| Flügel
stutzen beim Online-Kranich?
Michael Klarmann 17.03.2001
Flüchtlingsinitiativen wollen die Website der Lufthansa blockieren
telepolis
17.03.01
Nicht nur die Business Class, auch Kampagnen wie kein
mensch ist illegal verlagern ihre Aktivitäten ins World Wide
Web. Demonstrieren deren Aktivisten etwa im real life vor Abschiebegefängnissen
oder blockieren Routen der Gefangenenbusse, die die Inhaftierten zum
Flughafen transportieren, so plant nun der Net-Ableger "Deportation
Class gegen das Geschäft mit Abschiebungen" virtuelle
Reisen zur Lufthansa zu stören.
Aussagen von Thierry Antinori auf der Internationalen
Touristik Börse am 5. März vom Unternehmen publiziert
dürften dazu beigetragen haben, die Phantasie der "Deportation
Class" zu beflügeln. Der Bereichsvorstand Vertrieb der Lufthansa
Passage Airline hatte erklärt, man werde die "führende
Stellung in den zukunftsorientierten Vertriebskanälen ausbauen".
Über das Onlineportal "InfoFlyway" wurden laut Presseinformation
vergangenes Jahr "250.000 Buchungen getätigt, was einer
Steigerung von 140 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht."
Der Konzern will über das Internet, so Antinori, "im Jahr
2001 mehr als eine halbe Million Tickets verkaufen." Bis 2005
soll ein Viertel aller Buchungen im Netz getätigt werden. Die
"Markteinführung des Online Travel Portal (OTP), einem gemeinsamen
Reiseportal neun europäischer Fluggesellschaften", ist angestrebt.
Zwei Tage später konterten "kmii" und
die Initiative Libertad!,
eine ebenso zunehmend im Internet aktive Menschenrechtsorganisation:
"Der E-Commerce-Bereich (der Lufthansa AG), der jetzt noch weniger
als 10 Prozent der Buchungen verzeichnet, soll im Jahr 2005 schon
40 Prozent der gesamten Umsätze erwirtschaften." Der "elektronische
Kapitalismus" sei nicht nur "verlockend gewinnträchtig",
sondern auch "anfällig". Wenn "Konzerne, die mit
Abschiebungen Geld verdienen, ihre größten Filialen im
Netz aufbauen, muss man auch genau dort demonstrieren". Der bequeme
Klick der Lufthansa-Kunden an die Online-Schalter soll "durch
tausende InternetnutzerInnen zeitweise versperrt" werden.
Grund für den Protest: Laut "kmii"
befördert die Fluggesellschaft den "Löwenanteil"
der 30.000 pro Jahr auf dem Luftweg abgeschobenen Asylbewerber. Die
Lufthansa AG selbst spricht von "schätzungsweise 10.000
Abschiebungen jährlich, was bei insgesamt 47 Millionen Fluggästen
im selben Zeitraum sicher kein Bombengeschäft ist", so Thomas
Jachnow, Sprecher des Unternehmens. Gebucht wird die Reise vom Bundesgrenzschutz
( BGS). Zwei bis drei Beamte begleiten die von den Behörden als
"Schüblinge" bezeichneten Menschen auf dem Flug ins
Zielland. Für die Lufthansa ein rechtmäßiger Deal,
so Jachnow, denn ist das Ticket gebucht und sind die Papiere der Passagiere
in Ordnung, sei man laut Verkehrsrecht zur Beförderung verpflichtet.
Auch werden "nur 5 bis 10 Prozent aller Ausweisungen von Beamten
des BGS begleitet". Die restlichen Abschiebungen seien "wenig
auffällig" und gingen "mit freundlichem Service"
vonstatten.
Flüchtlingsinitiativen bezweifeln diese Aussage.
Unter dem bezeichnenden Namen "Deportation Class" wird seit
März 2000 Online mobilisiert, "vor allem gegen die Deutsche
Lufthansa, weil die Airline ihre Flugverbindungen in die ganze Welt
für Abschiebungen zur Verfügung stellt und sich so zum willfährigen
Handlanger der brutalen Abschiebepraxis macht". Auch die Piloten-
Vereinigung Cockpit,
die ÖTV und kritische
Flugbegleiter zeigen sich empört und kritisieren Fälle
"unmenschlicher Zwangsabschiebungen". Im Mai '99 kam es
bei einer solchen zum Tod eines sudanesische Flüchtlings an Bord
einer Maschine der Lufthansa. Daraufhin lenkte die Geschäftsleitung
ein. Seitdem werden "Widerstand leistenden Abschüblinge
nicht mehr ", so der Unternehmenssprecher. Der Sudanese war von
BGS-Beamten für den Charterflug gefesselt, geknebelt und mit
einem Helm über den Kopf ruhig gestellt worden.
Schon mit einer Wanderausstellung
wagte "kmii" den Schritt in die Virtualität. Sowohl
in verschiedenen Städten wie auch via Internet wird im Design
und den Farben der Lufthansa darüber informiert, mit welcher
Art von Flügen der Konzern sein Geld auch verdient. Die Fluggesellschaft
strengte eine Einstweilige Verfügung dagegen an, da sie zwei
der Plakate als "verwerflich und Ruf schädigend" einstuft
( Die
Lufthansa »Deportation Class«). Im Dialog mit den
Ausstellern wurde erreicht, so Jachnow, dass ein Bild es stellt
Lufthansa und Adolf Hitler auf eine Stufe der Bilderschau nicht
mehr gezeigt werden soll. Das andere Plakat dürfe Teil der Ausstellung
bleiben. Den Willen zum Protest von "kmii" minderte das
Angebot aber nicht. So werden auch regelmäßige Demonstrationen,
etwa vor Reisebüros, Abschiebegefängnissen die an
Hochsicherheitstrakte erinnern , Flugschaltern verschiedener
Airlines oder der Aktionärsversammlung der Lufthansa, zunehmend
ins Internet verlegt ( Stoppt
Lufthansa Abschiebungen?).
Ein spannende Frage dürfte sein, wer sich am
bisher nicht festgelegten "Tag X" an der Aktion beteiligt:
"Damit computerunkundige DemonstrantInnen auch per Mausklick
teilnehmen können, wird noch rechtzeitig vor der Internet-Demo
eine Protestsoftware veröffentlicht", schreibt "Deportation
Class". Surfer mögen das albern finden, Kenner von "kmii"
oder anderen Flüchtlingsinitiativen nicht. "kmii" etwa
initiierte in Nordrhein-Westfalen das "Wanderkirchenasyl".
Zur Entlastung einzelner Gemeinden wandern dabei "illegale",
also nicht anerkannte und untergetauchte kurdische Asylbewerber von
Zeit zu Zeit durch katholische und evangelische Gemeinden, die ihnen
Kirchenasyl gewähren.
Vielen Gemeindemitgliedern, die den Fremden zu Beginn
der Aktion eher reserviert begegneten, fiel bald auf, wie Behörden
mit ihnen unliebsamen Menschen manchmal umgehen. In vereinzelten Fällen,
als das Innenministerium aufgegriffene Flüchtlinge abschieben
oder ein Kirchenasyl räumen wollte, protestierten dagegen nicht
nur so genannt linke Chaoten, sondern auch einfache Bürger, Pfarrer
oder die regionale Kirchenleitung. Viele dieser Menschen, um es mit
Boris Becker zu sagen, sind mittlerweile drin. Nichtsdestotrotz zeigt
man sich bei der Lufthansa "extrem gelassen. Als großes
Unternehmen sind wir", so Pressesprecher Thomas Jachnow, "auf
solche großmundigen Ankündigungen vorbereitet."
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