Veranstaltungsrede:
Frankfurt/Köln 29./30.Mai 2001
Online-Demo
ja - virtuelle Solidarität NEIN! -
in
etwa so könnte ich unsere Position überschreiben.
Wir
werden täglich mit neuen Begriffen bombardiert
- die Werbebranche ist da recht findig. Und jetzt machen
wir da noch mit: Virtuelle Blockade, Online-Demo, Internet-Aktion,
-- eProtest statt eCommerce.
Lauter
Schlagworte, die vielleicht so kurzlebig, sicher heute
noch so oberflächig sind, wie die bunten Seiten
im Internet.
Wir
wollen uns aber daran machen, auch dort Protest und
Widerstand zu organisieren, wo Kommerz und Leuteverdummung
Programm ist.
Wir
haben uns in Libertad! zusammengeschlossen, um die Solidarität
mit den politischen Gefangenen weltweit zu organisieren.
Wir wollen ein internationales Netzwerk von Unterstützungsgruppen
und Solidaritätskomitees schaffen. Mord und Folter,
Isolationshaft und andere Verbrechen an gefangenen Oppositionellen,
sind keine nationale Eigenart dieses oder jenes Staates.
Wer um Befreiung und soziale Emanzipation kämpft,
ist überall auf der Welt ein "public enemy", ein
Staatsfeind - zur Fahndung ausgeschrieben, dem unendlichen
Erfindungsreichtum staatlicher Quälerei unterworfen.
Dagegen
auf allen Ebenen Widerstand zu organisieren, ist unser
Hauptanliegen. Deswegen beteiligen wir uns auch schon
seit längerem an den Aktivitäten gegen den
staatlichen Rassismus in Deutschland. Das ist für
uns kein Gegensatz, und - so meinen wir - sollte es
auch für niemanden anderes sein.
Die
Kampagne gegen das Deportation.Business der Lufthansa
läuft schon seit zwei Jahren. Als wir uns überlegten,
wie wir die Kampagne unterstützen können,
war bald der Gedanke geboren, andere, bisher in Deutschland
nicht genutzte, Protestformen anzuwenden. Wir fragten
uns: wo und wie können wir das Geschäft mit
der Abschiebung empfindlich treffen und bloßstellen?
Was müssen wir machen, damit sich viele Menschen,
ob alt, ob jung, reisefreudig oder auch nicht, wegen
Arbeit oder sonstigem unabkömmlich usw. usf. an
einer Aktion beteiligen können?
So
sind wir aufs Internet gekommen. Die Lufthansa will
ihre Präsenz dort gewaltig ausbauen. So will die
deportation.airline in vier Jahren jedes vierte Flugticket
online verkaufen. Im vergangenen Jahr wurden bereits
250.000 Flüge online gebucht - und für dieses
Jahr will die Lufthansa AG diese Zahl verdoppeln. Also,
können wir eindeutig feststellen, das die Lufthansa-Niederlassung
im Internet für ihr Geschäft eine immer größere
Bedeutung bekommt. Also, ein guter Ort für eine
Protestkundgebung. Auch ein Ort, an dem sich viele treffen
können, ohne durchs halbe Land fahren zu müssen
- und doch ihre Protest gegen das Geschäft mit
der Abschiebung deutlich machen können.
Denn
das wollen wir erreichen: Durch eine Massenaktion, durch
die Teilnahme von xtausenden rund um den Erdball zu
gleichen Zeit am gleichen Ort, die Lufthansa-Seite im
Internet in Mausklicks gegen das deportation.business
vorrübergehend ertränken. Wir haben das auch
eine elektronische Abstimmung gegen Abschiebung genannt.
Ziel
ist, der Lufthansa AG und der Öffentlichkeit das
massive und massenhafte NEIN! zu sagen. Die Lufthansa
soll aus dem Verkauf der deportee-tickets aussteigen.
Wenn wir das erreicht haben, wird es auch den anderen
Fluggesellschaften, die schon im Geschäft sind
oder in den Startlöchern hocken, eine Warnung sein.
Wir
werden noch darüber sprechen, was wir am 20. Juni,
ab 10 Uhr morgens zusammen machen, was getan werden
sollte und wie sich alle daran beteiligen können.
Zuvor möchte ich mich noch etwas mit dieser Form
der Demonstration beschäftigen.
Im
Zentrum steht für uns das Anliegen und das Ziel,
nicht das Mittel und die Technik. Elektronischer oder
digitaler Widerstand ist keine Spielerei. Sicherlich
hat es den Reiz des Neuen. Für uns ist es aber
nur ein Teil unseres Kampfes für gesellschaftliche
Befreiung. Die Begründung und der Zusammenhang
stehen dabei für uns an erster Stelle - und wir
beziehen uns bewusst auf eine reale Kampagne, die gegen
die deportation.class, weil es aus unserer Sicht auch
nur so Sinn macht.
