| Tagesspiegel
06.06.2001
''Tag X für
den Kranich''
Elektronisch, zivil, ungehorsam
E-Protest statt E-Commerce: Abschiebungsgegner wollen mit einer Online-Demonstration
die Homepage der Lufthansa lahmlegen
Markus Ehrenberg
Wasserwerfer.
Angesägte Schienengleise, festgeschweißte Menschenkörper.
Rangeleien mit Polizisten, Steinewerfen in Kreuzberg. Wer heutzutage
demonstrieren will, nimmt einiges in Kauf. Dabei geht das auch ganz
bequem vom Schreibtisch aus, am Computer, per Mausklick: mit einer
Online-Demonstration. Ziviler Ungehorsam einmal anders - ohne Körpereinsatz
und trotzdem durchschlagskräftig. Wenn alles so läuft, wie
es sich die Veranstalter vorstellen, dürfte die Lufthansa mit
so einer Online-Demo bald ein paar Probleme kriegen.
''Tag X für
den Kranich'' heißt das Spektakel, ein weiteres Beispiel für
die offenbar unbegrenzten Möglichkeiten und die politische Dimension
des World Wide Web. Eine Online-Blockade soll die Homepage der Lufthansa
am 20. Juni lahmlegen. Ausgedacht haben sich das die Antirassismus-Initiativen
''Kein Mensch ist illegal'' (KMII) und Libertad. Sie werfen der Lufthansa
vor, bei jährlich rund 10 000 Abschiebungen Linienflüge
zur Verfügung zu stellen.
Zur Erinnerung:
Während einer gewaltsamen Abschiebung im Mai 1999 erstickte der
Sudanese Aamir Ageeb an Bord der LH 558, nachdem ihn drei Grenzschutzbeamte
gefesselt und ihm einen Motorradhelm aufgesetzt hatten. Nach eigenen
Angaben befördert die Lufthansa zwar keine Personen mehr, die
''erkennbar'' Widerstand leisten. Für die Abschiebungsgegner
ist das aber nicht genug: ''Wenn Konzerne mit der Abschiebung Geld
verdienen, ihre größten Filialen im Internet aufbauen,
muss man auch genau dort demonstrieren.''
Also auf ins Internet.
Wie bei einer Sitzblockade vor dem Werkstor wollen die Online-Demonstranten
den Zugang vor dem Lufthansa-Portal verriegeln. Sie nutzen eine altbekannte
Schwäche des Netzes: Wenn dort alle Menschen zur selben Zeit
das Gleiche wollen, droht das Chaos. Selbst Computerunkundige können
per Mausklick mit demonstrieren. Sie müssen sich auf einer Website
eine Protest-Software herunterladen. Diese schickt automatisch Anfragen
an die Lufthansa-Seite. Am 20. Juni um 10 Uhr, während der Jahreshauptversammlung,
sollen so Zehntausende weltweit auf die Lufthansa-Websites zugreifen.
Die Veranstalter hoffen, dass der Datensturm den Großrechner
überfordert und für kurze Zeit blockiert.
Angeblich werden
dabei weder Daten zerstört noch gestohlen. Das unterscheidet
die Aktion von herkömmlichen Hackerangriffen wie die gegen Yahoo
oder CNN im vergangenen Jahr. Man habe es im Wesentlichen auf das
Firmenimage abgesehen, so der Standpunkt von KMII. Die Online-Demo
ist angekündigt, die Protest-Software im Netz für alle sichtbar
offen gelegt (''Versammlungsort am 20. Juni: www.lufthansa.com'').
Und was tut die
Lufthansa? Lässt sie sich von ein paar Netzaktivisten in die
Knie pressen? In Frankfurt gibt man sich gelassen. Man scheint Ärger
gewöhnt. Erst der wochenlange Streik der Pilotenvereinigung Cockpit
für mehr Gehalt. Dann der Ärger mit der Süddeutschen
Zeitung (die Lufthansa nahm die SZ aus ihrem Bordsortiment; das Blatt
vermutete eine Reaktion auf zu kritische Berichterstattung über
den Cockpit-Streik). Und nun das: die ganze Internet-Welt gegen den
virtuellen Kranich.
''Wir nehmen die
Demo sehr ernst und sind vorbereitet'', sagt Lufthansasprecher Thomas
Ellerbeck, ohne allerdings die ''Gegen-Strategie'' zu verraten. Im
Übrigen finde er, dass diese Attacke die Falschen treffe. ''Die
Abschiebungen beruhen auf richterlichen Beschlüssen. Wir sind
nur das Transportunternehmen.'' Arme Lufthansa? Nein, glaubt Internetexperte
Burkhard Schröder, der Konzern müsse sich keine allzu großen
Sorgen um seine IT-Sicherheit machen. Schröder bezweifelt die
Durchschlagskraft der Online-Demo, ''wenn die Lufthansa einen guten
Netzverwalter hat''. Die Frage sei, welcher Rechner überhaupt
Ziel des Angriffs ist. ''Zu politischen Demonstrationszwecken ist
es wenig sinnvoll, den Mail- oder Newsserver der Lufthansa lahm zu
legen, weil nur die und deren Kunden etwas davon merken würden.
Es wäre effizienter, die Passwörter zu klauen, wie das neulich
bei gmx geschenen ist.''
So weit wollen
die Netzaktivisten nicht gehen. Immerhin: Die Gleichung E-Protest
statt E-Commerce hat ihren Reiz und wird Nachahmer finden. Wohin das
führen kann, hat das mexikanische Finanzministerium 1998 erfahren.
Damals haben zapatistische Solidaritätsgruppen auf die Repressionsmaßnahmen
der mexikanischen Regierung gegen die aufständischen Indigenas
''hingewiesen'': mit einem elektronischen Protest-Sit-in im Computersystem.
Das System stürzte ab. So einen Absturz kann sich der virtuelle
Kranich auf keinen Fall leisten. Die Lufthansa will 2001 erstmals
eine halbe Million Tickets über das Internet verkaufen. Und die
Online-Verkäufe sollen bis 2005 auf bis zu 25 Prozent steigen
- da muss das Internetportal halten, was es dem Kunden verspricht.
Zu jeder Zeit. Die Deutsche Lufthansa AG überlegt, ob sie juristische
Schritte gegen die geschäftsschädigende Blockade auf dem
Datenhighway einleiten wird.
Zur Einstimmung
auf den ''Tag X für den Kranich'' kam am vergangenen Wochenende
schon mal Ricardo Dominguez nach Berlin in die Humboldt-Universität.
Dominguez ist New Yorker ''hacktivist''. Sein Motto: elektronisch,
zivil, ungehorsam. Während des Domain-Namen-Krieges zwischen
der kleinen Schweizer Künstlergruppe etoy und dem Spielwarenversand
etoys.com organisierte Dominguez virtuelle Sit-ins vor dem Internetportal
des Spielwarenversands. Der ist mittlerweile pleite gegangen. Schöne
Aussichten für die Lufthansa.
Weitere Informationen
unter:
www.lufthansa.com
www.stop-depclass.scene.as
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