelt.

Gegner der virtuellen Sit-ins kritisieren, dass es zynisch sei, sich einfach aus Protest vor den Bildschirm zu setzen, während andere in den Strassen gegen Tränengas kämpfen.

Ricardo Dominguez: Wir haben immer virtuelle Sit-ins zusammen mit Aktionen propagiert, die durch Demos in den Strassen ergänzt werden. Das Online-Element soll dabei nur ein weiteres Werkzeug sein, das für die Fokussierung der anstehenden Probleme genutzt werden kann. EDT hat nie die Idee vertreten, dass es um reine elektronische Protestkundgebungen geht. Uns ging es nur darum zu zeigen, dass virtuelle Sit-ins als Teil all der Taktiken verwendet werden sollten, die Aktivisten einsetzen. Der Online-Aktivismus sollte die traditionellen Mittel ergänzen, die Aktivisten weltweit nach wie vor verwenden. Ausserdem haben wir versucht zur Definition dessen bei zu tragen, was es bedeutet, wenn Individuen online ihren Platz einnehmen. Wir verstecken uns nicht hinter Hackernamen oder Pseudonymen - die Dot-mils, Dot-govs und Dot-coms wissen, mit wem sie es zu tun haben, was wir machen und warum wir es machen. Wir beschränken uns auch auf nicht-gewalttätige Aktionen. Ich glaube, dass es eher zynisch ist zu behaupten, es zähle nur eine Form von Aktivismus und sonst nichts. Wie die Zapatistas sagen: "Jeder Mensch folgt dem Aufruf zum Handeln mit den Mitteln, die er gerade in der Hand hat." Und das Internet scheint gerade das Werkzeug zu sein, das wir momentan zur Hand haben. Das Netz ist unser Medium gewesen, um den Kräften des Neoliberalismus zuzurufen: "Es reicht!!" Und es war ein sehr effektives Werkzeug - aber eben auch nicht mehr als nur ein Werkzeug.

Wie sieht die Zukunft des Online-Aktivismus aus?

Ricardo Dominguez: Neue Methoden der Gegen-Spionage, die tragbare Mikro-Webcams verwenden, werden sich verbreiten. Den Anfang haben schon Demonstranten während der Proteste gegen die WTO gemacht, die live vom Ort des Geschehens mit RealVideo berichtet haben. Neue Formen des FloodNet werden kontinuierlich weiter entwickelt werden. Und Aktivisten werden verstärkt auf Mittel der psychologischen Kriegsführung im Kampf gegen Regierungen und Unternehmen zurück greifen, so wie es Aktivisten etwa mit Hilfe von Stock Trading Boards geschafft haben, den Wert von Etoys an der Börse in den Keller zu fahren.


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denial of service, virtual reality sit-in, hacktivsm? Eine Einführung.

Zur Geschichte des elektronischen zivilen Ungehorsams.


Ziviler Ungehorsam ist ursprünglich das friedliche Protestieren gegen staatliche Strukturen und Machtmissbrauch. Es ist also eine Form des Kampfes gegen Unterdrückung, Ungleichbehandlung, Krieg und Totalitarismus. Es gibt viele Bekannte Beispiele zivilen Ungehorsams, zum Beispiel Gandhi, Martin Luther King, Proteste gegen den Vietnam Krieg, gegen Atomstrom und viele mehr. Die Mittel sind ebenso vielfältig wie wandlungsfähig.

In den USA wird die Weiterentwicklung von zivilem Ungehorsam zu elektronischem zivilem Ungehorsam als eine logische Konsequenz der Entwicklung des Kapitalismus zum Informationszeitalter gesehen und diskutiert. In der Vergangenheit war es möglich, "..die Machthaber ausfindig zu machen und anzugreifen" (Critical Art Ensemble; "Elektronischer ziviler Ungehorsam"; Aus: "Netzkritik - Materialien zur Internet-Debatte", Editon ID-Archiv 1997). Es war möglich sich zum Ort des Geschehens zu bewegen und dort den normalen Ablauf zu stören oder sonst irgendwie zu behindern.Im Gegensatz zur Vergangenheit treten die Mächte im Kapitalismus heute und in Zukunft immer weniger lokal gebunden auf. In einer Zeit, in der nicht mehr nur Staaten sondern zunehmend auch Firmen wichtige Mächte sind, wird es wichtig die Frage zu stellen, wo es wirksamen Protest geben kann. Diese Firmen haben ihre Zentralen zumeist weitab der Folgen ihrer menschenverachtenden Konzernpolitik und sind wenig beeindruckt von Protesten vor einem ihrer Bürohäuser.

