Auch die Israelis foltern Araber von Atilio Boron'
ZNet 09.05.2004
Die brutale, erniedrigende Behandlung irakischer
Gefangener durch Amerikaner zeigt erstaunliche Parallelen
zu Verhörpraktiken, wie sie der israelische GSS (General
Security Service, auch Shabak oder Shin Bet genannt)
gegen palästinensische Gefangene anwendet. Das derzeitige
Medieninteresse an ersterem Phänomen – und das
Ausmaß dieses Interesses ist gesund -, bietet Gelegenheit,
die Aufmerksamkeit auch auf letzteres zu lenken. Natürlich
ist es verführerisch zu argumentieren, es sei richtig,
dass die US-Medien ihr Hauptaugenmerk auf amerikanische
Misshandlungen richten und kaum oder gar nicht auf
die israelischen. Schließlich trügen Amerikaner nur
an Ersterem die Schuld – weswegen amerikanische
Medien speziell die Pflicht hätten, die Schuld der
eigenen Nation, der eigenen Regierung, offenzulegen.
Aber Amerika trägt auch eine Mitschuld an den Misshandlungen
durch den israelischen GSS, denn die USA statten Israel
mit massiven Finanzhilfen aus. Seit 1985 wurden Israel
jährlich 3 Milliarden Dollar bewilligt 7 (Anmerkungen
– chronologisch geordnet - am Ende des Artikels).
1987 verfasste Moshe Landau, ein pensionierter Richter
des Obersten Gerichtshofs Israels, Empfehlungen für
den GSS. Diese gestanden dem GSS bei Gefangenen-Verhören
die Anwendung von Folter zu. Allerdings gebrauchte
die Landau-Kommission im Zusammenhang mit dieser Praxis
nicht das Wort „Folter“. Stattdessen griff
man zu Euphemismen wie „moderater physischer
Druck“ oder „nichtgewaltsamer psychologischer
Druck“ 5, 8. Was aber ist mit „moderatem
physischem Druck“ und „nichtgewaltsamem
psychologischem Druck“ gemeint? Typisch der
folgende Bericht eines 15jährigen, den man verhaftete,
weil er Steine warf: „Sie legten mir Handschellen
an und schlugen mich auf der Fahrt nach Fara’a
(Militärgefängnis in Nablus). Nach meiner Ankunft
brachten sie mich zu einem „Doktor“ zum
„Checkup“. Später erfuhr ich, dass der
„Checkup“ dazu diente, körperliche Schwachstellen
aufzudecken, auf die man sich bei der Folter konzentrieren
kann. Besonderes Interesse galt meinem Bein. Es war
früher mal verletzt und noch empfindlich. Vor dem
Verhör fragten sie mich, ob ich bereit sei zu gestehen.
Dann hängten sie mich nackt an meinen Handgelenken
auf, draußen, wo es kalt war. Sie verpassten mir abwechselnd
heiße und kalte Duschen. Über dem Kopf trug ich eine
in Jauche getunkte Kapuze.“ 5
Der Sack über dem Kopf – ein Muster, das sich
durchzieht. Bevor man ihn gegen den Gefangenen einsetzt,
wird der Sack normalerweise beschmutzt – entweder
mit Jauche, siehe oben oder mit Erbrochenem 4. Der
Sack wird festgezurrt, sodass man (fast) erstickt
4, 11. Man hält die Gefangenen vom schlafen ab (1,
2, 5, 8, 11) und rüttelt sie heftig (1, 5, 8 11),
außerdem zwingt man sie in die sogenannte „Shabeh“-Position.
Sie müssen sich umgekehrt über einen Stuhl beugen,
Hände und Füße sind unten gefesselt (4, 5, 6, 11).
Der Gefangene kann sich nicht bewegen und muss womöglich
längere Zeit laute Musik, die ihm in den Ohren dröhnt,
ertragen (2, 6, 10, 11). Hier eine Aussage aus erster
Hand. Sie stammt von dem palästinensischen Geschäftsmann
Mousa Khoury, der bereits sechsmal von israelischen
Kräften festgenommen und verhört wurde: „Meine
Hände waren auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt.