Schon
jetzt, nach dieser kurzen Zeit, seitdem das Vorhaben
Online-Demo öffentlich ist, haben wir ein Ziel
erreicht: Schon allein die Ankündigung der Online-Demo
hat die Lufthansa-Abschiebepraxis wieder in die Öffentlichkeit
gebracht. Und anders als vielleicht zu erwarten war,
wird in erster Linie über diesen Hintergrund der
Aktion berichtet. Das ist gut so - denn damit ist schon
jetzt der Zweck erfüllt, die Kampagne gegen die
Lufthansa-Deportationsflüge mit einer weiteren
Aktionsform zu unterstützen und das Image der Lufthansa
als saubere Fluglinie anzukratzen.
Warum
macht Libertad! so was?, wurde ich mehrfach gefragt.
Wir machen es auch, weil wir neue Formen von Protest
und Widerstand ausprobieren wollen. Wir sind guten Mutes,
dass wir zusammen dabei auch auf weitere Ideen kommen
werden. Wir machen das mit einem durchaus kritischem
Blick, über die Möglichkeiten elektronischen
Widerstandes. Das sei gleich vorweg gesagt, keine Internetdemonstration
kann die Bewegung gegen die "Hardware" der Verhältnisses
ersetzen - macht sie nicht nur nicht überflüssig,
sondern verdeutlich - wie wir meinen - ihre Notwendigkeit.
Und wie bei jedem gesellschaftlichen, insbesondere oppositionellen,
Tätigwerden kommt man mit einem simulierten, nicht
echten Angriff auf die herrschenden Verhältnisse
nicht sehr weit.
Wichtig
ist uns die Transparenz der Aktion und der angewandten
Methoden. Diese Form des elektronischen Widerstandes,
die wir propagieren, ist kein Coup aus der Computerfreakecke,
kein Hackerstreich. Die könnten viel effektiver
sein. Wir bauen nur auf die - sicherlich technisch unterstützte
- Massenaktivität. Deswegen sprechen wir auch von
Kundgebung oder Demonstration, weil das die Beteiligung
zahlreicher Menschen impliziert und klar ist, dass es
in der Öffentlichkeit stattfindet.
Sind
wir Geisterfahrer auf der Datenautobahn? Nein, eher
nicht. Wir nutzen das Internet aber zur gegenseitigen
Information, der Vernetzung von Aktions- und Solidaritätsgruppen,
immer mit dem Ziel der Verabredung gemeinsamer praktischer
Schritte gegen die herrschenden Verhältnisse. Das
interessiert uns am meisten und da beteiligen wir uns
an einem sich auch elektronisch vernetzenden Widerstand,
der sich im virtuellen Raum verständigt um real
zu handeln.
Andererseits
ist das Internet alles andere als ein widerständischer
Bereich, sondern dominiert von Geschäftemacherei,
rassistischer und sexistischer Propaganda, und immer
stärker unter der Fuchtel staatlicher und kommerzieller
Ordnungsfanatiker.
Aber
es ist ein öffentlicher Raum, in dem die sozialen
und politischen Widersprüche genauso präsent
sind wie in der wirklichen Welt auch. Denn es ist ein
Teil davon. Und so wenig wie uns die Straße gehört,
gehört uns die Internet-Welt. Jede nicht der Warengesellschaft
und dem herrschenden Konsens entsprungene und verpflichtete
soziale Äußerung von Bedürfnissen und
Interessen, muss für ihre Durchsetzung kämpfen.
Das ist dort nicht anders als an anderen Orten auch,
sei es in der Schule, in den Büros und Fabriken
- oder praktisch bei Demonstrationen und Kundgebungen
auf den Plätzen der Städte.
Mit
der ersten Online-Demo in Deutschland wollen wir auch
ein Zeichen setzen. Nicht nur gegen die Lufthansa und
das Abschiebegeschäft. Wir wollen zeigen, dass
es möglich ist, im Internet kollektiv solidarisch
zu handeln. Das ist nicht selbstverständlich. Technik
und Medium ermöglichen zwar die kollektive Interaktion,
fördern aber auch einen verfluchten Individualismus
und eine gemeinschaftsfeindliche Oberflächlichkeit.
Dagegen
setzen wir auf die gemeinsame Aktion. Heute gegen staatlichen
Rassismus und Menschenmisshandlung durch Deportation.
Morgen vielleicht gegen staatliche Institutionen und
Firmen, die in der Überwachungs- und Repressionstechnologie-Branche
tätig sind.
Natürlich
ist der Online-Protest materiell schwer fassbar. Am
20. Juni sehen wir es hoffentlich an den immer langsamer
werdenden Servern der Lufthansa, bis ihnen quasi die
Luft ausgeht und nur noch Fehlermeldungen kommen. Natürlich
wäre das nur sinnbildchen für den geforderten
Ausstieg der Lufthansa aus dem deportation.business.
Ansonsten geht es aber genau um diese Realität
- die Online-Demonstration ist insofern real, wie sie
mit massenhafter Beteiligung den virtuellen Raum nutzt
- weil und um in die herrschenden Verhältnisse
zu intervenieren.
Denn
das letzte was wir wollen, ist eine virtuelle Solidarität.
In diesem Sinne, ist unser Motto heute:
let's
go to online-demo