Daraus folgt eine Notwendigkeit, die Taktiken des zivilen Ungehorsam neu zu justieren. Denn diese Taktiken beruhten immer noch auf der Annahme, dass es kein Problem sei, einen politischen Erfolg lediglich durch Sitzblockaden zu erzielen. Es wird notwendig, kapitalistische Strukturen durch breiter angelegte Vorgehensweisen zu stören. Zum Beispiel mit Mitteln der "Imageverschmutzung". Ein Teil davon kann elektronischer ziviler Ungehorsam sein.

Ein wichtiger Akteur bei der Entwicklung des Konzeptes von elektronischem zivilen Ungehorsam war und ist das Critical Art Ensemble (CAE). Das CAE hat sich dem Erforschen der Zusammenhänge zwischen Kunst, Technologie, radikaler Politik und kritischen Theorien verschrieben. Sie gehen davon aus, daß sich der Kapitalismus radikal verändert hat.

Die erste dokumentierte Aktion im Rahmen dieses neuen Konzeptes fand am 21. Dezember 1995 statt. Die Gruppe "Strano Network" veranstaltete ein virtuelles sit-in auf verschiedenen Seiten der französischen Regierung, um gegen die Atomtests auf dem Pazifikatoll Mururoa zu protestieren. Internetnutzer waren dazu aufgerufen, diese Seiten für eine Stunde immer wieder aufzurufen. Dies hatte wenig Konsequenzen, da das Internet damals noch nicht die Popularität von heute besass und deshalb wenig Resonanz und Teilnahme zu verzeichnen war. Erst drei Jahre später, am 29. Januar 1998, gab es die nächste direkte Aktion im Internet. Von 16.00 bis 17.00 Uhr wurden verschiedene Seiten von mexikanischen Finanzinstituten blockiert. Eine "Anonymous Digital Coalition" hatte dazu aufgerufen mit dem Ziel, auf den Krieg zwischen der mexikanischen Armee und der Guerrilla-Organisation EZLN in der Provinz Chiapas aufmerksam zu machen. Das Electronic Disturbance Theater(EDT) gilt heute als Vorreiter des elektronischen zivilen Widerstandes. "The Zapatista Networks, in the spirit of Chiapas are developing methods of electronic disturbance as sites of invention and political action for peace. At this point in time it is difficult to know how much of a disturbance these acts of electronic civil disobedience specifically make. What we do know is that neoliberal power is extremely concerned by these acts" (Dominguez, Ricardo; "Digital Zapatismo").

In der folgenden Zeit gab es noch weitere Aktionen dieser Art. Unter anderem gegen das Pentagon, die Frankfurter Wertpapierbörse, sowie gegen die WTO-Veranstaltungen in Seattle und Prag wurde versucht, mit elektronischen Mittel vorzugehen. Diese Aktionen waren wesentlich weniger erfolgreich. Das Pentagon war wenig beeindruckt und benutzte Abwehrmaßnahmen gegen die wohl zahlenmäßig nicht ausreichenden TeilnehmerInnen. Im Dezember 1999 begann die bisher wohl bedeutendste und erfolgreichste Kombination von Imageverschmutzung und elektronischem Widerstand. Innerhalb von ca. drei Monaten verlor der Aktienkurs von eToys (eine US-Amerikanischen eCommerce Plattform für Spielzeug) über 2/3 des Ursprünglichen Wertes. Der Konzern hatte versucht, die Internetadresse etoy.com zu bekommen und war am Widerstand der Menschen gescheitert, die sich diese gesichert hatten, um gegen die Kommerzialisierung des Internets künstlerisch zu protestieren. eToys gab auf, nachdem der Aktienkurs der Firma nur noch durch institutionelle Anleger vor einem Absinken ins Bodenlose gehalten wurde.

Auch in Europa gibt es Gruppierungen, die sich dem Netzaktivismus widmen. Viele italienische Gruppen waren an der "Anonymous Digital Koalition" beteiligt. "Reclaim The Streets" und viele andere Gruppen benutzen das Internet als Möglichkeit Informationen schnell und punktgenau zu verbreitern. Das Projekt "IndyMedia" bietet sich als Medium für wirklich unabhängige Berichterstattung an. Eine britische Gruppierung, die "eHippies", versucht schon länger das Internet als Ort für direkte Aktionen zu etablieren. Die aktuellste Internetaktion ist wohl im Frühjahr diesen Jahres durchgeführt worden. Aus Zentralrechnern wurde die Kreditkartennummern vieler Teilnehmer des WEF in Davos direkt in die Öffentlichkeit kopiert. Darunter die von Bill Clinton und Jassir Arafat. Elektronischer ziviler Ungehorsam ist jung aber vielseitig. In Verbindung mit Aktionen anderer, d.h. nicht elektronischer, Art lässt sich für die Zukunft ein großes Potential ausmachen. Nutzen wir es!