Sie steckten einen Kartoffelsack über meinen Kopf.
Meine Beine waren mit Handschellen an einen kleinen
Stuhl gefesselt. Die Sitzfläche des Stuhls war 10cm
auf 20cm. Das Rückenteil war 10cm auf 10cm. Der Stuhl
war aus Hartholz. Die vorderen Stuhlbeine waren kürzer
als die hinteren. Also rutschte man automatisch nach
vorne; nur deine Händen waren hinten festgebunden.
Wenn du dich nach hinten setzt, bohrt sich die Lehne
in einem schmalen Bereich in deinen Rücken. Kippst
du nach vorne, hängst du automatisch an deinen Händen.
Es war sehr schmerzhaft. Zur Toilette ließen sie dich
erst, wenn du deine Bitte hundertmal geschrien hast...
Deine Gedanken bewegten sich immer vor und zurück,
vor und zurück, und du hattest keinen normalen Gedankenfluss
mehr“ 8.
Die Landau-Kommission hatte entschieden, dass diese
Form des „Drucks“ nur unter „sehr
besonderen, gerechtfertigten Umständen“ zur
Anwendung kommen dürfe 2 – etwa in der Situation
der „tickenden Zeitbombe“, wenn man annimmt,
ein Gefangener hat Informationen über einen unmittelbar
bevorstehenden Terroranschlag 6, 10. Aber laut Eitan
Fellner, von der israelischen Menschenrechtsorganisation
B’Tselem, war das keineswegs die Regel. „Die
Folter wurde in allen Verhörzentren des Shin Bet zur
bürokratischen Routine. Wir schätzen, dass 85 Prozent
aller palästinensischen Gefangenen gefoltert wurden,
und das obgleich viele später ohne Anklage freigelassen
wurden“ 5. 1999 verbot der Oberste Gerichtshof
Israels diese Art von „Druck“ –
bedingungslos 4, 10. Was keineswegs heißt, dass er
aufhörte. So dokumentiert B’Tselem noch zwischen
Oktober 2000 und Januar 2001 (9) Folter an Palästinensern,
die in der Polizeistation von Gush Etzion verhört
wurden. Die Opfer waren Minderjährige – Teenager,
die man meist mitten in der Nacht aus ihren Häusern
holte und bis zum andern Morgen verhört. Diese Kinder
wurden stundenlang massivst verprügelt – manchmal
mit verschiedenen Objekten – sie wurden bei
kaltem Wetter mit Wasser abgespritzt, man drückte
ihnen den Kopf in die Kloschüssel und betätigte die
Spülung. Sie wurden mit dem Tod bedroht oder anderweitig
verbal misshandelt. Sie mussten lange in schmerzhaften
Positionen verharren. Ziel war es, sie zu Geständnissen
über andere Minderjährige zu pressen. Ich zitiere
die B’Tselem-Website: „Aussagen, die B’Tselem
vorliegen, lassen darauf schließen, dass es sich hier
nicht um isolierte Fälle oder ungewöhnliches Verhalten
bestimmter Polizisten handelte, (und) Informationen,
die B’Tselem erhielt, deuten mit großer Wahrscheinlichkeit
darauf hin, dass die Folterpraxis bei Verhören in
der Polizeistation Gush Etzion weiter andauert“
9.
Jessica Montell ist B‘Tselems Exekutiv-Direktorin.
Zur Frage, ob nach wie vor in Gewahrsam gefoltert
wird, sagt sie: „Nehmen wir an, ich bin eine
Verhörperson und habe das Gefühl, die Person vor mir
verfügt über Informationen, die eine Katastrophe verhindern
könnten, dann würde ich tun, so meine Einschätzung,
was ich muss, um diese Katastrophe abzuwenden. Dem
Staat obliegt es anschließend, mich anzuklagen, weil
ich gegen das Gesetz verstoßen habe. Also sage ich:
„Hier sind die Fakten, die mir zur Verfügung
standen. Das und das habe ich damals gedacht. Das
und das empfand ich als notwendig“. Zu meiner
Verteidigung kann ich mich auf Notstand (necessity)
berufen, dann entscheidet das Gericht, ob es sinnvoll
von mir war, das Gesetz zu brechen, um diese Katastrophe
zu verhindern“ 8. Klingt nach einer Verbesserung,
ist aber immer noch inakzeptabel für alle, die an
die Würde des Menschen glauben.
