| taz
hh 1.6.2001
Lufthansa goes
Offline
Virtuelle Demos und Sit-ins: Online-Aktivist aus den USA berichtet
in Hamburg über elektronischen Widerstand
Computer wurden
im politischen Widerstand bisher überwiegend von Profis eingesetzt:
Von ''Hackern'', die in fremde Datenbanken eindrangen und diese manipulierten.
In den USA entwickelten linke AktivistInnen Mitte der 90er Jahre die
Idee des ''zivilen elektronischen Widerstandes'', der statt auf ausgefeilte
Computerkenntnisse auf zahlreiche Teilnahme setzt. Der Mitbegründer
der Pioniergruppe ''Elektronic Disturbance Theater (EDT)'', Ricardo
Dominguez, wird heute in Hamburg über elektronischen Widerstand
berichten - anlässlich der für den 20. Juni geplanten Online-Demontration
gegen die Lufthansa.
Die Blockade der
Lufthansa-Website wird die erste Aktion dieser Art in der Bundesrepublik
sein. Am Tag der Aktionärsversammlung am 20. Juni soll um 10
Uhr der Zugang zum Internet-Portal der Airline für KundInnen
versperrt sein - ähnlich wie bei einem Sit-in. Mit der ''Online-Demonstration
against Deportation Business'' protestiert die Kampagne ''Kein Mensch
ist illegal'' zusammen mit der Gruppe ''libertad'' gegen die jährlich
etwa 10.000 Abschiebungen von Flüchtlingen an Bord von Lufthansa-Maschinen.
Die Blockade soll das Vertrauen der KundInnen in die Airline erschüttern
und diese dazu bewegen, aus dem Abschiebegeschäft auszusteigen.
Da ein Großteil
der Flüge unter dem Kranich-Logo mittlerweile über das Internet
gebucht wird, ist diese ''größte Filiale'' der Ort des
Protestes. Um den Charakter einer öffentlichen Demonstration
zu unterstreichen, hat ''Kein Mensch ist illegal'' diese beim Ordnungsamt
Köln angemeldet. Wie die Online-Demo ablaufen wird, werden weitere
Referenten heute abend berichten.
Politischen Widerstand
ins Netz zu verlegen ist die Konsequenz aus der Entwicklung zum ''Informationszeitalter''.
Bisher setzten Aktionen darauf, sich zu den Adressaten des Protestes
direkt hinzubewegen und dort den normalen Ablauf zu stören, durch
Kundgebungen vor Ausländerbehörden oder Blockaden vor Firmensitzen
beispielsweise. Die aber treten mittlerweile immer weniger lokal gebunden
auf.
Erstmals 1995
organisierte deshalb die Gruppe ''Strano Network'' ein virtuelles
Sit-in: Per Computer protestierten die TeilnehmerInnen gegen die Atomtests
Frankreichs auf dem pazifischen Atoll Mururoa.
Die Gruppe ''Electronic
Disturbance Theater'' von Ricardo Dominguez, der heute abend in der
Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) referieren wird,
initiierte zwischen 1998 und 1999 über 16 sit-ins auf Sites der
mexikanischen Regierung, um die Forderungen der Zapatistas zu unterstützen.
Die EDT betont aber, dass der virtuelle Protest Offline-Aktionen auf
der Strasse nur ergänzen, nicht ersetzen kann: ''Das Netz ist
ein sehr effektives Werkzeug - aber eben auch nicht mehr als ein Werkzeug.''
Elke Spanner
Heute abend, 19
Uhr, HWP, Uni-Campus.
Infos zur Lufthansa-Blockade: http://go.to/online-demo
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