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Junge Welt 12.5.01
Tag X für
Lufthansa
Aufruf zu virtueller Massendemonstration gegen Abschiebungen
Für die Lufthansa
kommt es zur Zeit knüppeldick: Der Höhenflug der Aktie nahm
ein jähes Ende. Infolge des Streiks der Piloten rechnet der Konzern
mit einem Schaden von mindestens 50 Millionen Mark. Und nun kündigen
antirassistische Gruppen für den Juni eine Online- Demonstration
an, mit der das Internetportal des Konzerns blockiert und das Ende
des »Geschäfts mit den Abschiebungen« angemahnt werden
soll.
Bisher war die
Idee, an einem »Tag X« aktiv zu werden, ein Vorhaben,
daß mit der Anti-Atom-Initiative »X-tausendmal quer«
in Verbindung stand. Nun wollen auch antirassistische Initiativen
einen solchen Tag X durchführen.
Das Netzwerk »kein
mensch ist illegal« und die Initiative »Libertad!«
rufen dazu auf, aus Protest gegen das Geschäft mit den Abschiebungen
die Lufthansa am 20. Juni diesen Jahres, wenn in Köln die Aktionärsversammlung
des Konzerns stattfindet, im Internet zu blockieren. Schon seit über
einem Jahr machen antirassistische Initiativen im Rahmen der Kampagne
»stop deportation class« gegen das Geschäft der Abschiebungen
mobil.
Der Hintergrund
dieser Kampagne: Etwa 40 000 Menschen werden pro Jahr aus Deutschland
abgeschoben. Und die Lufthansa, so der Vorwurf von »kein mensch
ist illegal« und von »Libertad!«, verdiene daran.
Denn die Fluggesellschaft verkaufe den Löwenanteil der als »deportee-tickets«
gekennzeichneten Flugscheine. Doch diese »deportation class«
bringe nicht nur beträchtliche Einnahmen, sie schade eben auch
dem Image des Konzerns. Seit am 28. Mai 1999 der Sudanese Amir Ageeb
in einer Lufthansa-Maschine unter den Mißhandlungen deutscher
Bundesgrenzschützer zu Tode kam, sieht sich der Konzern mit lauter
werdenden Forderungen »nach einem Rückzug aus dem schmutzigen
Geschäft konfrontiert«.
Tatsächlich
gab es einige Reaktionen auf die in Gang gekommene Diskussion um Abschiebungen.
So hat kürzlich die Pilotenvereinigung Cockpit ihren Mitgliedern
empfohlen, zukünftig keine Personen an Bord zu nehmen, die einen
Transport ablehnen oder gar gefesselt sind. Und die ÖTV forderte
Anfang des Jahres ihre im Lufthansa-Aufsichtsrat sitzenden Mitglieder
auf, sich gegen das Geschäft mit den Abschiebungen einzusetzen.
Obwohl die Fluggesellschaft
inzwischen öffentlich verkündete, keine Beförderung
von Menschen gegen deren erklärten Willen vorzunehmen, ist es
auch in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder zu teils brutalen
Abschiebeversuchen gekommen. Insbesondere am Rhein- Main-Flughafen
in Frankfurt, über den die meisten Flüchtlinge ausgeflogen
werden, gab es in jüngster Vergangenheit immer wieder Protestaktionen.
Bisher waren Lufthansa-Flugschalter und Reisebüros, aber auch
die letzte Aktionärsversammlung des Konzerns, die Orte, an denen
das Netzwerk »kein mensch ist illegal« und andere Gruppen
auf die Abschiebepraxis hinwiesen. Nun gelte es, so die zu der Internet-Demo
aufrufenden Initiativen in einer aktuellen Presseerklärung, auch
da zu demonstrieren, wo die Luftfahrtgesellschaft besonders präsent
sei.
Ähnlich wie
bei einer Sitzblockade solle demnächst der Zugang zur Homepage
der Lufthansa AG durch Tausende Internetnutzer zeitweise versperrt
werden. »Wir fordern von der Lufthansa AG, sich aus dem schmutzigen
Geschäft mit den Abschiebungen zurückzuziehen. Um dieser
einfachen Forderung Nachdruck zu verleihen«, so der Aufruf zur
Beteiligung an der Aktion, »werden wir deutlich machen, daß
es gute Zukunftsaussichten nur gibt, wenn der Konzern von den Abschiebeflügen
zurücktritt: mit Protestaktionen rund um die Kongreßhalle
in Köln, und erstmals auch mit einer Internet-Demonstration.
Da die Lufthansa sich selbst als Netzkonzern zu vermarkten sucht,
wird sie auf eine virtuelle Massendemonstration vor ihrem Internetportal
besonders empfindlich reagieren.«
Für alle,
die konventionelle Formen des Protestes vorziehen, gibt es natürlich
auch weiterhin die Möglichkeit, auf der Straße und an den
Flughäfen aktiv zu werden. Seit drei Jahren finden im Rahmen
der Kampagne »kein mensch ist illegal« antirassistische
Grenzcamps statt. Bisher an Orten im deutsch- polnischen und deutsch-tschechischen
Grenzgebiet. Dieses Jahr wird das Grenzcamp Ende Juli/Anfang August
in der Nähe des Frankfurter Flughafens stattfinden.
Thomas Klein,
Frankfurt am Main
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