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Netzaktivismus gegen Abschiebung
Erfolg einer Imageverschmutzungskampagne

 

Digitaler Widerstand

Netzaktivismus gegen Abschiebung
Erfolg einer Imageverschmutzungskampagne

[aus: So oder So Nr. 9 - Herbst 2001 - Seite 4]

Köln, 20. Juni 2001, kurz vor 10 Uhr. Erwartende Spannung liegt auf dem Platz vor der Kölnarena. Drinnen in der Messehalle hat die Lufthansa AG zur Jahreshauptversammlung der Aktionäre geladen. Draußen protestieren Gruppen von "kein mensch ist illegal" und Libertad!. Mit Transparenten, Straßentheater und Installationen wird ein Aspekt der Geschäftspolitik der größten deutschen Airline in den Mittelpunkt gerückt, um den es, nach Willen des Vorstandes, auf der Aktionärsversammlung auf keinen Fall gehen soll: das Geschäft mit der Abschiebung, das Deportation Business.

Die Lufthansa AG steht wegen dieser Praxis schon seit geraumer Zeit im Zentrum der Kritik. Wie andere Fluggesellschaften auch, beteiligt sie sich an der Abschiebungen. Jährlich werden 30.000 Menschen per Flugzeug aus Deutschland abgeschoben. Ein Großteil dieser als "deportee-tickets" gekennzeichneten Flugscheine verkauft die Lufthansa AG Es ist ein tödliches Geschäft: Am 28. Mai 1999 stirbt der Sudanese Aamir Ageeb nach Misshandlungen durch Grenzschützer in einer Lufthansa-Maschine.

Ausgesprochen medienwirksam entwickelte "kein mensch ist illegal" die deportation.class-Kampagne, mit der die Lufthansa AG zum Ausstieg aus diesem Geschäft bewegt werden soll. Die Kampagne beschmutzt das Image der sauberen Airline - und das ist auch der Zweck. Auch zur diesjährigen Hauptversammlung warteten Vorstand, Aktionäre und Medienvertreterinnen gespannt auf mögliche "Zwischenfälle". Waren sie doch auch angekündigt.

Anfang März hatten "kein mensch ist illegal" und Libertad! aufgerufen, die Internetpräsenz der Lufthansa AG zu blockieren. Massenhafte Aufrufe der Lufthansa-Website sollten sie als sichtbaren Ausdruck des Protestes gegen das deportation-business im besten Falle lahm legen. Diese neue Aktionsform bot sich auch deshalb an, weil Lufthansa vorhat, in den nächsten Jahren jedes vierte Flugticket online zu verkaufen. Im vergangenen Jahr wurden bereits 250.000 Flüge online gebucht - und für dieses Jahr will die Lufthansa AG diese Zahl verdoppeln. Ein guter Ort also für eine Protestkundgebung, sagten sich die Initiator/innen. Eher augenzwinkernd wurde sie auch beim Kölner Ordnungsamt angemeldet, aber das fühlte sich für den virtuellen Raum nicht zuständig. Wie sollte sie auch den (Daten-)Verkehr regeln? Trotzdem ist es ein Ort, an dem sich viele treffen können, ohne durchs halbe Land fahren zu müssen - und doch gemeinsam mit vielen gegen das Geschäft mit der Abschiebung protestieren zu können.

Mittels geschickter Pressearbeit, massenhaften Flyers, Plakaten und einer gemeinsamen Ausgabe der "deportation.class"- Zeitung gelang es schnell eine große Öffentlichkeit zu erreichen. Entsprechend erwartungsvoll war auch die Stimmung vor der Kölnarena. Die Online-Demonstration sollte während der Eröffnungsrede von 10 bis zwölf Uhr stattfinden und: der symbolische Startklick - wo auch sonst - vor Ort erfolgen.

Nach dem Startklick

Demonstrant/innen hatten sich im Vorfeld über die Homepage (go.to/online-demo) über die "Demoroute" informiert und brauchbare "Winkelemente" besorgt: Eine Software stand zur Verfügung und konnte heruntergeladen wer den. Damit wurde eine technische Hilfestellung gegeben, um in viel höherer Geschwindigkeit als es mit der Hand möglich ist, fortlaufend die Lufthansa-Seiten anzuklicken. Nach dem der Startklick erfolgte und die zeitbegrenzte Software um 10 Uhr "scharf" war, setzte ein elektronischer Ansturm auf www.lufthansa.com ein. Innerhalb der zweistündigen Aktion gab es mindestens zwei zehn- bis fünfzehnminütige Phasen, in denen die Server der Lufthansa nicht oder nur äußerst schwer zu erreichen waren. Auch wenn es unmöglich ist, die genaue Teilnehmer/ tausendfach abgeforderte Software und die Verwendung eines Javascripts, das von der Homepage aufgerufen werden konnte, die Gewissheit, dass gut und gerne zehntausend Menschen sich an der Aktion beteiligten. Die ersten Nachrichten des WDR noch während der Online-Aktion verkündeten gar einen Ausfall der Lufthansa-Seite.