Server side vs. Client side ddos

Im Februar 2000 waren die Server von Yahoo, CNN und eBay für einige Zeit nicht erreichbar. Wie sich später herausstellte, waren sie Ziel einer "server side distributed denial of service" (ddos) Aktion geworden. Dadurch wurden Aktionen dieser Art einer breiten Öffentlichkeit auch in Deutschland bekannt. Um nicht mit den Menschen in eine Schublade geworfen zu werden, die diese Aktionen durchgeführt hatten, lancierte die Gruppe "eHippies" einen Diskurs über die Legitimität von "ddos" Aktionen. Diese Gruppe unterscheidet Aktionen, die von einer bzw. wenigen Personen durchgeführt werden (server side ddos) und solche, für deren Erfolg viele teilnehmende Menschen nötig sind (client side ddos). Der Unterschied zwischen "server side" und "client side" besteht darin, dass bei der "server side" Aktion die beteiligten Computer meistens Großrechner sind und ihre Besitzer nicht wissen, das ihr Rechner einen anderen mit Informationen "bombardiert". Bei "client side ddos" müssen viele Menschen vor ihrem PC (oder in einem Internet Cafe, der Uni etc.) sitzen und mitmachen, um die Aktion zu einem Erfolg werden zu lassen. "Our method has build within it guarantee of democratic accountability. If people don`t vote with their modems (rather than voting with their feet) the action would be an abjekt failure" (Electrohippies: Occasional Paper No.1).

Neben Gruppen wie dem EDT, dem CAE und vielen anderen denken wir, dass das Internet Möglichkeiten des Protestes bietet, die wir uns in keinem Fall nehmen lassen sollten. Es wird niemals andere Formen des politischen Protestes ablösen, aber es kann die bestehenden sicher erweitern. Diese Sichtweise stieß auf Kritik bei anderen hackercommunities: "cult of the dead cow" und auch der deutsche "Chaos Computer Club" (CCC) sind der Meinung, daß diese Trennung zwischen server side und client side keine Rolle spielt. Für diese Gruppen ist allein relevant, daß der freie Informationsaustausch durch solche Aktionen behindert wird, was sie als nicht zulässig betrachten. Viele "hacker" sind gegen "ddos" Aktionen gleich welcher Art, weil sie es für unelegant halten, Programme zu benutzen, die sich jeder einfach so aus dem Internet besorgen kann. Für sie hat das nichts mit "hacking" zu tun, eher schon handele es sich um ein Spiel für sogenannte "script kiddies". Dieser Begriff bezeichnet meist Jugendliche, die sich ein Programm aus dem Internet laden, um damit dann größtmöglichen Schaden anzurichten bzw. aufsehen zu erreichen. "..., the pathetic kids (literally and figuratively) committing these attacks. In many cases, these attacks are launched with mystical scripts written in foreign languages and just produce the desired affect. There is no grace, no skill, and no intellect behind these attacks. You are not a hacker and you do not deserve respect for your childish actions" (nach Electrohippies: Occasional Paper No.1). Ein zusätzlicher Grund für die ablehnende Haltung ist, dass solche Aktionen Bandbreite kosten und damit alle Internetnutzer treffen, auch jene, die nicht die Zielseite angewählt haben, denn das Netz wird durch den Verlust von Bandbreite allgemein langsamer. Überhaupt ist Bandbreite eines der zentralen Themen in der "hackergemeinschaft".

Es gibt in Deutschland noch kein gelungenes Beispiel elektronischen zivilen Ungehorsams, unsere Aktion gegen Lufthansa ist die erste dieser Art in der BRD. Sie ist in der Sichtweise der "eHippies" eine "client side ddos" Aktion. Sie steht in der Tradition der us-amerikanischen Auseinandersetzung über zivilen elektronischen Ungehorsam. Wir fordern, wie auch die "autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe", eine Auseinandersetzung der deutschen Linken mit dem Medium Internet. Auch wir sehen ein Problem allerdings darin, "...sich bei der Diskussion nicht selber in den Cyberspace zu katapultieren, sondern das Verhältnis von Cyber-Netzkommunikation und Kommunikation im "Real Life" im Auge zu behalten. Sonst laufen wir stets Gefahr, [...] dem Mythos der "Informationsgesellschaft" aufzusitzen" (Autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe; "Bewegungsl(e/h)re? - Anmerkung zur Entwicklung linker Gegenöffentlichkeit" aus: "Netzkritik - Materialien zur Internet-Debatte"). Wir denken, es ist Zeit diese elektronischen Mittel im Widerstand zu erproben. Wenn dann genug Menschen das Internet-Portal der Lufthansa besetzt haben, ist genug Raum und Zeit, die Vorzüge und Nachteile dieser Aktionsform an Hand der dann vorliegenden praktischen Erfahrung zu analysieren und zu verbessern.


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