Parallelen zwischen israelischen und amerikanischen
Misshandlungen an Arabern veranlassten Al-Dschasierah
zu der Vermutung, die US-Armee hätte ihre Technik
von den Israelis gelernt. Al-Dschasierah zitiert den
israelisch-arabischen Knesset-Abgeordneten Talab al-Sanai
mit den Worten: „im Irak gibt es viele israelische
Folterexperten, die ihre gesammelten Erfahrungen aus
37 Jahren Folter und Misshandlung von Palästinensern
an die Amerikaner weitergeben“ 11. Eine Frage,
deren Klärung sich lohnen dürfte – ethisch gesehen
allerdings nicht die zentrale Frage. Die zentrale
Frage in ethischer Hinsicht ist: Wenn die Taten der
Amerikaner weltweite Ächtung verdienen, warum nicht
auch die der Israelis? Schließlich wurden die Taten
Letzterer durch die Gelder amerikanischer Steuerzahler
mitfinanziert. Somit handelt es sich in gewissem Sinne
bzw. bis zu einem bestimmten Grad auch um amerikanische
Taten. Man könnte natürlich argumentieren, was die
Amerikaner im Irak tun, ist schlimmer. Schließlich
verhält sich Israel nicht so orwellmäßig und verkündet
„Freiheit“ und „Demokratie“,
während es gleichzeitig Menschen foltert und tötet.
Zudem war das, was diese Amerikaner taten, von einem
Element der sexuellen Erniedrigung geprägt - vielleicht
ein Unterschied zu den Taten des GSS. Das sind wichtige
Punkte. Dennoch, die israelischen Taten - begangen
mit Unterstützung der USA – unterscheiden sich
nicht so sehr, als dass sie nicht auch öffentlich
untersucht gehörten. Und dazu gibt es wohl keine bessere
Gelegenheit als gerade heute, da die Medien den Staub
um die Geschehnisse im Gefängnis von Abu Ghraib aufwirbeln.
Quellen
1 - Stephanie Nebehay, 23. März 1997: „U.N.
investigator says Israel tortures Palestinian prisoners“
(UN-Untersucher sagen, Israel foltert palästinensische
Gefangene), Reuters
2 - 19. Mai 1998: „Israel torture condemned“
(Israelische Folter verurteilt), BBC News; news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/96535.stm
3 - 26. Mai 1999: „Israel ‚torture‘
hearing opens“ (Israels ‚Folter‘-Anhörung
beginnt), BBC News; news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/353491.stm
4 - 6. September 1999: „Israel Supreme Court
bans interrogation abuse of Palestinians“ (Oberster
Gerichtshof Israels verbietet Misshandlung von Palästinensern
beim Verhör), CNN: www.cnn.com/WORLD/meast/9909/06/israel.torture/
5 - Alexander Cockburn: ‚Israel’s torture
ban‘, erschienen in The Nation vom 27. September
1999
6 - 30. Januar 2002: ‚Israel’s Shin Bet
agency‘, BBC News: news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/1791564.stm
7 - Clyde R. Mark, 14. Mai 2003, CRS Issue Brief for
Congress: Israel: U.S. Foreign Assistance: fpc.state.gov/documents/organization/21117.pdf
8 - Mark Bowden: „The persuaders“ (Die
Überzeuger), Guardian vom 19. Oktober 2003 observer.guardian.co.uk/magazine/story/0,11913,1066041,00,html
9 - Siehe 8. Mai 2004; B’Tselem: ‚Torture‘
www.btselem.org
10 - Siehe 8. Mai 2004; B’Tselem: ‚Torture
by the GSS‘ www.btselem.org
11 - 6. Mai 2004, Al-Dschasierah: „Israeli lessons
for the U.S. in Iraq“ (Die israelischen Lektionen
für die USA im Irak); english.aljazeera.net/NR/exeres/C182D988-28E3-4D48-ADFC-F15D6509BOEC.htm