Tatsächlich hat es diesen Ausfall nicht gegeben - und es hat ihn doch gegeben. Wie geht das? Es hing zum Teil sehr stark vom jeweiligen Providernetz ab, ob der online-Ticketschalter zu erreichen war. Teilnehmer/innen aus einigen Netzen, wie z.B. dem Deutschen Forschungsnetz (DFN) handelten sich von vornherein Fehlermeldungen ein. Das DFN-Netz, an dem fast alle Universitäten hängen, hatte die Studierenden und das Universitätspersonal pauschal ausgesperrt: Anfragen an die Lufthansa-Seite wurden erst gar nicht weitergeleitet. Auch andere, kommerzielle Anbieter von Internetzugängen wurden von den Lufthansa-Systemadministratoren mit dem Wunsch angegangen, aus ihren Netzen alle Anfragen an Lufthansa herauszufiltern, um so den Ansturm abzuschwächen. Überhaupt betrieb die Lufthansa AG einen beträchtlichen organisatorischen, technischen und finanziellen Aufwand, um den Imageverlust abstürzender Internetseiten zu vermeiden. So orderte sie zusätzliche Bandbreite. Um die Präsenz auf jeden Fall aufrecht zu halten und ohne Rücksicht auf ihre Kunden schaltete sie zwischen verschiedenen Netzen hin und her. Damit gingen jeweils die Kundendaten, Anfragen, Bestellungen etc. verloren. Die Direktive war ganz augenscheinlich, koste es was es wolle, die Lufthansa-Präsenz im Netz aufrechtzuerhalten. Was dahinter geschah - bzw. eben nicht mehr stattfand: die normalen Funktionen, Flüge abfragen und buchen - war nicht mehr wichtig. Während der Rede des Vorstandsvorsitzenden sollte auf keinen Fall der Eindruck entstehen, die Gegner/innen der deportation.class hätten Erfolg.

Die politischen Ziele hatte die Online-Demo bereits vor dem ersten Mausklick erreicht. Sicher auch durch den Neuigkeitswert einer erstmaligen öffentlich angekündigten Internetaktion, griffen zahlreichen Medien die Thematik der Aktion auf. Anders als vielleicht zu befürchten war, stand dabei nicht allein das Mittel, die Aktionsform, im Mittelpunkt. Die Abschiebepraxis und die Beteiligung der Lufthansa wurden thematisiert. Die deportation.class-Kampagne erreichte eine große Breitenwirkung. So stand die Lufthansa AG schon vor dem 20. Juni wieder im Zentrum der Kritik. Ihrem Versuch, die Aktivist/innen als "terroristisch" und "kriminell" zu brandmarken, war auch kein Erfolg beschieden. Selbst die verbale Unterstützung aus dem Bundesjustizministerium konnte die öffentliche Wahrnehmung der Aktion nicht beeinflussen.

Live dabei

Die Erfahrung einer Online-Demo ist nicht zu vergleichen mit der einer auf der Straße. Der/die Einzelne bewegt sich in einer nicht sichtbaren Menge, die Frage "Wie viele sind wir?" kann nicht durch Schulterklettern erkannt werden. Einige mochten das Gemeinschaftsgefühl vermissen, auch die unmittelbare Konfrontation mit der Staatsmacht blieb aus. Kein Seitenspalier, aber auch keine unsäglichen Parolen, die man gar nicht erst mit rufen möchte. All das kann ein - auch kollektiver - elektronischer Protest nicht bieten. Die massenhafte Beteiligung, der technische und politische Erfolg wird erst wirklich sichtbar in der Auswertung. Der Online-Demo gegen die Lufthansa fehlte trotzdem eine besser mögliche Visualisierung der Aktion und eine Plattform der Kommunikation zwischen den Demonstrant/innen in realtime.
In der Folge der Aktion gab es auch Stimmen, die die Wirksamkeit der Software bemängelten. Es gab Ratschläge, wie die Effizienz hätte gesteigert werden können und vielleicht doch den einen oder anderen "Hackertrick" zur Anwendung gebracht werden sollte. Aber bereits vor der Online-Demo hatte ein Aktivist der Kampagne auf diesen Punkt hingewiesen: "Wichtig ist uns die Transparenz der Aktion und der angewandten Methoden. Diese Form des elektronischen Widerstandes, die wir propagieren, ist kein Coup aus der Computerfreak-Ecke, kein Hackerstreich. Die könnten viel effektiver sein. Wir bauen nur auf die - sicherlich technisch unterstützte - Massenaktivität. Deswegen sprechen wir auch von Kundgebung oder Demonstration, weil das die Beteiligung zahlreicher Menschen impliziert und klar ist, dass es in der Öffentlichkeit stattfindet."

Während die Initiator/innen von Anfang an, den politischen Charakter der Aktion hervorhoben, forcierten nach der Aktion einige Medien (Spiegel-online, Stimmen bei indymedia u.a.) eine geradezu militaristische Bewertung. Weil kein Server kaputt gegangen ist, konnte die Aktion nur ein Misserfolg sein. Das Ziel war allerdings die (technische) Störung der Online-Geschäfte der Lufthansa und die (politische) Denunziation des Abschiebe-Geschäftes. Beides konnte die Online-Demo erreichen. Die Initiator/innen von "kein mensch ist illegal" und Libertad! verwiesen nach der Aktion auch darauf, dass für sie die Aktivitäten eines digitalen Protestes niemals alleine stehen.
"Wir sind", so ein Onliner "durchaus kritisch, was die Möglichkeiten elektronischen Widerstandes betrifft. Keine Internetdemonstration ersetzt die Bewegung auf der Straße, bestenfalls ist es eine Ergänzung. Dabei stehen sich virtuelle und reale Wirklichkeiten nicht gegenüber. Massenhaft wurde an einem Tag zur verabredeten Stunde die Lufthansa virtuell ,besetzt' mit dem Ziel realer Einflussnahme auf ihre Geschäftspolitik. Im Anschluss an unsere Aktion wurden Vorschläge laut, die nächsten Castor-Transporte mit elektronischen Blockaden der Internetseiten der Deutsche Bahn zu, begleiten'. Ich glaube, die wenigsten hängen dabei dem Irrtum an, gesellschaftliches, insbesondere oppositionelles, Tätigwerden käme mit einem nur simulierten, nicht echten Angriff auf die herrschenden Verhältnisse sehr weit. "

 


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