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Sommer 2001 beteiligten sich mehrere hunderttausend Menschen an den Protesten
gegen den EU-Gipfel in Göteborg und das Treffen der G8 in Genua. Auch
in der BRD hatten viele verschiedene linke Spektren dorthin mobilisiert.
Neben dem großen Mobilisierungserfolg blieben die beiden Ereignisse
vielen auch wegen der Repressionsmaßnahmen in Erinnerung. Schon im
Vorfeld sprachen die Behörden Ein- und Ausreiseverbote aus, vor Ort
wurden Hunderte verhaftet oder von Polizeieinheiten schwer misshandelt,
einige durch Schusswaffen schwer verletzt und ein Carabiniere erschoss Carlo
Giuliani. Neben der quasi militärischen Repression bauen die europäischen
Regierungen die bürokratischen Instrumente ungehemmt aus. Der Informationsaustausch
der europäischen Polizeibehörden ist mittlerweile durch ein eigenes
Datenbanksystem, Eurojust gewährleistet und eine europäische Polizeibehörde,
Europol, schafft persönliche Beziehungen zwischen den einzelnen Polizeiapparaten.
Dazu beschloss der Europarat Instrumente wie den Europäischen Haftbefehl,
der das Auslieferungsverfahren wesentlich vereinfacht.
europa wächst
zusammen
Schon seit 1976 kooperieren Regierungen und hochrangige Repressionspezialisten
im Rahmen der Konferenz TREVI (Terrorisme, Radicalisme, Extremisme et
Violence International) fernab jeder ernsthaften öffentlichen Kontrolle
in Fragen polizeilicher und geheimdienstlicher Zusammenarbeit. Damals
dienten die in verschiedenen europäischen Staaten agierenden bewaffnet
kämpfenden Gruppen (unter anderem RAF, Action Directe, Brigate Rosse)
als Vorwand zum Abbau von BürgerInnenrechten. Auch heute ist die
Strategie ähnlich: die jüngsten Gesetzesverschärfungen
wurden nach dem 11. September 2001 mit dem Verweis auf eine Bedrohung
durch den "islamistischen Terrorismus" schnell und unkompliziert
durchgesetzt.
ein europa ohne
grenzen?
Ein altes und wichtiges Mittel staatlicher Kontrolle und Repression ist
die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. In der BRD bekommen das
Flüchtlinge zu spüren. Ihre Organisierungsbemühungen werden
durch die so genannte Residenzpflicht schwer behindert. Im europäischen
Rahmen wenden die Behörden Meldeauflagen und Ausreiseverbote vor
Großereignissen an, um "verdächtige Personen" fern
zu halten. Hierfür wurden auch die Grenzkontrollen, die nach dem
Schengener Abkommen eigentlich wegfallen sollten, willkürlich wieder
eingesetzt. An diesem Punkt werden grundlegende BürgerInnenrechte
angegriffen. Es ist unklar, nach welchen Kriterien die Reisefreiheit eingeschränkt
wird, und welche schnell wirkenden Rechtsmittel dagegen gesetzt werden
können.
der europäische
haftbefehl
Das Auslieferungsverfahren innerhalb der EU ist aktuell stark vereinfacht
worden. Konnten die Staaten bis Ende 2003 nur an ein anderes Land ausliefern,
wenn die vorgeworfene Straftat auch im eigenen Land so definiert ist,
gibt es nun 32 "Deliktfelder", bei denen das nicht erforderlich
ist. Dazu zählen unter anderem die "Unterstützung und Zugehörigkeit
zu einer kriminellen Vereinigung", "Terrorismus" und "Cyberkriminalität".
Die Formulierungen sind sehr schwammig gehalten, und es ist für einen
Staat nun fast nicht mehr möglich, die Auslieferung zu verweigern.
Spanien war eine treibende Kraft beim Zustandekommen dieses Haftbefehles
und ist auch das erste Land, dass ihn anwendet. Gleichzeitig ist es das
Land in der EU, in dem auf Polizeistationen gefoltert. Problematisch könnte
das Delikt der "Cyberkriminalität" werden, denn wer kennt
schon die Internetgesetze jedes einzelnen EU-Staates? Und wo findet eine
Straftat statt, dort, wo der Server steht, oder wo sich die Tastatur befindet?
"urbaner terrorismus"
"Terrorismus" ist traditionell ein dehnbarer Begriff und seit
seiner Entstehung dazu da, undemokratische und willkürliche Maßnahmen
zur Bekämpfung gesellschaftlicher Opposition zu rechtfertigen. Ganz
in dieser Tradition stehen die Bestrebungen der Innen- und Justizminister,
"Demonstrationsstraftaten" als "terroristisch" einzustufen.
Die Idee dazu kommt wieder aus Spanien: in einer Strafrechtsreform 2001
wurden "Gewalttätigkeiten" am Rande von Demonstrationen
als "urbaner Terrorismus" benannt. Es gab auch schon Urteile
dazu: ein Jugendlicher aus Larrabetzu im Baskenland, der einen Geldautomaten
angezündet haben soll, wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt.
die prozesse in
genua
In Genua läuft seit März 2004 ein Prozess gegen 26 italienische
AktivistInnen. Weitere Prozesse gegen 50 - 60 Betroffene, unter anderem
aus der BRD, sind zu befürchten. Werden die Vorstellungen der Staatsanwaltschaft
umgesetzt , droht den Betroffenen von 8 bis zu 15 Jahren Haft wegen "Verwüstung".
Dieser "Straftatbestand" wurde seit der Nachkriegszeit, als
damit die Beteiligung oder das Nichteinschreiten bei "Plünderungen"
von Geschäften und Häusern verurteilt wurde, nicht mehr angewendet.
Italien versucht, eine neue Rechtslage zu schaffen, nach der in Zukunft
auch nicht beteiligte Anwesende hoch verurteilt werden können.
solidarität
ist eine waffe
Ziel von staatlicher Repression ist es zunächst, ein Klima der Angst
zu schaffen, ob offen oder unterschwellig, um Menschen davon abzuhalten,
effektiven Widerstand gegen die existierenden Verhältnisse zu leisten
oder auch nur darüber nachzudenken. AktivistInnen werden durch Gefängnisstrafen
ganz unmittelbar davon abgehalten, politischen Protest öffentlich
zu äußern. Verbote von Vereinigungen und Beschlagnahmungen
von Material sollen Organisationsstrukturen und die Infrastruktur von
Bewegungen lahm legen. Schließlich dient jedes Gerichtsverfahren
auch der öffentlichen Verunglimpfung und Abwertung der dahinter stehenden
Bewegung - eine Verbreiterung der Proteste soll so verhindert werden.
Gegen ihre Strategie der Internationalisierung der Repression hilft nur
die Internationalisierung von Solidarität und Widerstand. Wir müssen
die immer stärkere Vernetzung der europäischen Polizei- und
Justizbehörden mit unserer eigenen Vernetzung beantworten. Wir können
die eigene Handlungsfähigkeit stärken, indem wir uns mit möglichen
Repressionsmaßnahmen vorher auseinandersetzen und Gegenstrategien
erarbeiten.
freiheit für
die politischen gefangenen - gegen repression und staatliche unterdrückung
Seit 1996 wird in der BRD der 18. März wieder als Tag für die
Freiheit der politischen Gefangenen und gegen Repression und staatliche
Unterdrückung begangen. Aus Anlass dieses Datums rufen wir bundesweit
zu einer Demonstration am 19. März 2005 in Berlin, unter dem Motto:
Repression kennt keine Grenzen - Unsere Solidarität auch nicht!
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